Berlin: Erfolgreiche Solidaritätsveranstaltung für Lokführer
[Druckversion] Thema: Bahn für alle statt Börsenwahn!, Berlin, veröffentlicht: 06.11.2007
Am Dienstag, 6.11., kamen rund 100 Personen zusammen, um über gemeinsame
Aktionen zur Unterstützung der streikenden GDLer zu beraten. Für Freitag
und Montag wurden Protestaktionen verabredet.
von Johannes Ullrich, Berlin
Die von Berliner GDLern und der SAV initiierte Veranstaltung, zu der
auch die BASG sowie viele gewerkschaftliche AktivistInnen aus anderen
Branchen aufgerufen hatten, begann mit Enrico Forchheim, Vorsitzender
der GDL-Ortsgruppe S-Bahn Berlin. Das erste, was er betonte, war die
große Freude über die zahlreichen Soliddaritäts-Emails und -anrufe, die
die Lokführer im Laufe der letzten Wochen bekommen haben. Dies und die
regelmäßigen Besuche anderer AktivistInnen in den Streiklokalen hätten
eine enorm positive Wirkung auf die streikenden KollegInnen gehabt. Sie
hätten zwar mit einer Hetzkampagne gegen sie gerechnet, wie sie ja
derzeit auch abläuft, aber nicht mit so viel Soilidarität.
Danach ging er auf die Entwicklung des Kampfes um einen eigenständigen
Tarifvertrag ein und betonte, dass inzwischen die GDL-KollegInnen „so
die Schnauze voll haben, dass sie sich die Butter nicht mehr vom Brot
nehmen lassen“. Forchheim sagte außerdem, dass in Bezug auf die geplante
Privatisierung ein gewisses Umdenken bei den S-Bahn-KollegInnen
stattgefunden hätte, unter anderem mit Blick auf die Entwicklung im
DB-Konzern, bei dem sich die Beschäftigtenzahl seit dem
Privatisierungskurs halbiert habe. Man sehe schon, dass es ein Politikum
sei, und werde alles tun, damit die Angst der Bosse sich als berechtigt
herausstellen werde.
Als nächstes griff Lucy Redler, SAV- und BASG-Mitglied, die von
Forchheim gewählte Selbstbezichtigung als „Verbrecher und Terrorist“
(beides als Beschimpfung der Streikenden in den letzten Wochen geäußert)
auf und brachte ihre Hoffnung zum Ausdruck, dass alle Anwesenden von
diesen Kriminellen lernen mögen. Sie ging auf die Scheinheiligkeit der
Bosse und deren Politiker ein, die einerseits 2.500 EUR Einstiegsgehalt
für LokführerInnen als zu hoch bezeichnen und andererseits (im Falle der
DB) 12 Millarden Euro in Aufkäufe „investieren“ wollen statt ins
Eisenbahnnetz oder (im Falle der Bundestagsabgeordneten) sich die Diäten
um rund 700 Euro erhöhen wollen.
Bezogen auf die Gastrede von DGB-Chef Sommer auf dem IG Metall-Kongreß,
in der dieser zu „sozialem Frieden“ aufgerufen und die Einheit der
Arbeiterklasse und der Gewerkschaften angemahnt hatte, machte Redler
klar, dass diese Einheit konkret im Kampf stattfinden müsse und nicht im
Verzicht liegen dürfe. Abschließend schlug sie vor, diesen Freitag um 17
Uhr eine Aktion vor dem Verkehrsministerium zu machen, um aufzuzeigen,
wo die Verantwortlichen sitzen, und diesen Druck zu machen.
Markus Dahms, Betriebsrat bei Nokia Siemens, drückte seine Solidarität
als „IG Metaller“ aus. Er ging auf die positiven Auswirkungen eines
erfolgreichen Abschlusses der GDL ein: Erstens würde dies einen herben
Dämpfer für die Privatisierungspläne bei der Bahn bedeuten, zweitens
würden endlich wieder offensive Lohnforderungen durchgesetzt, und
drittens wäre es ein Erfolg für das Streikrecht insgesamt. Bei letzterem
Punkt erwähnte er, dass der Delegiertenrat der IG Metall Berlin vor
kurzem einen Beschluß gefasst hat, im Falle eines ablehnenden Urteils
des sächsischen Landesarbeitsgerichtes einen Generalstreik zur
Verteidigung des Streikrechts zu fordern.
Abschließend ging er auf eine Aussage von Enrico Forchheim ein, der
versichert habe, die GDL-Spitze um Schell, Weselsky und Kernchen habe
das volle Vertrauen der KollegInnen, und warnte die anwesenden GDLer,
ihrer Führung nicht bedingungs- und kontrolllos zu vertrauen. Sie
sollten Streikkomitees und -versammlungen „von unten“ organisieren, um
geplante Beschlüsse diskutieren zu können, damit die Streikleitungen
diese nicht hinter dem Rücken der Belegschaften durchdrückten. Als
negatives Beispiel verwies er auf den Streik bei BSH Berlin 2006.
Die Beteiligung an der anschließenden Diskussion war sehr lebhaft. Unter
anderem wurde auf die derzeitige Protestwelle in Frankreich Bezug
genommen, die streikenden GDLer wurden aufgefordert, dass Thema
Privatisierung mehr auf die Tagesordnung zu setzen (insbesondere als
Mittel, die anhaltend hohe Zustimmung der Bevölkerung zum Streik auch in
Zukunft zu erhalten), und ein GDLer sagte im Hinblick auf die
rhetorische Frage von Lucy Redler, warum nicht Sommer, Lafontaine und
Huber neben ihr auf dem Podium sitzen würden: „Wer im weichen Sessel
sitzt, ändert nichts an den harten Verhältnissen.“
Stephan Kimmerle von der SAV griff die kämpferische Stimmung auf und
schlug vor, zusätzlich zur Aktion am Freitag vor dem Verkehrsministerium
eine Kundgebung vor der Gewerkschaftszentrale am Hackeschen Markt zu
machen, um auch den DGB-Spitzen zu verdeutlichen, dass sie aktive
Solidarität über sollten. Die Anwesenden verabredeten sich dafür zu
Montag 16 Uhr.
In seinem Schlusswort bedankte sich Enrico Forchheim noch einmal
ausdrücklich für die geleistete Soliarbeit und versicherte, dass bei
zukünftigen Arbeitskämpfen anderer KollegInnen in anderen Branchen die
GDLer die Solidarität zurückgeben werden.
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