Stuttgart: Bericht vom GDL-Streik
[Druckversion] Thema: Arbeitskämpfe, Bahn für alle statt Börsenwahn!, veröffentlicht: 13.10.2007
„Ganztägiger Streik bei den Regional- und S-Bahnen“. Dieser Satz
tickerte am 12.10.07 pausenlos über die Anzeigentafeln an den
Bahnsteigen am Hauptbahnhof Stuttgart. Wer Kontakt zu den Streikenden
aufnehmen wollte, hatte es heute leider nicht so einfach. Die meiste
Zeit verbrachten die streikenden Kolleginnen und Kollegen in
improvisierten Streiklokalen in Bahnhofsnähe.
von Ursel Beck, Stuttgart, 12.10.
„Draußen war es uns heute zu kalt und im Bahnhofsgebäude dürfen wir uns
nicht mehr aufhalten; weil wir Hausverbot haben“, erklärt Streikleiter
Adil Armagan.
Der Streik steht und die Stimmung ist gelassen und siegessicher. Der
Streik heute hätte seine Wirkung gehabt. Chaos und Staus auf Stuttgarts
Zufahrtsstraßen heute morgen seien ein Beweis dafür.
Man betrachtet es als Sauerei, wie die Gerichte in den Streik
eingreifen. Jeden Tag gibt es offensichtlich eine neue richterliche
Anordnung. So hätte ein Gericht jetzt eine einstweilige Verfügung
verhängt, wonach GDL-Lokführer zum Notdienst gezwungen werden können, um
Loks aus den Bahnhöfen zu fahren, damit sie keine nachfolgenden Züge
behindern. Aber das sei kein Notfall sondern Streikbehinderung. Im
übrigen hätte die Bahn es abgelehnt einen Notdienstplan abzuschließen.
Dass Lokführer suspendiert worden seien, hätten sie gehört, ihnen ist
aber kein Fall aus ihrem Bezirk bekannt.
Vor kurzem hätte die Bahn eine riesige Stellenanzeige in verschiedenen
Zeitungen geschaltet, in der sie für die Einstellung von tausend
Lokführern wirbt. Damit solle ihnen Angst eingejagt werden. Die Kollegen
halten die Anzeige aber für eine Lachnummer: „Da wird den Leuten
versprochen, dass sie eine ICE-3-Lok fahren und 33.000 Euro Jahresgehalt
bekämen. Wenn das so wäre, bräuchten wir nicht zu streiken. Und außerdem
sieht so schnell keiner eine ICE-3-Lok. Neueingestellte landen bei der
DB Zeitarbeit, bekommen eine Schmalspurausbildung, fahren S- und
Regionalzüge und kriegen noch weniger als wir.“
Stimmt es, dass das Klima zwischen Transnet- und GDL-Kollegen total
gestört sei? Die Presse würde hier was aufbauschen, was gar nicht
stimmt. Da sei sogar von Morddrohungen die Rede? Niemand hier glaubt
solche Geschichten. „Wir haben eine kollegiales Verhältnis und bekriegen
uns nicht, nur weil wir in verschiedenen Gewerkschaften sind“, so
Streikleiter Adil Armagan. Und was sagen die Transnet-Kollegen zum
Streik? „Fragen sie sie selber. Hier ist einer“.
Offensichtlich ist es Normalität, dass sich immer wieder
Transnet-Kollegen unter die Streikenden mischen. So auch heute. Warum er
noch in Transnet sei, frage ich einen Kollegen. Er hätte früher in der
Werkstatt gearbeitet und sei noch nicht so lange Lokführer. Früher hätte
er die Gewerkschaft nicht so gebraucht. Transet oder GDL, er hätte sich
da nie Gedanken darüber gemacht. Er sei halt in Transnet gegangen. Aber
wie die mit dem Streik umgehen, ärgere ihn. Und deshalb würde er am
Montag zur GDL übertreten.
Wie ist die Stimmung bei den Reisenden? Meckerer gäbe es immer und es
wäre ja auch verständlich, wenn sich Leute ärgern, wenn sie nicht
hinkommen, wo sie hinwollen. Andererseits würden sie nach wie vor die
Erfahrung machen, dass die Leute bei allem Ärger großes Verständnis
hätten und dies auch offen zum Ausdruck brächten. Ein Kollege berichtet,
dass am Freitag zwei Leute zu ihm gesagt hätten: „So wie ihr das macht,
kann das nichts werden. Ihr müsst mal zwei Tage am Stück durchziehen.“
Ein anderer Kollege berichtet von einer ähnlichen Erfahrung. Ihn habe
auch ein Fahrgast vor einigen Tagen angesprochen und gesagt, er wünsche
uns Erfolg. Er schlussfolgert daraus: „Dass sich mal jemand hinstellt,
nein sagt und signalisiert, dass es so nicht weitergehen kann, führt zu
einer positiven Einstellung uns gegenüber“. „Dass der Deutsche Michel
aufsteht und sagt, jetzt ist der Punkt erreicht, Schluss, Feierabend,
das war doch überfällig“, ergänzt ein anderer.
Wie geht es weiter? Die Kollegen hoffen, dass Mehdorn nach dem
ganztägigen Streik einlenkt. Sie wollen in jedem Fall eine Stunde
weniger Wochenarbeitszeit und eine „spürbare Lohnerhöhung“. Wenn das
nicht kommt, dann müsse der Streik ab Dienstag oder Mittwoch nächster
Woche verschärft werden. Dann dürfe es nicht bei einem Streiktag
bleiben, dann müsse ein paar Tage hintereinander gestreikt werden.
Ari Hecker, Vertrauensmann am Klinikum Stuttgart erklärte den Kollegen
seine solidarische Unterstützung und erklärte dass ein erfolgreicher
Streik der Lokführer auch positive Auswirkungen auf die Tarifrunde im
öffentlichen Dienst im kommenden Jahr hätte. Denn es wäre ein Ermutigung
für ihn und seine Kollegen. Sechs weitere ver.di-Vertrauensleute und
Personalräte hatten sich am selben Tag in die vom Metallertreff
Stuttgart gestartete Solidaritätserklärung eingetragen. Die
aktualisierte Liste wurde an die Streikenden verteilt.
[Druckversion]
|