DIE LINKE diskutiert: Keine Finanzmittel für neue Investitionsprogramme?
[Druckversion] Thema: Debatte, "DIE LINKE.", veröffentlicht: 08.05.2008
Pro & Contra: Ronald Weckesser, Landtagsabgeordneter
der LINKEN Sachsen, und Claus Ludwig, Mitglied im Rat der
Stadt Köln, Fraktion DIE LINKE, und im Bundesvorstand der SAV, zum
Streit über die Umverteilungspolitik
Am 24. und 25. Mai findet in Cottbus der Bundesparteitag der LINKEN
statt. Im Vorfeld dieses Parteitags hatte der Bremer
Bundestagsabgeordnete Axel Troost – zusammen mit Ralf Krämer und Michael
Schlecht (beide auch für den ver.di-Bundesvorstand im Ressort
Wirtschaftspolitik tätig) – einen Antrag für ein öffentliches
Investitionsprogramm im Umfang von 50 Milliarden Euro entworfen. Laut
der Bundestagsabgeordneten Ulla Lötzer könnten schon bei einem
Ausgabevolumen von 40 Milliarden Euro im ersten Jahr 600.000
Arbeitsplätze im Handwerk, im Öffentlichen Dienst sowie im öffentlich
geförderten Bereich geschaffen werden.
Troosts Papier hat mehrere ostdeutsche Finanzpolitiker auf den Plan
gerufen. In einem offenen Brief, der auszugsweise in der ZEIT
veröffentlicht wurde, monieren sie, „dass für zusätzliche Ausgaben (...)
schlichtweg keine Finanzmittel zur Verfügung stehen.“ Sie halten das
vorgeschlagene Investitionsprogramm für „außerordentlich gefährlich“,
weil es „Fehlbeträge im hohen zweistelligen Milliarden-Euro-Bereich“
schaffe. Zu den UnterzeichnerInnen des Schreibens gehören unter anderem
der finanzpolitische Sprecher der LINKEN im Berliner Abgeordnetenhaus,
Carl Wechselberg, die stellvertretende Vorsitzende der
Bundestagsfraktion, Barbara Höll, sowie der sächsische
Landtagsabgeordnete Ronald Weckesser.
Um eine Zuspitzung der Auseinandersetzung in Cottbus zu vermeiden,
„entschärfte der Parteivorstand den Konflikt, indem er das Vorhaben
Troosts abschwächte und in den Leitantrag für den Parteitag
einarbeitete“ (FAZ vom 17. April).
Was ist von dem von Troost und Co. vorgelegten
Zukunftsinvestitionsprogramm (ZIP) zu halten? Sind die Finanzmittel
dafür und für weitere Ausgaben vorhanden beziehungsweise können diese
Gelder erkämpft werden? Ist DIE LINKE eine Umverteilungspartei?
PRO
Ronald Weckesser
Landtagsabgeordneter der LINKEN Sachsen
Wenn die gute Gelegenheit, im Rahmen der Strategiediskussion der neuen
Partei DIE LINKE, eine längst überfällige Debatte zu einer gleichermaßen
visionären, wie machbaren und finanzierbaren linken Politik – jenseits
des neoliberalen Mainstreams – in voller Ernsthaftigkeit zu führen,
gelegentlich bereits im Ansatz als Machtkampf zwischen
„Haushaltssanierern“ und „Keynesianern“ denunziert wird, ist das weder
in der Sache hilfreich, noch der Situation angemessen. Doch die
Reduktion dieses schwierigen Suchprozesses auf ideologische
Grundpositionen, auf den Streit zwischen „Guten“ und „Bösen“ mit seiner
klaren Rollenzuweisung, erleichtert ein Obsiegen im Kampf um
innerparteiliche Hegemonie – schließlich ist eine solche Verfahrensweise
hochgradig „parteitagskompatibel“. Sie ersetzt den Streit um Argumente
durch den Kampf um Mehrheiten und um Beschlüsse. Auf die sich im
Nachhinein berufen, deren Nichteinhaltung zum Kriterium künftiger
Schlachten um Ressourcen gemacht werden kann. Die alte linke Unart.
Übrigens schon in der vorgegebenen Artikelüberschrift praktiziert: Denn
im zugrundeliegenden Streit – zwischen Befürwortern eines
Parteitagsbeschlusses über ein Zukunftsinvestitionsprogramm (ZIP) auf
der einen Seite und den Verfassern eines als „Brandbrief“ bezeichneten,
vor eben dieser Verfahrensweise warnenden Schreibens auf der anderen
Seite (überwiegend Finanzpolitiker ostdeutscher Landtagsfraktionen) –
geht es nicht darum, dass „keine Finanzmittel“ vorhanden seien. Eine
Behauptung, die auch von niemandem aufgestellt wurde. Selbst in der Höhe
veranschlagbarer rund 50 Milliarden Euro sind sich ZIP-Autoren und
Kritiker einig. Es geht darum, dass die im ZIP versprochenen Mittel
bereits anderweitig versprochen sind! Denn erklärtermaßen eint zumindest
eine Erkenntnis die Protagonisten beider Parteien: Jeder Euro kann nur
einmal ausgegeben werden.
Es geht folglich um die Frage, ob es der Glaubwürdigkeit einer Partei
wie DIE LINKE zuträglich ist, wenn unterschiedliche Akteure zu zwar
unterschiedlichen, doch genügend nahe beieinanderliegenden Zeitpunkten
für unterschiedliche Projekte das gleiche Geld auszugeben versprechen –
wohlwissend, dass es beim rein virtuellen Geldausgeben bleibt.
Das Kernproblem ist eine nicht inhaltlich nachvollziehbar wechselnde
Zweckbestimmung. Denn jeder einzelne Vorschlag im
Zukunftsinvestitionsprogramm hat durchaus seine eigene Logik, lässt sich
inhaltlich begründen, ist wünschenswert und in Übereinstimmung mit
programmatischen Beschlüssen. Nur in der Summe, sowie der zeitlichen
Abfolge der Umsetzung, unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es
nicht nur auf Bundesebene Versprechungen einzuhalten gilt, sind sie dann
nicht mehr glaubwürdig. Aus diesem Dilemma hilft auch nicht heraus,
verbal „Selbstfinanzierungseffekte“ zu beschwören. Aber welcher
Parteitag sollte schon einem derartigen, wirtschafts- und
finanzpolitischen „Perpetuum mobile“ seine Zustimmung verweigern? Mit
seiner emotionalen Eigendynamik ist dort einfach nicht der Ort,
derartige Fragen sachkundig zu behandeln und zu entscheiden. Und die
Überlegung schließlich, dass auch den bisherigen Vorschlägen, die nun
durch aktuellere ersetzt werden sollen eine
Selbstfinanzierungskomponente über die erhöhte Massenkaufkraft
unterstellt werden könnte, dass folglich mit Mehrheit über die relativ
geringe Differenz zweier fiktiver Summen zu entscheiden wäre, beide in
nicht mehr anschaulicher, kaum noch vorstellbarer Größenordnung – dieser
Gedanke spielt überhaupt keine Rolle. Somit „gewinnt“ auf dem Parteitag
die Seite, die ihre Behauptungen mit größerer Vehemenz vorzutragen
vermag.
Nun hat eine Partei selbstverständlich das Recht, ihre Ziele zu
verändern. Aber dann muss sie das auch tun. Im vorliegenden Beispiel
werden solche veränderten Zielbestimmungen unter der Hand vorgenommen,
indem Geld, dass bereits verprochen wurde, ohne dass die zurückliegende
Beschlusslage neu aufgerufen und verändert worden wäre, in anderem
Zusammenhang einfach erneut als Deckung angeboten werden soll.
Und in diesem Kontext feiern – natürlich – auch die alten Streitpunkte
fröhliche Urständ: Ist Verschuldung, wenn ein guter Zweck finanziert
werden soll, nicht doch verantwortbar? Stehen ihr nicht, als Guthaben,
die geschaffenen Werte gegenüber, so dass beides zugleich „vererbt“
wird. Folglich ein Nullsummengeschäft für die Erben?
Und, je nach Standpunkt beantwortet sich dann auch die Frage, ob ein
Gedanke an Schuldentilgung nur einfach dumm ist. Oder neoliberal. Oder
vielleicht doch links sein darf?
CONTRA
Claus Ludwig
Mitglied im Rat der Stadt Köln, Fraktion DIE LINKE, und im
Bundesvorstand der SAV
Die Gegner des als Antrag für den Parteitag vorgeschlagenen
Zukunftsinvestitionsprogramms (ZIP) grummeln. Sie fühlen sich als die
„bösen“ Haushaltssanierer dargestellt und falsch interpretiert. Sie
hätten ja gar nichts gegen die vorgeschlagenen Maßnahmen, nur sei das
Geld schon für andere Dinge verplant.
In einem Punkt haben sie Recht: Es geht in der Debatte gar nicht um die
einzelnen Punkte des ZIP. Die Gegner des ZIP stellen sämtliche
Forderungen der LINKEN unter einen Finanzierungsvorbehalt. Nicht die
Interessen der arbeitenden Menschen sollen ausschlaggebend sein für die
Programmatik, sondern die „Bezahlbarkeit“ der Maßnahmen. Ein wirklicher
Kassensturz, die Umkehr der Umverteilung, die grundlegende Erhöhung der
öffentlichen Einnahmen durch die Heranziehung der Besitzenden, der
Banken und Konzerne spielen für sie in der Debatte keine Rolle.
Helmut Holter, Fraktionschef DIE LINKE in Mecklenburg-Vorpommern, bringt
es auf den Punkt: „Gerade wir müssen nachweisen, dass nur ausgegeben
werden kann, was durch die Gesellschaft erwirtschaftet wurde. Sonst
bleibt an uns das Etikett der Umverteilungspartei kleben.“
Die einzige Existenzberechtigung für DIE LINKE liegt eben darin,
„Umverteilungspartei“ zu sein! Holters Aussage zeigt, dass Teile der
Partei schon längst die neoliberale, kapitalistische Logik übernommen
haben.
Um „das Erwirtschaftete“, das Mehrprodukt, tobt ein Kampf und in den
letzten Jahren haben die Reichen und Besitzenden sich immer größere
Teile erobert, für die Masse sind die Realeinkommen gesunken. Die
öffentlichen Kassen wurden durch Steuererleichterungen für die Reichen
unter Kohl, Schröder und Merkel geplündert. Deren Rücknahme würde
bundesweit etwa 120 Milliarden Euro Mehreinnahmen bedeuten.
Die Ebbe in den öffentlichen Kassen ist kein absoluter Wert. Wenn es um
die Interessen der herrschenden Klasse geht, können auch die
bürgerlichen Politiker enorme Summen öffentlicher Gelder mobilisieren:
allein die Sozialisierung der durch die Finanzkrise verursachten
Verluste der Banken durch Steuerausfälle und Stützung der öffentlichen
Kreditinstitute beläuft sich auf mehrere Dutzend Milliarden Euro.
Das ZIP ist mehr als nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Umsetzung
würde das Leben für Zehntausende Menschen verbessern und Hunderttausende
Arbeitsplätze schaffen. Aber es wäre nur ein Anfang. Es ist weit davon
entfernt, die Macht- und Einkommensverhältnisse in diesem Land auf den
Kopf stellen.
Vor allem wird es nicht den Kapitalismus sozial zähmen und eine stabile
wirtschaftliche Entwicklung einleiten. In einem Artikel für die junge
Welt schreibt die Abgeordnete Ulla Lötzer, das ZIP sei auch deswegen
richtig, weil es die Binnennachfrage stärke, Beschäftigung schaffe und
für Einnahmen bei der Sozialversicherung sorge.
Doch solch ein keynesianisches Programm ist eben nicht gut für alle,
sondern würde die Verwertungsbedingungen des Kapitals verschlechtern.
Gegenmaßnahmen wie Investitionsverweigerung, eine Eskalation der
Steuerhinterziehung, Abzug von Kapital wären die Folge. Gerade wenn dies
von einer Rezession begleitet würde, käme eine Regierung, die solche
Schritte in die Wege leitet, sehr schnell in die Situation, die
Maßnahmen über Neuverschuldung zu finanzieren.
Dabei verweisen die „Haushaltssanierer“ auf einen Fehler in der
Argumentation der Keynesianer: Mit einer Steigerung der öffentlichen
Ausgaben, zumal mit Schuldenmachen, wird kein „Perpetuum mobile“ einer
sich selbst tragenden und regulierten Marktwirtschaft in Gang gesetzt,
zumindest nicht in Zeiten eines kriselnden Kapitalismus. Stattdessen
werden die Abhängigkeit von den privaten Banken verstärkt und
öffentliche Defizite aufgehäuft. Schuldenmachen ist nicht links.
„Haushaltskonsolidierung“ nach kapitalistischen Vorgaben allerdings noch
viel weniger!
Der Keynesianismus der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre war das
kapitalistische Modell eines langfristig wachsenden Weltmarktes im
Nachkriegsaufschwung. Eine Rückkehr zu dieser Politik ist nicht möglich.
Das ZIP kann ein Anfang sein, um die Bevölkerung für einen echten
Politikwechsel zu mobilisieren, um zu zeigen, dass Umverteilung und
Maßnahmen im Interesse der Mehrheit möglich sind. Wird es aber nicht mit
weiteren Schritten zur Vergesellschaftung von Banken und Konzernen
ergänzt, belässt man alle Machtmittel beim Kapital, wird sich die
herrschende Klasse formieren, um auch die bescheidenen Sofortmaßnahmen
des ZIP zurückzudrehen. Wer den Tiger reizt, sollte wissen, dass man
bereit sein muss, ihn auch zu erlegen.
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