Tarifabschluss bei der Bahn bringt bescheidene Lohnerhöhungen nach
minimaler Mobilisierung
[Druckversion] Thema: Bahn für alle statt Börsenwahn!, veröffentlicht: 02.02.2009
Die Gewerkschaften Transnet und GDBA akzeptierten nach Mini-Warnstreiks
ein Ergebnis, das nur einem Drittel ihrer Forderung entspricht. Vor
einem Jahr zeigte die Gewerkschaft der Lokomotivführer ansatzweise,
welche Macht die Beschäftigten des Logistikkonzerns haben. Nun
frohlockte die GDL schon in der Überschrift ihrer Presseerkärung zum
Abschluss darüber, dass "ohne Arbeitskampf" ein Erfolg erzielt worden
wäre.
von Stephan Kimmerle, Berlin
Abhängig von der Zustimmung der Tarifkommissionene der Gewerkschaften
sieht die Einigung folgende Eckpunkte vor:
- Rund 150.000 Beschäftigten erhalten ab 1. Februar 09 zunächst 2,5
Prozent, und ab 1. Januar 2010 weitere 2 Prozent mehr Lohn und Gehalt.
Im Dezember 09 gibt es einmalig 500 Euro.
- Zwölf freie Wochenenden (Samstag und Sonntag) pro Jahr werden
garantiert, davon werden acht verbindlich über den Jahreszeitraum
geplant.
- Die bisher in niedrigeren Tarifen geparkten Lokführer bei der
DB-eigenen Zeitarbeitsfirma werden in die Transportfirmen überführt. Für
die Lokführer wurden Qualifizierungsregeln vereinbart, die den Zugang zu
diesem Job bei der Bahn regeln.
Bahn-Personalvorstand Norbert Hansen, noch bei der letzten Tarifrunde
als Chef der Gewerkschaft Transnet bei den Verhandlungen beteiligt,
stimmte zum diesjährigen Abschluss im Auftrag der Aktiengesellschaft
gekonnt das immer gleiche Lied der Arbeitgeber an: Man habe ein Ergebnis
akzeptiert, das "hart an der Grenze" dessen liege, was die Bahn
verkraften könne. Unter dem Strich verbuchte die Bahn 2007 einen Gewinn
von 1,7 Milliarden Euro und strebte für 2008 eine Steigerung des Ertrags
um 5 Prozent an.
Während Transnet und GDBA wortgewaltiger mit einer Forderung nach zehn
Prozent Erhöhung der Einkommen in die Tarifrunde gestartet waren, hatte
die GDL nur 6,5 Prozent mehr verlangt. Mit der zusätzlichen Forderung
nach zwölf freien Wochenenden reagierten Transnet und ihr
Beamtenbund-Partner, die GDBA, auf die Erfolge der GDL bei der
Arbeitsgestaltung vor einem Jahr. Damals war es der
Lokführer-Gewerkschaft gelungen, nach teils heftigen aber immer wieder
unterbrochenen Streiks elf Prozent mehr Lohn und - wirksam erst ab
diesem Jahr - eine Stunde Arbeitszeitverkürzung durchzusetzen.
Nun erreichte die GDL zwar die für die KollegInnen wichtigen Punkte der
Überführung aller LokführerInnen in den von der GDL erstrittenen
Tarifvertrag. Die Zeit der Billiglöhne für diese Berufsgruppe über die
DB-Zeitarbeitsfirma sind damit beendet. Doch der Tarifabschluss bleibt
in der Höhe deutlich sowohl hinter der diesjährigen Forderung als auch
dem Vorjahresergebnis zurück. Focus.de fasst den Auftritt des GDL-Chefs
vor der Presse gar so zusammen: "Als „Highlight" bezeichnete Weselsky
die Vereinbarung zur Fortbildung der Lokführer. Die GDL habe bewiesen,
dass sie auch ohne Arbeitskampfmaßnahmen zu Ergebnissen mit der Bahn
kommen könne." Ein Tarifvertrag mit rund drei Prozent Erhöhung auf das
Jahr umgerechnet wirft allerdings die Frage auf, zu was für Ergebnissen
diese Strategie führt.
Transnet und GDBA hatten sich zunächst rebellischer gebärdet. Nach der
privatisierungsfreundlichen Politik und herausgefordert durch die GDL
hatte Transnet nach Angaben der Zeitung junge Welt knapp fünf Prozent
ihrer Mitglieder verloren - so viel wie keine andere DGB-Gewerkschaft im
Jahr 2008. Zunächst schien es so, als erkenne die Gewerkschaftsführung
nach dem doppelten Abgang zunächst von Hansen und dann seines Nachfolger
als Gewerkschaftsvorsitzendem, dass eine andere Gangart nötig ist, um
die Interessen der Mitglieder zu verteidigen und den Abwärtstrend zu
stoppen. Doch zu mehr als "Nadelstichen", so der neue Transnet-Chef
Alexander Kirchner über die eigenen Aktionen, konnten sich die
Gewerkschaftsverantwortlichen auch diesmal nicht durchringen: Am
vergangenen Donnerstag hatten rund 400 der 250.000 Bahnbeschäftigten
"ein bisschen Warnstreik" (Frankfurter Rundschau) durchführen dürfen.
Dabei ist eine kämpferische Gewerkschaft dringend nötig: Die Bahn wird
aktuell vor allem durch Rückgänge beim Güterverkehr von der
kapitalistischen Krise erfasst. Auch hier ist die Gewerkschaftsbewegung
gefordert, das Abwälzen der Kosten der Krise auf die KollegInnen zu
verhindern. Dazu kommen für den Konzern technische Probleme an den
ICE-Zügen, die im Laufe der Vorbereitung des Börsengangs zur Steigerung
der Rendite billigend in Kauf genommen wurden. Außerdem wurde jüngst
bekannt, dass die Daten von 170.000 KollegInnen einem Massen-Screening
zur "Korruptionsbekämpfung" unterzogen wurden. Der Willkür des
Arbeitgebers gegenüber den Beschäftigten muss also auch beim Thema
Überwachung dringend etwas entgegen gesetzt werden.
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