Bildung: Grundrecht statt Privileg, Lust statt Last
[Druckversion] Thema: Warum Sozialismus?, Solidarität - Sozialistische Zeitung, Nr. 63, November 07, Bildung, veröffentlicht: 17.11.2007
Eine andere Gesellschaft braucht eine andere Bildung
„Nicht für die Schule – für das Leben lernen wir.“ Das haben wir in
unserer Schullaufbahn wohl alle schon mal gehört. Für SozialistInnen
wirft diese Aussage vor allem die Frage auf, für welches Leben hier
eigentlich gelernt werden soll.
von Hans-Christian Funke, Kassel
Jede Gesellschaft braucht Bildung. Ohne Bildung ist es nicht möglich,
bereits gemachte Fortschritte zu halten, geschweige denn diese weiter zu
entwickeln. Die Art und Weise, wie die Bildung organisiert ist, hängt
jedoch davon ab, was die Menschen in einer Gesellschaft können müssen.
Nun leben wir heute im Kapitalismus. Alles ist bestimmt durch die
Profitlogik. Alles, was wir tun, muss „sich rechnen“, muss dazu dienen,
dass die Besitzer der Produktionsmittel ihr Geld optimal vermehren
können. Das gesamte Bildungssystem hat primär die Aufgabe, die breite
Masse auf den kapitalistischen Produktionsprozess vorzubereiten.
Da nur eine kleine Schicht die Wirtschaft leiten soll, reicht es, eine
kleine Minderheit entsprechend zu schulen. Für die Mehrzahl genügt
dagegen eine mehr oder weniger einfache Grundbildung. Das Konzept der
Elitebildung passt zur elitär strukturierten Gesellschaft. Der
kapitalistische Produktionsprozess zergliedert die arbeitende
Bevölkerung weiter in Ingenieure, Facharbeiter, Hilfsarbeiter.
Entsprechend haben wir die Spaltung in ein dreigliedriges Schulsystem.
Dabei ist es aus pädagogischer Sicht uneffektiv, in getrennten,
angeblich gleichmäßigen Lerngruppen im Gleichschritt zu lernen.
Gemeinsames Lernen erhöht den Horizont aller Beteiligten. Für Kinder
unterschiedlicher Begabungen ist der Austausch mit anderen wichtig, um
sich gegenseitig Dinge beizubringen. Der Vorwurf, in einer gemeinsamen
Schule gingen Talente verloren, ist nur eine Ausrede für das Fehlen von
individueller Förderung, von differenziertem Umgang mit den einzelnen
SchülerInnen innerhalb der Lerngruppen. Dies funktioniert aber nur in
kleinen Lerngruppen, das heißt mit mehr Lehrerstellen pro Schüler.
Klassenschranken
Von Anfang an bekommen wir heute die Auswirkungen der
Klassengesellschaft zu spüren. Wir sollen lernen, uns Autoritäten
unterzuordnen. Gelernt wird in Konkurrenz zu MitschülerInnen um bessere
Noten. Schule im Kapitalismus ist undemokratisch: Von oben wird
bestimmt, was, wie und in welcher Zeit zu lernen ist.
Mitbestimmungsrechte an Schulen werden immer weiter abgebaut.
Der (heimliche) Lehrplan bereitet darauf vor, den Arbeitgeber zu
akzeptieren und Arbeitskollegen als Gegner statt als Verbündete
anzusehen. Der 45-Minuten-Takt, aus lernpsychologischer Sicht unhaltbar,
sowie die strengen Anfangs- und Endzeiten in der Schule spiegeln den
Alltag im Betrieb. Die Pausenklingel erinnert nur zu deutlich an die
Fabriksirenen industrieller Großbetriebe.
Kein Wunder, dass die meisten ein ungutes Gefühl haben, wenn sie an ihre
Schulzeit zurückdenken. Dabei lernen Kinder gerne, dies beweist die hohe
Freizeitaktivität von Kindern. SchülerInnen werden zu
Computerspezialisten, können in der sechsten Klasse programmieren,
Musikinstrumente spielen, lernen von Freunden deren Muttersprache und so
weiter.
Die Bildung in der heutigen Gesellschaft ist die konsequente
Vorbereitung auf das Leben – in einer Klassengesellschaft. In einer
Gesellschaft, die auf Spaltung aufbaut, wird es keine Chancengleichheit
geben, weil es sie gar nicht geben soll.
Bildung für alle – möglich und nötig
Eine sozialistische Gesellschaft dagegen beruht darauf, dass jede und
jeder sich in die Gesellschaft einbringt und am politischen Leben dieser
Gesellschaft teilnimmt, so dass demokratisch über alle Lebensbereiche
entschieden werden kann. Deshalb wird das Bildungssystem in einer
sozialistischen Gesellschaft den Kindern und Jugendlichen nicht von oben
verordnete Inhalte und Arbeitsweisen aufzwingen. Die Lehrinhalte und
Lernmethoden würden gemeinsam demokratisch auf verschiedenen Ebenen von
den Lehrenden, Eltern und SchülerInnen diskutiert und erstellt.
Zur Organisation einer durch und durch demokratisch organisierten
Gesellschaft sind nur eigenständig denkende, kreativ planende Menschen
in der Lage. Heute sind wir fremdbestimmt – nicht wir, sondern eine
kleine Minderheit entscheidet über den Inhalt unserer Arbeit in Fabrik
und Büro, bestimmt den Lehrplan in Schule und Uni, entscheidet, was wir
in der Zeitung lesen und über das Fernsehprogramm. Weil wir im
Sozialismus über alle Aspekte unseres Lebens demokratisch selbst
bestimmen werden, brauchen wir umfassende Kenntnisse und Fähigkeiten. In
einer sozialistischen Gesellschaft wird eine allseitige Ausbildung aller
daher zum Ziel. Im Kapitalismus ist eine umfassende Bildung aus Sicht
der Herrschenden von Übel. Nicht nur, weil es Geld kostet. Unwissende
Menschen und Fachidioten lassen sich auch leichter regieren.
Im Sozialismus würden sich alle Menschen allseitig und entsprechend der
persönlichen Neigungen künstlerisch, kulturell und wissenschaftlich
bilden und betätigen, ganz einfach, weil sie es möchten, weil es die
Möglichkeiten dazu gibt und weil niemand mehr ein Interesse hat, sie
daran zu hindern.
Neue Bildungsinstitutionen
Mit der Veränderung der Bildungsaufgaben müssen sich auch die Schulen
ändern. Natürlich muss jedes Kind lesen, schreiben und rechnen lernen.
Dies dürfte in Kleingruppen am Sinnvollsten umzusetzen sein. Es gäbe
jedoch keine starren Unterrichtszeiten. Die Schule wäre ein Ort, an dem
es ganztags möglich wäre zu lernen und zu lehren. Lerngruppen wären
kleiner, der Lehrer Lernhelfer statt Autoritätsperson. Druck durch Noten
wäre abgeschafft, vielmehr würde Wert gelegt auf individuelle Förderung
und gegenseitige Hilfestellung.
Je älter die Kinder werden, je komplexer die eigene Lebenswelt außerhalb
der Schule, desto flexibler muss die Bildungseinrichtung auf die
jeweiligen Bedürfnisse der Lerngruppen eingehen. Diese Lerngruppen
müssen nicht fest stehen, sondern können für bestimmte „Projekte“ immer
wieder neu zusammengestellt werden. Diese Projekte beschäftigten sich
dann mit realen Fragen wie zum Beispiel der Energieversorgung von
Kassel-Bettenhausen, nicht mit künstlichen Lernaufgaben.
„Projektarbeit“, das heißt ein selbst gewählter, selbstständig
organisierter Lernprozess an einem bestimmten Thema – in der
kapitalistischen Gesellschaft nur tageweise vor den Ferien oder in
besonders geförderten „Modellschulen“ möglich – ergäbe sich im
Sozialismus von selbst, da es tatsächliche „Projekte“ aus dem Leben der
SchülerInnen sind, die es gemeinsam anzugehen gilt.
Schule als Schule des Lebens
Für die weiterführende Bildung sind Lernorte notwendig, in denen neben
Kindern und Jugendlichen auch Erwachsene lernen können, bestimmte
Aufgaben des Lebens zu meistern – echtes lebenslanges Lernen.
LernhelferInnen begleiten die Lernenden bei ihren Problemen und
Versuchen, diese gemeinsam zu lösen.
Dies erfordert eine starke Verzahnung von Praxis und Theorie.
„Außerschulische Lernorte“ – heute exotische Randerscheinung des
Regelunterrichts – sind im Sozialismus der Normalfall. Letztendlich
bedeutet das den Wegfall der Trennung von Lerninhalten und konkreten
alltäglichen Belangen der Lernenden. Stößt man in der „privaten“
Umgebung oder bei der Arbeit auf Verständnisgrenzen, sucht man einen
Lernort auf, um mit Hilfe von Gleichgesinnten und „Experten“ die
Wissenslücke aufzufüllen.
„Tausende glänzende Talente“
Bildung im Sozialismus bedeutet die Möglichkeit, sich nach seinen
Interessen neu orientieren zu können. Ein einmal erlernter Beruf muss
nicht ein Leben lang beibehalten werden, nur aus Angst, keinen neuen zu
bekommen. Immer wieder werden Menschen ihre Neigungen ausprobieren und
sich neue Wissensbereiche aneignen können.
August Bebel schrieb dazu in seinem Buch „Die Frau und der Sozialismus“:
„Ein in der Menschennatur tief begründetes Bedürfnis ist die
Freiheit der Wahl und die Möglichkeit der Abwechslung der Beschäftigung.
Wie beständige Wiederholung schließlich die beste Speise widerlich
macht, so ist es mit einer sich täglich tretmühlenartig wiederholenden
Tätigkeit. Es liegen in einem Menschen eine Reihe von Fähigkeiten und
Trieben, die nur geweckt und entwickelt werden brauchen, um in
Bestätigung gesetzt die schönsten Dinge erzeugen. Diesem
Abwechslungsbedürfnis wird die sozialistische Gesellschaft die vollste
Gelegenheit bieten. […] Tausende glänzende Talente, die bisher
unterdrückt wurden, werden zur Entfaltung kommen und sich in ihrem
Wissen und Können zeigen, wo die Gelegenheit sich bietet.“
Stell dir vor…
…du kommst morgens in deine Klasse und hast nicht mehr als 14
MitschülerInnen. Ihr selbst bestimmt, was ihr an diesem Tag lernen
wollt. Schließlich ist nicht jeder Tag gleich und auch eure Vorlieben
sind nicht immer die selben.
In deiner Klasse ist es möglich, dass die Lehrerin oder der Lehrer deine
Fragen ausführlich beantwortet und du traust dich auch, einfach
mitzureden. Monologe der LehrerInnen gibt es nicht, stattdessen
erarbeitet ihr alles in eurer Gruppe. Und das nicht nur theoretisch,
sondern auch praktisch: Immer wieder geht ihr in Betriebe, sei es eine
Solarzellen-Fabrik, ein Stahlwerk, oder eine Softwarefirma.
Weil es keine Noten und keine Angst um die berufliche Zukunft gibt, gibt
es auch keine Konkurrenz zwischen den MitschülerInnen. Du kannst jede
und jeden fragen, ob er oder sie dir hilft, wenn du etwas nicht
verstehst.
Während des Unterrichts sind endlich Fragen von Bedeutung, die du schon
immer stellen wolltest – alles das wird im Unterricht behandelt, weil
ihr es gemeinsam so abgesprochen habt. Spannende Diskussionen werden
nicht durch ein Klingelzeichen beendet, schließlich sind Menschen keine
Computer, die nach einem festgelegten Zeitintervall funktionieren.
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