Pro & Contra: Konsumverhalten ändern, um die Probleme zu lösen?
[Druckversion] Thema: Debatte, Solidarität - Sozialistische Zeitung, Nr. 64, Dezember 07, veröffentlicht: 13.12.2007
„Große Autos werden gebaut, weil sie gekauft werden.“ „Kinderarbeit gibt
es, weil die Leute billige Textilien kaufen.“ „Mit Gammelfleisch haben
wir zu tun, weil nur auf den Preis, nicht auf die Qualität geachtet
wird.“ „Wir hätten längst Ökostrom, wenn es den KonsumentInnen nicht zu
teuer wäre.“ Stimmt das?
Ist das Verbraucherverhalten schuld an Umweltzerstörung, Krankheiten
und der Plünderung der „Dritten Welt“?
Pro
Karl Bär, wohnt heute in Istanbul, Mitglied der Grünen, von 2006-2007 im
Bundesvorstand der Grünen Jugend
Auch du, GenossIn!
Wer die Zerstörung der Natur und die Ungerechtigkeit in dieser Welt
sieht, darf die Augen nicht davor verschließen, dass der Wohlstand, in
dem wir leben, mit diesen Problemen eng verwoben ist. Daraus kann man
nun entweder schließen, dass es einen ewigen Kampf ums Überleben gibt,
den nur die Besten überstehen. Man kann versuchen, die Tiefen und Höhen
der Kurve gleichermaßen zu kappen und alle auf ein akzeptables, aber
niedriges Niveau zwingen, oder man kann mit einem alten Lied hochhalten,
dass genug für alle da ist. Als Linke tun wir Letzteres: Nicht die
Abschaffung des Wohlstandes, sondern ein gutes Leben für alle ohne
Nebenwirkungen ist das Ziel.
Wir kämpfen jedoch nicht nur gegen diese Nebenwirkungen, sondern vor
allem für das gute Leben. Eine Stadt ohne Autos ist nicht nur eine Stadt
ohne die Umweltzerstörung und Gesundheitsgefährdung, die von Autos
ausgeht, sondern auch eine Stadt mit mehr Lebensqualität und mehr
Demokratie. Saisonales Gemüse vom Biohof aus der Region schont nicht nur
die Umwelt von Chemikalien und Transport, es ist auch vielfältiger und
gesünder als das Zeug, das in spanischen Gewächshäusern von arabischen
SklavInnen geerntet wird.
So technischer Fortschritt und Wirtschaftswachstum tatsächlich dazu
geeignet wären, die Welt von Armut und Umweltzerstörung zu erlösen, wäre
eine progressive Politik und eine Veränderung der Lebensstile noch lange
nicht obsolet.
Vor diesem Hintergrund kann die Forderung, dass sich die Lebensstile
verändern müssen, zwei Dinge bedeuten. Sie kann erstens eine Ausflucht
neoliberaler oder einfach feiger PolitikerInnen sein, die den Schwarzen
Peter den VerbraucherInnen zuschieben, anstatt ordnungspolitisch
einzugreifen. Anders zu leben, essen, arbeiten und lieben kann zweitens
tatsächlich eine Methode sein, die Welt zu verändern. Wir müssen also
zweigleisig fahren. Die Politik muss sich verändern und das Verhalten
der Menschen. Auf eines dieser Mittel zu verzichten, können wir uns
nicht leisten, geht es doch darum, die Welt zu retten.
Die Energie-, Verkehrs- und Agrarwende werden wir nur schaffen, wenn es
politische Entscheidungen in die richtige Richtung gibt. Es darf nicht
sein, dass Sachen, die eigentlich niemand haben will, wie zum Beispiel
Atomkraftwerke und Massentierhaltung, mit vielen Milliarden Euro
subventioniert werden. Es ist grotesk, dass der deutsche Staat Millionen
Euro extra ausgibt, um eine Autobahn leicht angeschrägt zu bauen, so
dass man selbst in Kurfen 200 km/h fahren kann. Wenn sich die Interessen
der agrochemischen Industrie, der großen Energiekonzerne und der
Automobil- und Rüstungsindustrie durchsetzen, führt das nicht gerade zu
Verbesserungen. Für eine soziale, ökologische, freie und friedliche Welt
müssen wir politisch kämpfen, auf der Straße und im Parlament.
Politik allein reicht jedoch nicht: Es wird keine Agrarwende geben,
solange der deutsche Durchschnittsmensch sich von elf Prozent seines
monatlichen Budgets ernähren und dabei auch noch über 60 kg Fleisch im
Jahr verzehren will. Aber dürfen wir den Leuten vorschreiben, was sie
essen sollen? Und fühlt es sich nicht komisch an, die Zerschlagung von
Energiekonzernen zu fordern, bei denen man selbst ein treuer Kunde oder
eine treue Kundin ist? Die andere Welt muss lebbar sein.
Einmal antwortete mir ein Aktivist, der Plakate gegen Studiengebühren
verteilte, als ich ihn darauf hinwies, dass die Bäume an der Uni unter
den vielen Nägeln, die rostend in ihnen stecken, leiden: „Solange es den
Kapitalismus gibt, haben die Bäume wahrlich andere Probleme.“
(Wahrlich), die Bäume haben viele Probleme: Saurer Regen, Abgase,
Abholzung... Und manches Baumproblem hängt mit dem Kapitalismus
zusammen. Plakate gegen Studiengebühren bräuchte es im Sozialismus
ohnehin nicht. Aber wird nicht, was immer auch nach dem Kapitalismus
kommen mag, einen Menschen, der auch schon jetzt sorgsamer mit den
Bäumen umgehen könnte, zu mehr Achtsamkeit bringen?
Wir müssen naiv sein. Wenn niemand mehr Luxusgeländewagen kauft, werden
keine Luxusgeländewagen mehr produziert werden. Und wir müssen
anerkennen, dass auch graduelle Verbesserungen etwas Gutes sind – jeder
eingesparte Liter Wasser und jedes Kilo CO2. Wer das nicht anerkennt,
wird entweder dogmatischer Moralist, dogmatische Moralistin werden oder
gar nichts tun. Doch den Einfluss des Verhaltens der Menschen
hochzuhalten, bedeutet gerade, jedem und jeder zu sagen: Du kannst die
Welt ein bisschen verbessern. Jetzt und hier. Die Kraft dieses Ansatzes
kommt aus seiner Naivität und daraus, dass man wirklich etwas tut.
Contra
Doreen Ullrich, Mitglied im SAV-Bundesvorstand und im Kreisvorstand der
LINKEN Aachen
Die These, dass die Verbraucher nur ihr Konsumverhalten ändern müssten,
um die Welt zu verändern, klingt einfach. Fang doch zu Hause an, trenn
den Müll, kauf Fair-Trade-Produkte und gehe in den Bioladen, strick
deine Pullis selber. Diese These verlagert die Widersprüche der
Gesellschaft in das ganz Private zu Hause. Jeder einzelne soll sich um
die Rettung der Welt kümmern, aber bitte sehr allein beim Einkaufen.
Dabei ist es nötig, die heutigen Eigentums- und Machtverhältnisse
grundlegend zu verändern.
Die Behauptung „Konsumverhalten ändert die Gesellschaft“ geht von dem
kapitalistischen Märchen aus, dass nur produziert wird, was gewünscht
wird. Dem ist jedoch nicht so.
Jeder siebte Mensch auf dieser Welt geht hungrig zu Bett. Der Bedarf
nach Lebensmitteln ist also da. Es wird sogar genug Nahrung produziert.
Diese wird aber lieber vernichtet, als es denen, die hungrig sind, zu
geben. Der Grund ist einfach: Im Kapitalismus geht es darum, aus Geld
mehr Geld zu machen. Die 854 Millionen Hungernden können sich ihre
Nahrung nicht kaufen, deshalb müssen sie hungern.
Produktion muss profitabel sein. Für die Konzerne dieser Welt heißt das,
so billig wie möglich zu produzieren. Deshalb entscheiden sich adidas
und Nike für T-Shirts und Turnschuhe aus den unmenschlichen Sweatshops
und müssen 171 Millionen Kinder in der Welt jeden Tag unter
unerträglichen Bedingungen schuften.
Als KonsumentInnen können wir natürlich entscheiden, statt von Nike
Turnschuhe von Kappa zu kaufen. Wir haben die Wahl zwischen Ware A, B
oder C. Aber als Käufer kann ich niemals sicher sein, dass diese Schuhe
nicht von Kinderhänden genäht wurden. Die Konzerne verschleiern über
Scheinfirmen, Zwischenhändler oder neue Namen die wahre Herkunft der
Produkte. Es gibt keinen Konzern, bei dem man sich darauf verlassen
könnte, dass sowohl er selber als auch sämtliche Zulieferer in allen
Ländern, in allen Fabrikationsstätten dauerhaft soziale und ökologische
Standards einhalten. Eine effektive Kontrolle darüber ist auch für
Umweltschutz- und Menschenrechtsorganisationen nicht möglich, weil ihnen
diese Konzerne, Zwischenhändler und Subunternehmen nicht gehören.
Natürlich haben wir beim Einkaufen scheinbar eine Wahl zwischen
Bioprodukten und Genfood. Doch mal ehrlich, wer würde sich denn
freiwillig fürs Genfood entscheiden, hätte man tatsächlich eine Wahl.
Liebend gern würden sicher viele Mütter und Väter ihren Kindern eine
gesunde Ernährung ermöglichen, am Liebsten alles frisch vom
Biobauernhof. Doch ist man Hartz-IV-Empfänger, ist fürs Essen eines
Kindes pro Tag nur 1,15 Euro vorgesehen. Da ist der Bioapfel einfach zu
teuer.
Sicher würden auch viele Pendler morgens das Auto lieber stehen lassen
und damit dem Staustress entgehen, doch ohne einen vernünftig
ausgebauten Nahverkehr kann man einfach nicht pünktlich zur Arbeit
kommen. Die Frage der Wahl stellt sich also in vielen Fällen nicht. Im
Kapitalismus haben wir nur die Qual!
Müssen wir zum Wohle der Menschheit und Natur eigentlich auf Wohlstand
und Konsum verzichten? Ist unser Bedürfnis nach einem Handy mit
Farbdisplay oder einem Urlaub in der Türkei übertrieben? Auch das ist
eine vielgepriesene These. Menschen in den Industriestaaten sollen
verzichten – zum Wohl der armen Massen auf der Südhalbkugel. Doch diese
These übersieht eine entscheidende Komponente und zwar die
Klassenunterschiede. Die Welt ist geteilt in Besitzende,
millionenschwere Konzernbosse, und Nichtbesitzende, Fabrik- und
Büroarbeiter und die verarmte Masse. Tatsächliche Verschwendungssucht
kann sich nur die Klasse der Besitzenden leisten. Sie jetten in ihrem
privaten Flieger von Paris nach New York zum Einkaufen oder besitzen 15
und mehr Autos, dazu ein paar Jachten und übergroße Villen gleich in
größerer Stückzahl.
Dieser Welt mangelt es nicht an Geld, um allen Menschen ein vernünftiges
Leben zu finanzieren (im Gegenteil, nie war der Reichtum so groß). Der
Reichtum ist einfach nur ungerecht verteilt. Etwa 500 Familien
kontrollieren den Großteil der Weltwirtschaft. Sie besitzen Milliarden.
Dieser Reichtum umverteilt könnte jedem Menschen ein Dach über den Kopf,
vernünftige Nahrung und sauberes Trinkwasser, adäquate Kleidung,
ausreichende Bildung und alles das finanzieren, was zu einem
genussvollen Leben dazu gehört.
Dass Menschen wachsende Bedürfnisse haben, das ist nicht das
Hauptproblem dieser Gesellschaft. Das Problem ist, wie die Waren
produziert werden und wie sie verteilt werden.
Ändern wir das, beenden wir diese Profitwirtschaft und ersetzen sie
durch eine nach Bedarf demokratisch geplante Wirtschaft. Dann kann sich
auch das Verbraucherverhalten tatsächlich ändern. Dann können Mensch
nicht nur in Wohlstand, sondern auch im Einklang mit der Umwelt leben.
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