Stuttgart 21 stoppen
[Druckversion] Thema: Solidarität - Sozialistische Zeitung, Nr. 63, November 07, Bahn für alle statt Börsenwahn!, veröffentlicht: 16.11.2007
Ein Sturm der Entrüstung geht durch Stuttgart
Seit 1994 verfolgen die Unternehmer in Baden-Württemberg, ihre
Parteien im Landtag und im Stuttgarter Stadtrat sowie das Management der
Bahn das Projekt Stuttgart 21. Dahinter steckt ein fünf Milliarden Euro
schwerer, hauptsächlich durch Steuermittel finanzierter Umbau des
Stuttgarter Kopfbahnhofs zu einem tiefergelegten Durchgangsbahnhof, ein
neuer ICE-Bahnhof am Flughafen, ein unterirdischer innerstädtischer
Tunnelring und zusätzlich eine Hochgeschwindigkeitsstrecke nach Ulm.
von Ursel Beck, Stuttgart
Jahrelang sah es so aus, als ob das Projekt scheitern würde. Die
konjunkturell bedingten sprudelnden Steuereinnahmen bei Land und Stadt
sind es, die Ministerpräsident Günther Oettinger, Oberbürgermeister
Wolfgang Schuster und Co. zu dem Größenwahn trieben, S 21 durchzuziehen
und einen noch größeren Anteil an der Finanzierung zu übernehmen. De
facto bekommt die zur Privatisierung anstehende Bahn AG von Stadt und
Land einen neuen Bahnhof und 60 Kilometer neue Trassen geschenkt.
Kein Geld für Soziales
Die Entscheidung für Stuttgart 21 im Sommer diesen Jahres hat eine Welle
der Empörung ausgelöst. Denn während die Politiker behaupten, S 21 ließe
sich finanziell ohne Weiteres stemmen, gibt es kein Geld für die
dringenden Bedürfnisse der Bevölkerung. Schulen sind in einem maroden
Zustand, es fehlen Kindergartenplätze und Sozialwohnungen. Für einen
Sozialpass für die 40.000 Hartz-IV-Empfänger fehlt angeblich auch das
Geld.
Der Mehrheit der Stuttgarter Bevölkerung ist auch klar, dass die
Innenstadt durch das Wahnsinnsprojekt noch mehr verkommerzialisiert und
verschandelt wird und der für die Bevölkerung wichtige Nahverkehr zu
Gunsten von ICE-Verbindungen massiv verschlechtert wird.
Wut und Gegenwehr
Zu einer ersten Kundgebung vor dem Rathaus am 24. September kamen 5.000
Menschen, obwohl es keine Plakate für die Mobilisierung gab und die
Lokalpresse erst am Tag selbst auf die Kundgebung hinwies. Für viele war
es die erste Demonstration, an der sie teilnahmen.
Ein Bündnis, in dem unter anderem die Initiative Leben in Stuttgart –
kein Stuttgart 21, Grüne, DIE LINKE, ver.di-Ortsverband Stuttgart, die
GDL Bezirk Südwest, die SAV und diverse Umweltschutzorganisationen aktiv
sind, verlangt einen Bürgerentscheid. Die Mehrheit im Gemeinderat lehnt
das ab. Deshalb wird versucht, diesen über ein Bürgerbegehren zu
erzwingen. Bis zum 15. November soll die gesetzliche Hürde von 20.000
Unterschriften erreicht sein.
Schon jetzt ist klar, dass dies mit Leichtigkeit genommen wird. Bereits
19 Tage nach Beginn konnten 11.000 Unterschriften beim städtischen
Wahlamt übergeben werden. Das Unterschriftensammeln ist ein echter
Selbstläufer. Leute, die noch nie in ihrem Leben politisch aktiv waren,
sammeln in ihrem Bekanntenkreis oder auf der Straße und spenden Geld für
die Kampagne.
Die erste Reaktion der Pro-S-21-Fraktionen im Rathaus bestand darin,
sage und schreibe eine Million Euro für eine PR-Kampagne zu beschließen,
um die Propagandalügen für S 21 auf allen Kanälen zu verbreiten. Die
Gegner von S 21 macht das aber nur noch wütender.
Gegen S 21 – mit welchem Programm?
Die SAV hat es sich in der Kampagne zur Aufgabe gemacht, die
Hintergründe von S 21 klarzumachen. S 21 ist nicht nur ein Projekt von
durchgeknallten Politikern. Diese Politiker handeln im Interesse des
durchgeknallten Systems Kapitalismus. S 21 kann man nicht trennen vom
geplanten Börsengang der Bahn und von der kapitalistischen
Standortkonkurrenz. Deshalb führen wir den Kampf gegen S 21 mit der
Perspektive, den Kapitalismus insgesamt in Frage zu stellen und zu
bekämpfen.
Die SAV Stuttgart ist darüber hinaus der Meinung, dass sich die
S-21-Gegner nicht auf einen Bürgerentscheid verlassen dürfen. Wir sind
der Meinung, dass vor allem die Bereitschaft zu Massenprotesten und
zivilem Ungehorsam genutzt werden muss, um das Projekt zu Fall zu
bringen. Gerade den Grünen, die sich derzeit an die Spitze des Protestes
stellen, halten wir entgegen, dass die Umweltbewegung, aus der die
Grünen hervorgegangen sind, Projekte wie das AKW in Whyl oder die
Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf durch Massenproteste gestoppt
hat.
In der LINKEN Stuttgart setzt sich die SAV dafür ein, dass sie sich voll
einbringt in den Kampf gegen S 21 und eine Rolle dabei spielt, in den
Gewerkschaften Druck aufzubauen für eine gewerkschaftliche Kampagne und
Kampfmaßnahmen gegen S 21.
Der Ortsverband der LINKEN in Bad Cannstatt, in der SAV-Mitglieder aktiv
sind, wird am 27. November eine öffentliche Veranstaltung gegen S 21
durchführen, zu der auch ein Vertreter der GDL eingeladen ist. n
Ursel Beck ist gewerkschaftspolitische Sprecherin der SAV und aktiv
im Ortsverband der LINKEN in Stuttgart/Bad Cannstatt
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