Pro & Contra: War die DDR sozialistisch?
[Druckversion] Thema: Marxismus, Geschichte, Debatte, DDR 1989, Solidarität - Sozialistische Zeitung, Nr. 63, November 07, veröffentlicht: 14.11.2007
Debatte über die DDR: Robert Steigerwald, DKP, gegenüber Lucy Redler und
Sascha Stanicic, SAV
Am 27. September erschien in der jungen Welt ein Interview mit
Lucy Redler, in dem sie gefragt wurde: „Den Begriff „Sozialismusversuch“
würden Sie für die DDR ablehnen?“ Darauf antwortete Lucy: „Das würde ich
ablehnen, ja. In der DDR gab es Millionen Arbeiter, die aus der DDR eine
sozialistische, demokratische Gesellschaft machen wollten. Das wurde
jedoch von der sowjetischen Besatzung und der SED-Führung verhindert.“
Das führte zu einer lebhaften Debatte, an der sich auch Robert
Steigerwald beteiligte.
Am 13. Oktober verfassten Lucy Redler und Sascha Stanicic einen
Offenen Brief an Robert Steigerwald, der hier in einer gekürzten – und
für das bessere Verständnis leicht bearbeiteten – Fassung wiedergegeben
wird.
Für SozialistInnen und alle, die den Kapitalismus überwinden
wollen, bleibt der Charakter der Systeme in der DDR und in den anderen
Ostblock-Staaten eine Schlüsselfrage. Welchen Charakter hatte die DDR?
War sie sozialistisch, real-sozialistisch oder stalinistisch?
Pro: Robert Steigerwald
Gründungsmitglied der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) und
Ehrenvorsitzender der Marx-Engels-Stiftung
Gibt es ein objektives Kriterium, woran man den Charakter einer
Gesellschaftsordnung „festmachen“ kann? Es besteht in der Beantwortung
der Frage, wie es um die Aneignung des gesellschaftlich erarbeiteten
Mehrprodukts steht.
Darüber, wie dies im Falle vom Kapitalismus geschieht, sollte es
zwischen uns keine Debatte geben. Auch darüber nicht, dass dies nur
möglich ist, wenn der kapitalistischen Klasse die Produktionsmittel
gehören.
Auch das dem kapitalistischen Staat gehörende Produktionsmittel-Eigentum
ändert daran nichts. Erstens gibt es dieses staatskapitalistische
Eigentum, weil es keinen Gewinn abwirft, aber für die Funktion des
Kapitalismus notwendig ist. Zweitens will das Kapital auch diesen Teil
bald privatisieren, sobald er in die Gewinnzone geraten ist.
Die Masse des in der DDR erarbeiteten Mehrprodukts war der
kapitalistischen Aneignung entzogen. An die Stelle des kapitalistischen
Eigentums trat gesellschaftliches in Form von Staats- oder
Genossenschaftseigentum. Ob solches staatliche Eigentum auch
sozialistisch ist, entscheidet sich an der Aneignungsfrage. Trotz aller
Mängel und Schwächen war sie in der DDR gesellschaftlicher Art. Darum
befand sich die DDR im Prozess des Aufbaus einer sozialistischen
Gesellschaftsordnung.
Dies zeigte sich beispielsweise daran, wie mittels gesellschaftlichen
Eigentums lebenswichtige Aufgaben, etwa das Gesundheits- und
Bildungswesen, gestaltet, Fortschritte für die Lage der Frauen erreicht
wurden.
Es war ein Merkmal der DDR, wichtige Ansätze auf dem Gebiet der direkten
Demokratie nicht weiter entwickelt oder wenigstens konsequent
durchgehalten, sondern sie auch missachtet zu haben. Solche positiven
Ansätze direkter Demokratie gab es etwa in Gestalt vorstaatlicher,
vorjuristischer Elemente: Arbeiter- oder Bürgerkomitees, die lokal und
regional um Lösungen rangen (die auch dort hingehören, und nicht in die
Entscheidungsbefugnisse des Bezirks, der Re-gion, oder der Regierung),
in Form von Arbeiter- und Bauerninspektionen oder ähnlichen
Organisationsformen (gesellschaftlicher Kontrolle), Schieds-
beziehungsweise Konfliktkommissionen oder ähnliches (vorjuristische
Konfliktbewältigung).
Jedoch fand die Aneignung der Masse des gesellschaftlichen Mehrprodukts
– vom genossenschaftlichen Bereich abgesehen – vermittels des
Staatsapparates statt. Dies führte zu einer Entfremdung der Arbeitenden
vom gesellschaftlichen Eigentum mit der Folge, dass es in der
Krisenphase 1989/90 von der Arbeiterklasse der DDR nicht als
Volkseigentum verstanden und verteidigt wurde.
Trotz solcher inneren Probleme sich entwickelnder sozialistischer
Gesellschaften sahen (und sehen – Beispiel Kuba heute) die Imperialisten
darin eine Bedrohung ihrer existenziellen Grundlagen, weil sie die
kapitalistische Aneignung zunichte machen. Ebenso wie sich, wenn es
gegen die Arbeiterklasse geht, alle Fraktionen des Kapitals
zusammenschließen, so haben auch – vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg
– die imperialistischen Staaten ihr gesamtes Potenzial politischer,
militärischer, ökonomischer und ideologischer Art zur Niederringung des
sozialistischen Systems zusammengeballt.
Vielleicht hilft auch die Einschätzung der Konterrevolution der
achtziger und neunziger Jahre in Mittel- und Osteuropa durch deren
ideologische Bänkelsänger. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom
31. Dezember 1997 gibt es ein Interview Krisztina Koenens mit Janos
Kornai, einem aus Ungarn stammenden Harvard-Professor, dessen
Hauptbeschäftigung der Kritik des sozialistischen Systems galt und gilt.
Nach seiner Einschätzung hatte „absolute Priorität [...] der Abbau der
politischen Institutionen“, war ein „fundamentales Kriterium [...] die
[...] Zerstörung des antikapitalistischen ideologischen Monopols und
seine Ablösung durch eine prokapitalistische Ideologie“. „Die Frage nach
den Eigentumsverhältnissen ist das zweite grundsätzliche Kriterium des
Wechsels [...]. Was also die Eigentumsverhältnisse betrifft, ist das
Ziel fast erreicht. Die dritte fundamentale Frage ist, durch welchen
Mechanismus die gesellschaftlichen Tätigkeiten koordiniert werden.“ Er
kommt auf die Frage des Markts zu sprechen, der zwar nicht der einzige
Mechanismus, aber gegenüber anderen übergewichtig sei. Lobend sagt er,
es sei innerhalb einer sehr kurzen Zeit gelungen, die Gesellschaft in
eine solche umzuwandeln, „die auf dem Privateigentum basiert“. Dies eben
sei entscheidend, „dass sich die politischen Institutionen, die
Eigentumsverhältnisse und die Mechanismen der Koordination geändert
haben“.
Contra: Lucy Redler und Sascha Stanicic
beide Mitglieder der SAV-Bundesleitung
Das System, welches in der Sowjetunion in den zwanziger und dreißiger
Jahren etabliert wurde und welches in der DDR kopiert wurde, hatte eine
nicht-kapitalistische Ökonomie zur Grundlage. An Stelle der
kapitalistischen Marktwirtschaft basierend auf Privateigentum und
Konkurrenz waren bürokratische Planwirtschaften getreten. Aber das
machte eine Gesellschaft wie die DDR noch nicht zu einer sozialistischen
Gesellschaft. Es war eine Übergangsgesellschaft. Aber war es die von
Marx, Engels und Lenin erwartete „Diktatur des Proletariats“? Unter
Stalin, Breschnew und Honecker konnte die Arbeiterklasse keine Macht
ausüben.
Die Geschichte ist im 20. Jahrhundert nicht so verlaufen, wie
MarxistInnen es erwartet hatten. Lenin erwartete den Sieg der
Konterrevolution, sollte die junge, isolierte Sowjetunion mit ihren
bürokratischen Auswüchsen nicht durch eine internationale Ausdehnung der
Revolution Unterstützung finden. Er behielt Recht, aber mit 70-jähriger
Verspätung. Und in diesem Zeitraum wuchsen die bürokratischen Auswüchse
zu einer über der Gesellschaft und über der Arbeiterklasse stehenden,
ihre Privilegien und politische Macht mit Polizei und Armee
verteidigenden bürokratischen Kaste aus. Während zu Lenins Lebzeiten die
Partei noch gegen den Bürokratismus versuchte zu kämpfen, wurde nach
seinem Tod die Partei und ihre Führung zu einer treibenden Kraft der
Bürokratisierung.
Dass diese bürokratische Kaste trotzdem in einem gewissen Widerspruch
zum Imperialismus stand, bedeutet nicht automatisch, dass diese nicht
auch in einem Widerspruch zu ihrer eigenen Arbeiterklasse stehen
konnten. Und nicht nur zu ihrer eigenen, denn zum Beispiel im Spanischen
Bürgerkrieg hat die aus Moskau geleitete Kommunistische Partei ihren
Beitrag zur Verhinderung einer sozialen Revolution geleistet und war
sich mit den bürgerlichen Liberalen gegen die spanische Arbeiterklasse
einig.
Die Logik „der Feind meines Feindes ist mein Freund“ ist undialektisch,
erfasst die Komplexität des Geschichtsverlaufs nicht und steht vor allem
im Widerspruch zu dem wichtigsten marxistischen Prinzip: immer einen
Klassenstandpunkt einzunehmen. Diejenigen, die diese Logik anwenden,
landen bei unkritischen Positionen gegenüber Stalin und dem durch seine
Herrschaft entwickelten System, das seinen grundlegenden Charakter (wenn
auch gewisse Methoden) auch nach dem Tod des Tyrannen nicht änderte.
TrotzkistInnen haben die progressiven ökonomischen Grundlagen –
Staatseigentum, Planung, staatliches Außenhandelsmonopol – in der
Sowjetunion und der DDR verteidigt und waren gleichzeitig in diesen
Staaten für eine Arbeiterdemokratie eingetreten – für die Bildung von
Räten mit freier Wähl- und Abwählbarkeit von Funktionären, gegen die
Privilegien der Partei- und Staatsbürokraten. Diesen Weg schlugen
instinktiv die ungarischen ArbeiterInnen 1956 und die polnischen 1980
ein. TrotzkistInnen standen in diesen und anderen Kämpfen auf der Seite
der ArbeiterInnen – ohne einer Wiedereinführung des Kapitalismus das
Wort zu reden. Und TrotzkistInnen haben 1990 keiner Treuhand-Bildung und
keinen Privatisierungen zugestimmt, das waren die „GenossInnen“ aus der
früheren SED.
Hätten Moskau und die SED einen Versuch des Sozialismus – also der Macht
der Arbeiterklasse – unternommen, so wären sie für MarxistInnen
Bündnispartner gewesen, um diesen Versuch so erfolgreich wie möglich zu
gestalten. Da sie aber die Macht der Arbeiterklasse bewusst
verhinderten, waren sie keine Bündnispartner, sondern Gegner, hätte
Arbeiterdemokratie nur gegen sie und nicht mit ihnen erreicht werden
können, war politische Revolution (im Sinne des bewussten Sturzes der
Bürokratenherrschaft und Ersetzung durch demokratische
Herrschaftsstrukturen der Arbeiterklasse) und nicht Reform der
Bürokratie nötig.
Dass dies nicht geschah, führte in die kapitalistische Restauration. Die
Bürokratien waren unfähig, Wirtschaft und Gesellschaft weiter zu
entwickeln. In ihrer Gier nach Macht und Privilegien waren sie bereit,
lieber den Kapitalismus wieder einzuführen als die Gesellschaften zu
demokratisieren.
Diese Kontroverse wird uns nicht davon abhalten, den Kapitalismus
gemeinsam zu bekämpfen – aber bitte mit der Perspektive einer
sozialistischen Demokratie, einer auf der demokratischen Kontrolle und
Verwaltung der Arbeiterklasse basierenden Gesellschaft und nicht mit der
Perspektive eines Neuaufgusses des „realen Sozialismus“, in dem die
Partei immer Recht hat. Dafür wird man keinen Arbeiter und keinen
Jugendlichen mobilisieren können.
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