Pro & Contra: Gilt das Selbstbestimmungsrecht auch für Kosova?
[Druckversion] Thema: Solidarität - Sozialistische Zeitung, Nr. 65, Januar 08, Debatte, Europa, veröffentlicht: 13.01.2008
Welche Haltung sollten SozialistInnen in der Kosova-Frage einnehmen?
Beiträge von Sascha Stanicic, SAV, und von Monika Knoche,
Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Fraktionsvorsitzende der
LINKEN
Kosova heute: Laut Weltbank leben über 50 Prozent in Armut. 60
Prozent der Erwerbsfähigen sind ohne Arbeit. Derzeit kommt es zu
Privatisierungen und Entlassungen im großen Stil. Seit 1999 liegt die
alleinige Macht in den Händen der 16.000 Soldaten starken UN-Verwaltung
UNMIK.
Etwa 89 Prozent der Bevölkerung von 2,1 Millionen sind Albaner,
circa fünf Prozent Serben, sechs Prozent gehören anderen Minderheiten an.
Da das Territorium auf albanisch Kosova heißt, schreiben wir in
der Solidarität auch „Kosova“ – statt der hier von Medien und Politikern
zumeist benutzten Bezeichnung „Kosovo“.
Am 17. November fanden im UN-Protektorat Kosova Parlamentswahlen
statt. Daran beteiligten sich nur 40 Prozent der Wahlberechtigten. Mit
34 Prozent der abgegebenen Stimmen wurde die Demokratische Partei des
Kosova unter dem ehemaligen UCK-Kommandeur Hashim Thaci stärkste Kraft.
Sie kündigte eine rasche Unabhängigkeitserklärung an. Das lehnt Serbien
ab und besteht darauf, dass Kosova eine Provinz Serbiens bleibt. Diese
Haltung vertritt auch Russland im UN-Sicherheitsrat.
PRO:
Sascha Stanicic, Bundessprecher der SAV und Mitglied im internationalen
Vorstand des Komitees für eine Arbeiterinternationale
Eigentlich ist es unvorstellbar: Da gibt es mitten in Europa eine
Region, in der der Bevölkerung die grundlegendsten demokratischen Rechte
verweigert werden, deren übergroße Bevölkerungsmehrheit seit Jahrzehnten
Opfer von Fremdherrschaft ist, in der Armut und Arbeitslosigkeit
Rekordhöhen erreichen – und der Wunsch der dort lebenden Menschen,
selber darüber entscheiden zu können, in welchem Staat sie leben wollen,
wird von der Linksfraktion im Bundestag mit dem Vorwurf des
„Sezessionismus“ zurückgewiesen. Damit werden nicht nur demokratische
Prinzipien missachtet, sondern auch die westliche Dominanz über diese
Region, Kosova, akzeptiert.
Kosova ist heute zwar nach internationalem Recht weiterhin eine Provinz
des serbischen Staates, in Wirklichkeit jedoch ein imperialistisches
Protektorat unter der Verwaltung der UNO, genannt UNMIK. Ein korrupter,
aufgeblähter und sich selbst beschäftigender UNMIK-Apparat lastet wie
ein Krebsgeschwür auf der kosovarischen Gesellschaft – und sieht seine
Hauptaufgabe darin, Privatisierungen, Deregulierungen, den freien Markt
durchzusetzen.
90 Prozent der Bevölkerung sind AlbanerInnen. Noch auf der
Partisanen-Konferenz von Bujan vom 31. Dezember 1943 und 1. Januar 1944
wurde dem Kosova die Unabhängigkeit versprochen. Davon wollte Tito aber
nach Ende des Zweiten Weltkriegs nichts mehr wissen. Der albanischen
Bevölkerungsmehrheit wurde das Selbstbestimmungsrecht verweigert und sie
wurde diskriminiert – unter Tito, Milosevic und jetzt unter der UNMIK.
Die erste Pflicht für Sozialistinnen und Sozialisten ist es deshalb,
diese Unterdrückung und Diskriminierung zu bekämpfen. Die Forderung nach
dem Recht auf Selbstbestimmung – und in dem Zusammenhang auch nach Abzug
aller ausländischen Truppen – ist dementsprechend vor allem eine
Zurückweisung der nationalen Unterdrückung und Entrechtung. Sie ist
nicht gleichbedeutend mit der Forderung, dieses Recht auch in Form eines
unabhängigen Staates durchzusetzen. Der zerstörerische Nationalismus auf
dem Balkan kann aber nur dann überwunden werden, wenn die „starken“
Nationen das Selbstbestimmungsrecht der „schwachen“ Nationen anerkennen,
also darauf verzichten, diese weiterhin zu dominieren und dadurch den
Weg frei machen, um Vertrauen aufzubauen.
Die Regierung des Kosova (die aufgrund der UNMIK-Verwaltung gar nicht
die Rechte einer Regierung hat) hat nun die einseitige Ausrufung der
Unabhängigkeit angekündigt. Die westlichen imperialistischen Staaten
werden darauf eingehen, weil die Alternative früher oder später ein
Volksaufstand gegen die UNMIK wäre. Das Problem hierbei ist nicht der
formelle Status der Unabhängigkeit, sondern dass dieser Vorschlag eben
nicht zu wirklicher demokratischer und sozialer Selbstbestimmung führen
wird. Denn erstens ist davon auszugehen, dass unter der Führung der
„Regierung“ genannten albanischen Mafia-Eliten ein Status herauskommt,
der der UNO – beziehungsweise der EU – weiterhin Sondervollmachten über
das Land gibt, die militärische Präsenz der NATO aufrecht erhält und vor
allem die wirtschaftliche Abhängigkeit von multinationalen Konzernen
weiter steigert. Deshalb können SozialistInnen natürlich nicht diesen
Weg unterstützen, was aber nicht bedeutet, sich gegen eine
Unabhängigkeit auszusprechen. Der Weg zur Selbstbestimmung müsste über
die Wahl zu einer wirklich demokratischen Verfassungsgebenden
Versammlung, in der die ArbeiterInnen, Bauern und Bäuerinnen und die
Erwerbslosen des Kosovas ihre VertreterInnen entsenden können, laufen.
Das Problem im Kosova und auf dem Balkan ist nicht die Anzahl der
Grenzen, sondern der grenzüberschreitende Kapitalismus, der die Länder
nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens aussaugt. Der wachsende
Nationalismus ist eine direkte Folge davon – die sich zu neuen
Kapitalistenklassen entwickelnden nationalen Eliten der ehemaligen
jugoslawischen Teilrepubliken, nutzten den Nationalismus, um die
Arbeiterklasse zu spalten und um einen möglichst großen Teil des zu
verteilenden Kuchens abzubekommen. Solange kapitalistische Ausbeutung
und Armut herrschen, werden auch die nationalen Konflikte weiter
schwelen und immer wieder explodieren. Deshalb ist die Sorge, dass die
Bildung eines unabhängigen Kosova nationale Spannungen in Bosnien,
Makedonien und anderen Ländern anheizen könnte, berechtigt. Ebenso wie
die Lage der serbischen und anderer Minderheiten im Kosova nicht
ignoriert werden darf (und SozialistInnen in einem unabhängigen Kosova
für gleiche Rechte und für weitgehende Minderheitenrechte für die
Minderheiten eintreten würden).
Dies jedoch ist nur Ausdruck der ungelösten nationalen Frage in diesen
Ländern, welche wiederum nicht durch Zwang und Unterdrückung gelöst
werden kann, sondern nur durch Gewährung des Selbstbestimmnugsrechts und
vor allem wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung. Dazu ist der
Kapitalismus nicht in der Lage. Deshalb muss die Frage der nationalen
Selbstbestimmung mit der Frage der sozialen Selbstbestimmung, also der
Abschaffung des Kapitalismus und Errichtung einer sozialistischen
Demokratie verbunden werden. Demokratie, Selbstbestimmung und
Sozialismus wären auch die Voraussetzungen für eine Überwindung des
Nationalismus und der unsinnigen Grenzen auf dem Balkan und könnten den
Weg zu einer freiwilligen Föderation der Balkanländer aufzeigen.
CONTRA:
Monika Knoche, Bundestagsabgeordnete und stellvertretende
Fraktionsvorsitzende der LINKEN, Mitglied im Auswärtigen Ausschuss
Nicht erst seit dem Ende des EU-Gipfels scheint die Anerkennung eines
neuen Staates Kosovo in Europa eine ausgemachte Sache zu sein. Eine
solche Anerkennung wäre aus heutiger Sicht ein beispielloser Bruch des
geltenden Völkerrechts. Letztendlich wäre ein unabhängiges Kosovo ein
Ergebnis des Krieges der NATO gegen das damalige Jugoslawien. Es würden
damit Grenzveränderungen anerkannt, die überhaupt nur aufgrund des
Einsatzes militärischer Mittel möglich waren. Damit sind die jetzigen
Entwicklungen eine direkte – zeitlich verzögerte – Folge des Krieges.
Die Unabhängigkeit des Kosovo bereits 1999 zu befürworten, hätte einen
allzu offensichtlichen Bruch des Völkerrechts bedeutet und hätte keine
internationale Anerkennung gefunden. Mit der Resolution 1244 wurde der
Versuch unternommen, diesem Problem aus dem Weg zu gehen und die Zeit
für sich spielen zu lassen. Es sind also nur noch taktische, nicht mehr
grundsätzliche Überlegungen, die auch die Rolle Deutschlands im
Separationsgeschehen ausmachen.
Der Westen will die Wahlen in Serbien abwarten. Man erhofft sich davon,
die serbischen Nationalisten zu schwächen.
Im gegenwärtigen Separationsgeschehen werden viele zentrale Fragen
einfach ignoriert: Die nach dem geltenden Völkerrecht genauso wie die
nach den rechtlichen Grundlagen einer weiteren KFOR-Präsenz auch unter
Beteiligung der Bundeswehr. Dies scheinen nicht die Themen zu sein, die
die Bundesregierung und die EU-Spitzen zur Zeit umtreiben. Noch nicht
einmal die Verträglichkeit einer neuen ethnisch-nationalistisch
begründeten Kleinstaaterei in der neuen EU des Reformvertrages von
Lissabon 2007 ruft Nachdenklichkeit hervor. Es wird lieber die
„unausweichliche Unabhängigkeit“ propagiert.
Die Resolution 1244 sieht Kosovo als eine Provinz in Serbien. KFOR und
UNMIK traten an, um diese Grundlagen umzusetzen. Anstatt jetzt die
Versäumnisse dieser Missionen sowie die Folgen der pro-albanischen
Positionen zu thematisieren, werden EU-Staaten wie zum Beispiel Spanien
und Zypern von den vier „Großen der EU“, also auch Deutschland, unter
Druck gesetzt, ihre grundsätzlichen Bedenken und die Befürchtung vor
Eigenstaatlichkeitsinteressen als Folge des Präzedenzfalls auf eigenem
Territorium über Bord zu werfen.
Deutschland und Europa sind bereit, einen hohen Preis für die
Unabhängigkeit Kosovos zu zahlen: Das Völkerrecht und die Resolution
1244 verlieren an Bedeutung, die EU muss die Verantwortung für den
Kosovo übernehmen. Wer nach einer Erklärung für die Haltung sucht,
findet bei Präsident George Bush eine mögliche Antwort. Er war im Juni
2007 im albanischen Tirana und hat die Anerkennung der Unabhängigkeit
durch die USA zugesichert. Spätestens damit entfiel für die
kosovo-albanische Seite jeder Zwang für Konzessionen. Da wundert es
nicht, dass weitreichende Zugeständnisse von serbischer Seite an ein
autonomes Kosovo folgenlos blieben.
Serbien erklärt, in keinem Fall Militär einzusetzen, aber es wird alle
juristischen Mittel ausschöpfen und gegebenenfalls vor den
Internationalen Gerichtshof ziehen. Es wird seine Grenzen zum „Kosovo“
dicht machen und wirtschaftliche und Handelsbeziehungen unterbrechen.
Serbien will wissen, wie gültig das internationale Recht noch ist.
Russland wird das unterstützen und die von den USA gewollte neue
Resolution im Sicherheitsrat verhindern.
Es besteht das Interesse, Kosovo in die NATO aufzunehmen. Kann aber die
Ausbreitung der NATO in Europa so wertvoll sein, dass im Europa des 21.
Jahrhunderts ein Rückfall in ethnisch-nationalistische Kleinstaaterei
geduldet werden muss? Dies widerspricht allen Idealen der
Multiethnizität und der Emanzipation in Europa. Nationalismus und
ethnische Segregation wird den Menschen im Kosovo und in Serbien aber
keine Lösungen ihrer Probleme bringen.
Als der Krieg gegen Jugoslawien vorbei war und das Motto „Standards vor
Status“ und die UN-Resolution 1244 entstanden, wurde dies in dem Wissen
getan, dass Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit, Bekämpfung der Korruption
und der organisierten Kriminalität, Überwindung der desolaten
wirtschaftlichen Lage und der Arbeitslosigkeit wichtiger sind als die
Statusfrage. Auch ein Staatsgebilde Kosovo wird absehbar nichts anderes
hervorbringen als eine militärzentrierte Ökonomie, die keine tragfähigen
Wirtschaftsstrukturen und nachhaltigen Arbeitsplätze schafft.
Ungelöst bleibt, wie sich die Lage für SerbInnen und andere Minderheiten
in Kosovo ändern wird, wenn die Statusfrage im Sinne der
Nach-UCK-Machtelite entschieden wird. Werden sie sich sicher fühlen?!
Wohl kaum.
Dementgegen wären eine weitgehende Autonomie des Kosovo und eine
EU-Beitrittsperspektive für Kosovo in Serbien reale und sinnvolle
Perspektiven, die verhandelt werden könnten und sollten.
Noch sind nicht alle Türen zu. Eines aber muss sich die EU klarmachen:
Wenn sie die Unabhängigkeit des Kosovo zulässt, sitzt sie einer bizarren
nationalistischen Inszenierung auf, die keine völkerrechtskonforme
Grundlage hat. Hat der Wert, einen weiteren Nato-Staat im Osten Europas
zu haben, diesen Preis?
Für die Zukunft des Balkans kann es nur darum gehen, dem Menschenrecht
und dem Völkerrecht wieder Geltung zu verschaffen. Für Europa heißt das,
sich von der Einmischung der USA in innereuropäische Angelegenheiten
loszusagen.
Deshalb: keine Anerkennung des Kosovo. Aber eine EU-Zukunft für ein
autonomes Kosovo in Serbien.
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