Pro & Contra: NPD-Verbot - zentrale Forderung im Kampf gegen Rechts?
[Druckversion] Thema: Rassismus, Faschismus, Nationalismus, Debatte, Solidarität - Sozialistische Zeitung, Nr. 62, Oktober 07, veröffentlicht: 14.10.2007
Jörg Fischer-Aharon und Nima Sorouri zur Kampagne der VVN: „NPD-Verbot
jetzt!“
Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) organisiert
derzeit eine bundesweite Kampagne für ein Verbot der faschistischen NPD.
„Sehr geehrte Abgeordnete des Deutschen Bundestages! Wir fordern
Sie auf, ein neues Verbotsverfahren gegen die NPD nach Artikel 21,
Absatz 2 Grundgesetz auf den Weg zu bringen.“ So beginnt der Appell, für
den in den letzten Monaten über 129.000 Unterschriften gesammelt wurden.
Sollte die Forderung, ein neues Verbotsverfahren gegen die NPD
einzuleiten, im Mittelpunkt der Arbeit von AntifaschistInnen stehen? Wie
können die Nazis gestoppt werden?
Jörg Fischer-Aharon
Berlin, freier Journalist, unter anderem Mitarbeiter von
haGalil-online und Autor bei der Jüdischen Zeitung und mut-gegen-rechte-gewalt.de
Die NPD ist eine neonazistische Partei, die einen aggressiven Rassismus
und Antisemitismus, ein diktatorisch-totalitäres Staatskonzept und
aggressive Machtbestrebungen vertritt. Die NPD steht fundamentalen
Menschenrechten – wie etwa dem Gleichheitsgrundsatz – feindlich
gegenüber. Da ist es logisch, wenn die NPD, ganz in der Tradition zur
NSDAP, auch den Gewerkschaften ablehnend gegenübersteht und – ebenfalls
nicht überraschend – die in der Menschheitsgeschichte einzigartigen und
mit nichts zu vergleichenden Verbrechen der NS-Barbarei relativiert
beziehungsweise sogar leugnet.
Daneben hat sich die NPD unverblümt zum Auffangbecken von Kadern
verbotener neonazistischer Organisationen entwickelt und selbst
einschlägig vorbestrafte Gewalttäter finden sich unter Kandidaten und
Funktionären der Partei. Die NPD erfüllt auf Grund all dieser
aufgeführten Fakten die Voraussetzungen, um verboten zu werden. Das
größte Hindernis für ein solches Verbot ist nicht die Partei selber oder
die Schwierigkeit, der Partei ihren neonazistischen Charakter
nachzuweisen. Das größte Hindernis stellt der Verfassungsschutz dar, an
dessen „V-Männern“ bereits der erste Versuch, die NPD durch das
Bundesverfassungsgericht verbieten zu lassen, gescheitert ist. Bis heute
ist die dubiose Rolle dieser Sicherheitsbehörde nicht aufgeklärt und die
Frage unbeantwortet, wie massiv diese Behörde die NPD tatsächlich
beeinflusst oder steuert.
Allerdings gibt es einen Punkt, der gegen ein Verbot der NPD spricht:
Wenn ein Verbot dieser Partei als Lösung des Problems angesehen wird.
Und das Problem ist größer, als die Wahlerfolge der NPD bei ostdeutschen
Landtags- und westdeutschen Kommunalwahlen. Die jährlich aktualisierte
Studie „Deutsche Zustände“, die als Taschenbuchreihe im Suhrkamp-Verlag
erscheint, weist im aktuellen Band Zahlen aus, die erahnen lassen, wie
weit rechtsextremes Gedankengut verbreitet ist. Nur einige Beispiele:
55,4 Prozent der Befragten sind der Meinung, „in Deutschland leben zu
viele Ausländer“; 21,6 Prozent sind der Meinung, „Juden haben in
Deutschland einen zu starken Einfluss“; 24,8 Prozent sind der Meinung,
es sei „ekelhaft, wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen“;
29,3 Prozent sind der Meinung, „Frauen sollten sich wieder verstärkt
ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter zuwenden“. Geschürt werden solche
und ähnliche Vorstellungen auch dadurch, dass sie von Teilen der
etablierten Politik übernommen und dadurch hoffähig gemacht werden. Es
reicht eben nicht, die Nazis zu isolieren, man muss auch ihre Themen
konsequent isolieren.
Ein Verbot der NPD, die ihre Finanzmittel zu gut 40 Prozent aus der
staatlichen Parteienfinanzierung bezieht, wäre ein Schlag gegen den
organisierten Neonazismus. Zur Bekämpfung des braunen Gedankengutes
jedoch bedarf es eine starke, wehrhafte Demokratie. Und eine starke
Demokratie ist nicht das Resultat eines „starken Staates“, sondern einer
starken und selbstbewussten Zivilgesellschaft, die nicht nur ein
wichtiger Beitrag bei der Emanzipierung des Einzelnen ist, sondern auch
bei der Verteidigung und dem Ausbau demokratischer Rechte. Überall dort,
wo es starke und offensive Initiativen vor Ort gibt, wo etwa
Gewerkschaften und andere demokratische Initiativen selbstbewusst und
konsequent arbeiten und auftreten, wo sich Menschen selbstständig
engagieren und „Demokratie von unten“ praktizieren, haben
Rechtsextremisten schlechte Karten.
Nima Sorouri
Köln, SAV-Bundesvorstand
Als sozialistische und internationalistische Organisation ist die SAV
auch aktiv im Kampf gegen Nazis und Rassisten. Alles, was den Rechten
Steine in den Weg legt – und ein Verbot der NPD gehört dazu – begrüßen
wir. Allerdings sind wir nicht der Ansicht, dass die Forderung nach
einem Verbot die Hauptforderung der antifaschistischen Bewegung sein
sollte.
Nazis marschieren unter dem Schutz des Staates. Polizei und Gerichte
argumentieren mit Versammlungsfreiheit und Recht auf freie
Meinungsäußerung. Das nutzen Nazi-Organisationen wie die NPD aus, um
ihre Hetze zu propagieren und eine Ideologie zu verbreiten, die auf
aggressiven Nationalismus und Rassenwahn aufbaut und die Zerschlagung
der Arbeiterbewegung zum Ziel hat. Die selben demokratischen Rechte, auf
die sich die Faschisten berufen, werden sie abschaffen, wenn sie die
Gelegenheit dazu bekommen. Darum müssen die Faschisten gestoppt werden.
Eine Kampagne, die darauf setzt, dass der Staat die NPD verbieten soll,
birgt jedoch mehrere Gefahren. Die Verbotsforderung weckt die Illusion,
dass der Staat stellvertretend für die antifaschistische Bewegung im
Kampf gegen Rechts aktiv werden kann. Die arbeitende Bevölkerung, die
Gewerkschaften, die Partei DIE LINKE und antifaschistische
Organisationen müssen sich aber den Nazis direkt in den Weg stellen.
Darauf muss die Hauptbetonung liegen.
In den letzten Jahren konnte man doch gerade sehen, dass die Instrumente
des bürgerlichen Staates nicht nur ungenügend sind im Kampf gegen
Rechts, sondern der antifaschistischen Bewegung sogar im Weg standen.
Die Polizei greift linke Demonstrationen an, damit die Nazis marschieren
können. Vor Gericht stehen AntifaschistInnen, die dabei „erwischt“
worden sind, wie sie Nazibanden blockieren wollten. Darauf zu bauen,
dass der selbe Staat sich jetzt nachhaltig um das Problem des Faschismus
kümmert, ist absurd.
Verbote von rechtsradikalen Gruppierungen in der Vergangenheit konnten
für sich genommen die Probleme nicht lösen. Zudem besteht die Gefahr,
dass sie von den Herrschenden genutzt werden, um Schläge gegen Links zu
legitimieren. Als im Jahre 1995 die FAP verboten wurde, gab es
Umstrukturierungen und Reorganisierungen. Die heute als „Freie
Kameradschaften“ fungierenden Gliederungen, die sich unter der Losung
„Nationaler Widerstand“ formieren, gehen zurück auf das FAP-Verbot. Als
im Jahre 2000 Blood-and-Honour-Strukturen verboten wurden, schlossen sie
sich anderen Gruppierungen an und gründeten Netzwerke mit neuem Namen.
Sicherlich hätte ein NPD-Verbot eine größere Wirkung. Doch die Gefahr
würde bestehen bleiben, dass sich eine Nachfolgeformation findet.
Die NPD hatte in den letzten Jahren einige Wahlerfolge und konnte neue
Mitglieder gewinnen. Die Wurzel des Problems ist das kapitalistische
System, das immer mehr Menschen immer weniger Perspektiven bietet. Die
Zukunftsaussichten sind düster. Damit gehen zunehmende Ängste einher.
Die NPD und andere Nazi-Banden haben in den letzten Jahren mit einer
sozialen Rhetorik und radikalen und antikapitalistischen Phrasen
versucht, sich als Alternative zu Sozialabbau und Arbeitslosigkeit zu
präsentieren.
Unsere Aufgabe bleibt es, die Nazis dort zu bekämpfen, wo sie auftauchen
und gleichzeitig gegen Lohn- und Bildungsraub auf die Straße zu gehen.
Und nicht zuletzt muss die antifaschistische Bewegung auch eine
Alternative zu diesem System und seinem Vollstrecker, dem bürgerlichen
Staat, anbieten – und aufzeigen, dass die Nazis heucheln, wenn sie sich
sozial und antikapitalistisch geben.
|