Bahn: Hansen – vom Agenten zum offenen Vertreter des Kapitals
[Druckversion] Thema: Bahn für alle statt Börsenwahn!, Betrieb und Gewerkschaft, veröffentlicht: 21.05.2008
Offensichtlicher geht es sicher nicht mehr. Norbert Hansen,
Ex-Transnet-Chef hat in punkto Privatisierung der Bahn ganze Arbeit
geleistet hat. Jetzt überschlägt er sich vor Freude über seine
„Belohnung“ - nämlich seinem neuen Posten als Arbeitsdirektor bei der DB
AG - auch schon mit Vorschlägen, wie die Beschäftigten dafür bluten
sollen.
Rationalisierung sei notwendig, ohne Stellenabbau ginge es nicht,
Kündigungen sind nicht ausgeschlossen, private Bahnunternehmen zeigen
den Weg – da kann ein Zugführer auch mal alle anderen Arbeiten gleich
mit erledigen, um Personal einzusparen. Hansen freut sich auch über die
Gründung von dreißig Tochterunternehmen, deren erklärter Zweck neben dem
Stellenabbau auch noch Lohndumping ist.
von Angelika Teweleit, Berlin
Hansen ging mit seiner plumpen Art sogar so weit, dass Mehdorn ihn
zurück pfeifen musste und die Financial Times ihm „opportunistischen
Dilettantismus“ bescheinigte. Hartmut Mehdorn war natürlich nur besorgt,
dass Hansen zu platt ausplauderte, was tatsächlich in Planung ist. Es
ist auch widersinnig, wenn die Verkehrsexperten von FDP, Grünen und SPD,
allesamt für die Privatisierung, in der BILD zitiert werden, und sich
darüber aufregen, dass Hansen offensichtlich für seine Unterstützung der
Privatisierung belohnt wurde.
Privatisierung nicht ohne Hansens Hilfe
Ohne die aktive Mitarbeit der Transnet-Führung beim Ausverkauf der Bahn
hätte die Privatisierung verhindert werden können. Es gab zuletzt bei
den Beschäftigten wie auch in der Bevölkerung eine Mehrheit gegen die
Privatisierung. Doch diese Ablehnung konnte keinen Ausdruck in breitem
Widerstand finden, solange die Transnet-Führung alles tat, um die
Privatisierung mit umzusetzen – wie diese Woche mit der Zustimmung der
Transnet und GDBA-VertreterInnen im Aufsichtsrat. Proteste durch
Organisationen wie „Bahn für alle“, die wachsende Stimmung gegen
Privatisierung und der Streik der LokführerInnen hatten das Projekt
zeitweilig ins Wanken gebracht. Mithilfe von Hansen konnte der Zug aber
wieder aufs Gleis gebracht werden – indem ein Modell vereinbart wurde,
bei dem noch nicht einmal eine Gesetzesänderung im Bundestag notwendig
ist.
Gemeinsamer Kampf gegen Privatisierung
Der neu gewählte GDL-Vorsitzende Weselsky kündigt an, dass es mit der
GDL keine Dumping-Löhne in den bis zu dreißig Tochterunternehmen geben
werde. Das ist eine gute Absicht, aber viele werden fragen, inwieweit es
möglich sein wird, das zu verhindern. Die Zersplitterung in verschiedene
kleine Unternehmen wird einen enormen Verlust der Kampfkraft bedeuten.
Das alles wurde bei der Telekom bereits vor-exerziert, das Lohnniveau
wurde um bis zu 30% abgesenkt.
Es zeigt sich an dieser Stelle deutlich, dass der Kampf für höhere Löhne
mit dem Kampf gegen Privatisierung verbunden werden muss. Notwendig
hierfür ist der gemeinsame Kampf aller Bahnbeschäftigten. Bereits beim
Lokführerstreik bestand die Gelegenheit, den Streik auszuweiten. Hätte
die GDL Führung die Transnet- und GDBA-Führung öffentlich dazu
aufgefordert, gemeinsam für höhere Löhne und gegen die geplante
Privatisierung mobil zu machen, hätte es an der Basis dieser
Gewerkschaften Zustimmung gegeben. Doch die GDL-Führung sprach sich zwar
gegen die Privatisierung aus, tat aber so, als sei es für eine
Gewerkschaft nicht möglich, einen politischen Kampf dagegen zu
organisieren. Die gleiche Argumentation verwendete die ver.di-Führung
beim Telekom-Streik 2007, als es um die Ausgründung einer
Servicegesellschaft ging.
Ein Kampf gegen Privatisierung ist für Gewerkschaften nicht nur möglich,
sondern sie spielen sogar eine zentrale Rolle, wenn der Kampf
erfolgreich sein soll. Mit Streik und Arbeitskampfmaßnahmen könnten
Privatisierungsvorhaben gestoppt werden. Zudem muss die Bevölkerung für
Proteste und Demonstrationen mobilisiert werden.
Schluss mit Ausverkauf - für kämpferische Gewerkschaften
Hansen ist ein extrem offensichtlicher Fall eines korrupten
Gewerkschaftsbosses, der die Interessen der Belegschaft komplett
ausverkauft, um dann offen die Seiten zu wechseln. Doch er ist auch
nicht der einzige, der eine solche Laufbahn hinter sich hat. Auch bei
den anderen Gewerkschaften, wie bei ver.di und der IG Metall sind solche
Beispiele vielfältig. Durch ihre abgehobene Stellung, indem sie mit
einem Vielfachen des Gehalts eines durchschnittlichen Arbeitnehmers nach
Hause gehen, „vergessen“ Spitzenfunktionäre, wie das „normale“ Leben so
ist. Den erreichten Wohlstand wollen sie nicht hergeben. Im Gegenteil:
Beim Wechsel der Seiten lockt die Aussicht auf noch mehr Luxus.
Aber die Ursache für die Korruptheit von führenden
Gewerkschaftsfunktionären liegt nicht alleine in der materiellen
Abgehobenheit. Gerade jetzt, in Zeiten einer herannahenden ökonomischen
Krise, wird die Unfähigkeit des Kapitalismus immer offensichtlicher.
Immer mehr Menschen stellen den Neoliberalismus in Frage, eine große
Mehrheit lehnt Privatisierungen ab. Doch die übergroße Mehrheit der
jetzigen Gewerkschaftsführer stellt das kapitalistische System nicht in
Frage. Im Gegenteil, sie haben vor der neoliberalen Offensive in den
90iger Jahren kapituliert, indem sie die Idee einer
Gesellschaftsalternative als utopisch verwarfen. Das kapitalistische
System ist aber an einen Punkt angelangt, wo allenfalls unter dem
riesigen Druck von Massenbewegungen noch kurzfristig Reformen erreicht
werden können. Diese stehen aber dann gleich wieder zur Disposition. Wer
den Kapitalismus als Gesellschaftssystem verteidigt, landet unter
heutigen Bedingungen bei den sogenannten Sachzwängen, dem Zwang zum
Sparen. Die Folge davon ist Co-Management und Ausverkauf der
Belegschaftsinteressen oder Kapitulation. In einigen Fällen, wie aktuell
bei Hansen ist der nächste Schritt dann der vollständige und offene
Wechsel auf die Kapitalseite.
Abhängig Beschäftigte können sich weiteren Ausverkauf und abgehobene
Gewerkschaftsführer nicht mehr leisten. Von der Basis der Gewerkschaften
muss daher an den Aufbau einer kämpferischen Opposition gegangen werden,
um für die kommenden Auseinandersetzungen gewappnet zu sein. Zentrale
Forderungen sind hierbei die jederzeitige Wähl- und Abwählbarkeit aller
Gewerkschaftsfunktionäre, ein durchschnittlicher Facharbeiterlohn für
alle Funktionäre und Abführung aller Aufsichtsratsgelder an die
Gewerkschaftsbewegung.
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