Die politischen Ideen von Rosa Luxemburg
[Druckversion] Thema: Sozialismus.info, Magazin der SAV, Nr. 8, Marxismus, Klassiker, Geschichte, veröffentlicht: 09.01.2010
Zur Aktualität ihres Denkens
Anlässlich der Gedenkdemonstration für Rosa Luxemburg und Karl
Liebknecht veröffentlichen wir hier einen Artikel zu Rosa Luxemburgs
Ideen, der erstmals vor einem Jahr erschien und rufen auf zur Teilnahme
an der Demonstration am 10. Januar
ab 10 Uhr am Frankfurter Tor in Berlin.
Wenn man Rosa Luxemburgs Schriften liest, die vor 90 und mehr Jahren
geschrieben wurden, ist man immer wieder überrascht, wie aktuell sie
noch sind, oft genug aktueller denn je. Deshalb soll es auf den
folgenden Seiten nicht darum gehen, ihr Leben ausführlich darzustellen,
sondern einige ihrer Ideen vorzustellen.
von Wolfram Klein
Rosa Luxemburg wurde am 5. März 1871 als jüngste Tochter eines jüdischen
Holzhändlers in dem damals von Russland annektierten Teil Polens
geboren. Als Schülerin schloss sie sich der revolutionären Bewegung an,
1888 emigrierte sie nach Zürich, eine der wenigen Städte, in denen
Frauen damals gleichberechtigt studieren konnten. Vor allem war sie aber
politisch aktiv in der polnischen Arbeiterbewegung.
Nach dem Ende ihres Studiums wandte sie sich neuen Aufgaben zu. Ihr
Vermieter in Zürich war ein deutscher Sozialdemokrat. Die damalige
Sozialdemokratie hatte keinerlei Ähnlichkeit mit der heutigen Partei
Steinmeiers und Münteferings, sondern verstand sich als marxistisch.
Deshalb war sie von 1878 bis 1890 in Deutschland verboten
(„Sozialistengesetz“), viele Sozialdemoraten waren in die Schweiz
emigriert, auch Rosa Luxemburgs Vermieter. Jetzt heiratete sie dessen
Sohn, Gustav Lübeck und bekam so die preußische Staatsbürgerschaft (eine
deutsche Staatsbürgerschaft gab es vor dem Ersten Weltkrieg noch nicht).
Danach reiste sie nach Deutschland, um in der SPD ein wesentlich
größeres Betätigungsfeld zu haben. Sie machte schnell deutlich, wo sie
politisch stand: „auf dem linken Flügel (…), wo man mit dem Feinde
kämpfen, und nicht auf dem rechten, wo man mit dem Feinde kompromisseln
will.“ (Rede auf dem SPD-Parteitag 1898 in Stuttgart,
Gesammelte Werke (GW) 1/1, S. 238-241, hier S. 238)
Damals hatte Eduard Bernstein eine Grundsatzdebatte in der Partei
angestoßen. Er hatte während dem „Sozialistengesetz“ im Exil die illegal
nach Deutschland geschmuggelte Parteizeitung herausgegeben und musste
auch nach dem Fall dieses Gesetzes in London bleiben und stand dort in
engem Kontakt mit Friedrich Engels. Nach dessen Tod begann er,
marxistische Grundpositionen in Frage zu stellen und zu revidieren
(daher gingen seine Ansichten als „Revisionismus“ in die Geschichte der
Arbeiterbewegung ein). Bernsteins Thesen wurden seitdem gründlich
widerlegt. Statt einer von Bernstein prophezeiten friedlichen und
schrittweisen Entwicklung zum Sozialismus gab es in Deutschland im 20.
Jahrhundert zwei Weltkriege, die Revolution 1918-23, die
Konterrevolution des Faschismus 1933, die Errichtung eines
stalinistischen Staats in Ostdeutschland, der dann 1989
zusammengebrochen ist ― und Sozialismus haben wir immer noch nicht.
Kapitalismus und Demokratie
Bernsteins neue Ideen waren schon wiederholt von bürgerlichen
Marx-Kritikern vertreten und von MarxistInnen zurückgewiesen worden,
nicht zuletzt von Bernstein selber. Das Aufsehen, das Bernstein erregte,
war nur durch seine vergangenen Verdienste erklärbar. Im Herbst 1898
begann Rosa Luxemburg mit einer Artikelserie, die zeigte, dass
Bernsteins Prognosen den wirklichen Entwicklungstendenzen des
Kapitalismus widersprachen. Damit wurde Rosa Luxemburgs Polemik gegen
Bernstein (als Broschüre unter dem Titel „Sozialreform oder Revolution“
veröffentlicht) die erste bedeutende marxistische Arbeit über den
Kapitalismus in seinem Niedergangsstadium (oder seinem imperialistischen
Stadium, wie es bald genannt wurde) und dessen Folgen für die
Arbeiterbewegung. So schrieb sie über den kapitalistischen Staat und die
Demokratie: „Zunächst ist der heutige Staat – die Organisation der
herrschenden Kapitalistenklasse. Wenn er im Interesse der
gesellschaftlichen Entwicklung verschiedene Funktionen von allgemeinem
Interesse übernimmt, so nur, weil und insofern diese Interessen und die
gesellschaftliche Entwicklung mit den Interessen der herrschenden Klasse
im allgemeinen Zusammenfallen. (…) Aber diese Harmonie dauert nur bis zu
einem gewissen Zeitpunkt der kapitalistischen Entwicklung. Hat die
Entwicklung einen bestimmten Höhepunkt erreicht, dann fangen an die
Interessen der Bourgeoisie als Klasse und die der ökonomischen Evolution
(des ökonomischen Fortschritts) auch im kapitalistischen Sinne
auseinander zu gehen. Wir glauben, dass diese Phase bereits
hereingebrochen ist“ (Sozialreform oder Revolution?, GW 1/1,
S. 367-445, hier S. 395f.)
Der „Zwiespalt im Wesen des kapitalistischen Staates, den wir
charakterisiert haben, tritt in der modernen Demokratie (in dem modernen
Parlamentarismus) umso greller zutage. Zwar der Form nach dient nämlich
die Demokratie dazu, in der staatlichen Organisation die Interessen der
gesamten Gesellschaft zum Ausdruck zu bringen. Andererseits aber ist es
doch nur die kapitalistische Gesellschaft, d.h. eine Gesellschaft, in
der die kapitalistischen Interessen maßgebend sind, die sie zum Ausdruck
bringt. Die der Form nach demokratischen Einrichtungen werden somit dem
Inhalte nach zum Werkzeuge der herrschenden Klasseninteressen. Dies
tritt in greifbarer Weise in der Tatsache zutage, dass, sobald die
Demokratie die Tendenz hat, ihren Klassencharakter zu verleugnen und in
ein Werkzeug der tatsächlichen Volksinteressen umzuschlagen, die
demokratischen Formen selbst von der Bourgeoisie und ihrer staatlichen
Vertretung geopfert werden.“ (a.a.O., S. 398f.)
Als Rosa Luxemburg das schrieb, konnte sie das nur aus der marxistischen
Theorie und kleinen Symptomen wie der Verschlechterung des
Landtagswahlrechts in Sachsen 1896 ableiten. Inzwischen bietet uns die
Geschichte die Beispiele von grausamen Diktaturen wie der
Nazi-Herrschaft oder dem Chile unter Pinochet, die zeigen, dass die
Kapitalisten nicht zögern, die Demokratie zu opfern, wenn sie mit ihren
Interessen kollidiert.
So war Rosa Luxemburgs Schrift nicht nur eine Verteidigung des Marxismus
gegen einen „Abweichler“, sondern eine meisterhafte Fortführung und
Anwendung des Marxismus auf neue Fragestellungen.
Wie brandaktuell ihre Kritik nach 110 Jahren ist, zeigt ihre Polemik
gegen Bernsteins Behauptung, das Kreditwesen sei ein Anpassungsmittel
des Kapitalismus, das Krisen vermeiden helfe. Vor allem steigert der
Kredit „die Ausdehnungsfähigkeit der Produktion ins Ungeheure und
bildet die innere Triebkraft, sie beständig über die Schranken des
Marktes hinauszutreiben. (…) Hat er einmal (…) die Überproduktion
heraufbeschworen, so schlägt er während der Krise (…) die von ihm selbst
wachgerufenen Produktivkräfte umso gründlicher zu Boden. Bei den ersten
Anzeichen der Stockung schrumpft der Kredit zusammen, lässt den
Austausch im Stich da, wo er notwendig wäre, erweist sich als wirkungs-
und zwecklos da, wo er sich noch bietet, und verringert so während der
Krise die Konsumtionsfähigkeit auf das Mindestmaß.“ (a.a.O.,
S. 378f.) Das was Rosa Luxemburg damals beschrieben hat, geschieht
gerade in gigantischem Maßstab.
Reform und Revolution
Die wichtigste Frage, die sie in ihrer Schrift behandelt, war aber das
Verhältnis von Reform und Revolution. Diese Frage hat nach dem
Zusammenbruch des Stalinismus nur kleine Kreise interessiert, ebenso wie
die Frage einer sozialistischen Alternative zum Kapitalismus. Das ging
so weit, dass selbst das Wort „Reform“ seine Bedeutung verändert hat.
Bei den Gesundheits-, Renten-, Steuer- und sonstigen „Reformen“ der
letzten Jahre ging es nicht um Verbesserungen im Interesse der Masse der
Bevölkerung, sondern um die Beseitigung der in der Vergangenheit
erkämpften Reformen. Das ist schlimmer als vor dem Ersten Weltkrieg, als
Rosa Luxemburg einen „Stillstand der Sozialreform“ anprangerte, aber die
Regierung nicht wagte, die vergangenen Reformen zurückzudrehen. Hier
wollen wir aber unter Reform das verstehen, was zur Zeit Rosa Luxemburgs
darunter verstanden wurde: Schrittweisen Ausbau demokratischer und
sozialer Rechte.
Gerade sehen wir, wie die weltweite Finanzkrise auch in breiteren
Schichten die Frage aufwirft, ob es eine Alternative zum Kapitalismus
geben kann und wie sie aussehen kann. Die nächste Frage, wie eine solche
Alternative erreicht werden kann, und damit über das Verhältnis von
Reformen zur Revolution, kann in kürzerer Zeit aktuell werden als man
heute glauben könnte. Lateinamerikanische Länder wie Bolivien oder
Venezuela, wo diese Frage heute schon auf der Tagesordnung stehen, sind
ein Bild der Zukunft, die auch Europa bevorsteht.
Zunächst einmal hat sie klargemacht, dass die Gegenüberstellung von
Reform und Revolution im Titel ihrer Broschüre nicht von ihr, sondern
von Bernstein stammt: „Für die Sozialdemokratie besteht zwischen der
Sozialreform und der sozialen Revolution ein unzertrennlicher
Zusammenhang, indem ihr der Kampf um die Sozialreform das Mittel, die
soziale Umwälzung aber der Zweck ist.“
Sie erklärte das näher: „Die Gesetzgebung und die Revolution sind (…)
nicht verschiedene Methoden des geschichtlichen Fortschritts, die man in
dem Geschichtsbuffet nach Belieben wie heiße Würstchen oder kalte
Würstchen auswählen kann“. (a.a.O, S. 428)
„Es ist grundfalsch und ganz ungeschichtlich, sich die gesetzliche
Reformarbeit bloß als die ins Breite gezogene Revolution und die
Revolution als die zusammengedrängte Reform vorzustellen. Eine soziale
Umwälzung und eine gesetzliche Reform sind nicht durch die Zeitdauer,
sondern durch das Wesen verschiedene Momente. Das ganze Geheimnis der
geschichtlichen Umwälzungen durch den Gebrauch der politischen Macht
liegt ja gerade in dem Umschlage der bloßen quantitativen Veränderungen
in eine neue Qualität, konkret gesprochen in dem Übergange einer
Geschichtsperiode, einer Gesellschaftsordnung in eine andere.
Wer sich daher für den gesetzlichen Reformweg anstatt und im
Gegensatz zur Eroberung der politischen Macht und zur Umwälzung der
Gesellschaft ausspricht, wählt tatsächlich nicht einen ruhigeren,
sicheren, langsameren Weg zum gleichen Ziel, sondern auch ein anderes
Ziel, nämlich statt der Herbeiführung einer neuen Gesellschaftsordnung
bloß quantitative Veränderungen in der alten.“ (a.a.O.,
S. 428f.)
RevolutionärInnen sind also keineswegs gegen Reformen und den Kampf für
Reformen. Das heißt aber nicht, dass sie mit ReformistInnen beim Kampf
für Reformen einer Meinung wären und es erst später praktische
Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen gibt.
Nach marxistischer „Auffassung besteht die sozialistische Bedeutung
des gewerkschaftlichen und politischen Kampfes darin, dass er das
Proletariat, d.h. den subjektiven Faktor der sozialistischen Umwälzung
zu deren Durchführung vorbereitet.“ (a.a.O., S. 401)
Demnach „führt man das Proletariat durch den gewerkschaftlichen und
politischen Kampf zu der Überzeugung von der Unmöglichkeit, seine Lage
gründlich durch diesen Kampf aufzubessern, und von der Unvermeidlichkeit
einer endgültigen Besitzergreifung der politischen Machtmittel.“ (a.a.O.)
Nach Bernstein dagegen besteht die Bedeutung dieses Kampfes „darin,
dass der gewerkschaftliche und politische Kampf die kapitalistische
Ausbeutung selbst stufenweise einschränken, der kapitalistischen
Gesellschaft immer mehr ihren kapitalistischen Charakter nehmen und den
sozialistischen aufprägen, mit einem Worte, die sozialistische Umwälzung
in objektivem Sinne herbeiführen soll. Sieht man die Sache näher an, so
sind beide Auffassungen sogar gerade entgegengesetzt.“ (a.a.O.)
„Die große sozialistische Bedeutung des gewerkschaftlichen und
politischen Kampfes besteht darin, dass sie die Erkenntnis, das
Bewusstsein der Arbeiterklasse sozialisieren. Indem man sie als Mittel
der unmittelbaren Sozialisierung der kapitalistischen Wirtschaft
auffasst, versagen sie nicht nur diese ihnen angedichtete Wirkung,
sondern büßen zugleich auch die andere einzig mögliche soziale Bedeutung
ein: Sie hören auf, Erziehungsmittel der Arbeiterklasse zur
proletarischen Revolution zu sein.“ (a.a.O., S. 401f.)
Prinzipien und Taktik
Ihr Kampf für eine der revolutionären Theorie des Marxismus
entsprechende Praxis war fast noch wichtiger als ihre Verteidigung und
Weiterentwicklung dieser Theorie. Denn die Ansichten Bernsteins wurden
auf einer Reihe von SPD-Parteitagen mit überwältigenden Mehrheiten
niedergestimmt. In der SPD wurde das vorherrschend, was später
Zentrismus genannt wurde, was Rosa Luxemburg aber „Sumpf“ nannte:
revolutionäre Lippenbekenntnisse bei Sonntagsreden und reformistische
Praxis. Schon 1899 betonte sie, dass „ich allgemeinen theoretischen
Debatten in Bezug auf den Opportunismus nicht allzu viel praktische
Bedeutung beimesse. Wichtig ist für mich die Bekämpfung der konkreten
Erscheinungen des Opportunismus.“ (2. Rede auf dem
SPD-Parteitag 1899, GW 1/1, S. 575-76, hier S. 574)
Auf die gebetsmühlenartig wiederholte Rechtfertigung des Opportunismus,
es handle sich nur um taktische Fragen, antwortete sie: „Man
übersieht dabei, dass die sozialdemokratische Taktik durchaus nicht die
Mannigfaltigkeit in der Verletzung der Grundsätze der Sozialdemokratie,
sondern die Mannigfaltigkeit in ihrer Anwendung darstellt. Der Taktik
unserer Partei sind im Voraus durch unsere Grundsätze bestimmte Grenzen
gezogen, in denen und nicht außerhalb derer sie sich entfalten kann. Nur
im Rahmen des Parteiprinzipiellen darf die Taktik variieren, und die
Bezeichnung einer Frage als taktischer enthebt uns durchaus noch nicht
der Möglichkeit und Pflicht, die gegebene Lösung dieser Frage auf ihren
prinzipiellen Charakter zu prüfen. Es gibt eben auch eine
prinzipienwidrige Taktik, und sobald man dies eingesehen hat, verfehlt
das in der letzten Zeit so beliebte Pochen auf die Taktik seinen Zweck.“
(Die badische Budgetabstimmung, 1901, GW 1/2, S. 78f.)
Natürlich sind viele der taktischen Debatten, z.B. über den Umgang mit
der Monarchie oder den damaligen Wahlsystemen nicht mehr aktuell.
Erstaunlich ist aber, wie viele von Rosa Luxemburgs oft über 100 Jahre
alten Argumenten heute noch zutreffen.
Parlament und Regierung
Das gilt zuallererst in der Frage der Regierungsbeteiligung, wie sie
hier in Deutschland auf Landesebene die PDS betrieben hat und DIE LINKE
in Berlin weiter betreibt. Damals kam die Frage auf, als der
französische Sozialist Millerand 1899 in die französische Regierung
Waldeck-Rousseau eintrat. Rosa Luxemburg nahm in mehreren Artikeln dazu
Stellung. Zunächst wehrte sie sich gegen die Versuche, die Teilnahme an
Parlamenten und die Regierungsbeteiligung zu vermengen: „Tatsächlich
besteht hier nicht Analogie, sondern direkter Gegensatz: In die
Volksvertretung treten die Sozialisten ein, um die bürgerliche
Klassenherrschaft zu bekämpfen, in die bürgerliche Regierung ― um die
Verantwortlichkeit für die Akte dieser Klassenherrschaft auf sich zu
laden.“ (Die sozialistische Krise in Frankreich, 1901, GW
1/2, S. 5-73, hier S. 60)
„Die gesetzgebende Körperschaft und die Zentralregierung des heutigen
Staates stellen vom Standpunkt der sozialistischen Aufgaben ihrem Wesen
und ihren Funktionen nach zwei grundverschiedene Institutionen dar.
Während das Parlament ein Organ der Klassen- und Fraktionskämpfe
innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, deshalb das geeignetste Terrain
für den systematischen Widerstand der Sozialisten gegen die Herrschaft
der Bourgeoisie bildet, ist diese Rolle der Arbeitervertreter im Schoße
der Regierung von vornherein ausgeschlossen. Berufen, das fertige
Ergebnis der im Parlament und im Lande ausgefochtenen Parteikämpfe in
die Tat umzusetzen, ist die Zentralgewalt vor allem ein Organ der
Aktion, dessen Lebensfähigkeit auf innerer Homogenität beruht.“ (a.a.O.,
S. 58)
„Wenn die sozialdemokratischen Vertreter in den gesetzgebenden
Körpern soziale Reformen durchzuführen suchen, so haben sie volle
Möglichkeit, durch ihre gleichzeitige Opposition gegen die bürgerliche
Gesetzgebung und die bürgerliche Regierung im ganzen - was sich
handgreiflich unter anderem in der Ablehnung des Budgets äußert - auch
ihrem Kampf um die bürgerlichen Reformen einen prinzipiell
sozialistischen Charakter, den Charakter des proletarischen
Klassenkampfes zu verleihen. Ein Sozialdemokrat hingegen, der dieselben
Reformen als Mitglied der Regierung, das heißt gleichzeitig bei aktiver
Unterstützung des bürgerlichen Staates im Ganzen anstrebt, reduziert
tatsächlich seinen Sozialismus im allerbesten Fall auf bürgerliche
Demokratie oder bürgerliche Arbeiterpolitik. Während daher das
Vordringen der Sozialdemokraten in die Volksvertretungen zur Stärkung
des Klassenkampfes, also zur Förderung der Sache des Proletariats führt,
kann ihr Vordringen in die Regierungen nur die Korruption und
Verwirrungen in den Reihen der Sozialdemokratie zum Ergebnis haben.“
(Eine taktische Frage, GW 1/1, S. 483-486, hier S. 485) „In der
bürgerlichen Gesellschaft ist der Sozialdemokratie dem Wesen nach die
Rolle einer oppositionellen Partei vorgezeichnet, als regierende darf
sie nur auf den Trümmern des bürgerlichen Staates auftreten.“
(a.a.O., S. 486)
Auch heute versuchen Befürworter von linken Regierungsbeteiligungen
beides durcheinander zu werfen und Argumente für die Beteiligung an
Wahlen und Parlamenten als Argumente für Regierungsbeteiligung zu
missbrauchen.
Wie schon in ihrer Polemik gegen Bernstein arbeitete sie die
Entwicklungstendenzen heraus und folgerte:
„Es stellt sich heraus, dass ein Minister in der heutigen Regierung
nicht bloß an die bürgerliche Gesellschaftsordnung im allgemeinen,
sondern an die jeweiligen herrschenden Gruppen- und Koterieninteressen
gebunden, dass er nicht bloß Knecht der bürgerlichen Entwicklung,
sondern auch Knecht der bürgerlichen Reaktion ist.“ (Die
sozialistische Krise in Frankreich, a.a.O., S. 61) Ist das nicht
aktuell, wenn Regierungsbeteiligung in Berlin heute bedeutet,
Hartz-Gesetze umzusetzen und im Bundesrat für
480-Milliarden-Rettungspakete für Großbanken zu stimmen?
Anschaulich beschrieb sie, dass eine sozialistische
Regierungsbeteiligung nicht mehr, sondern weniger konkrete
Verbesserungen bewirkt, weil sie die sozialistische Partei zwingt, die
Ergebnisse der Regierung schönzureden und so den außerparlamentarischen
Druck auf die Regierung – das einzige Mittel für wirkliche
Verbesserungen – schwächt. Nachdem sie ausführlich bewiesen hat, dass
die Regierung die in sie gesetzten Erwartungen kläglich enttäuscht hat,
folgerte sie: Die Millerand unterstützende Jaurès-Richtung (Jean Jaurès
war der Führer der Sozialistischen Partei in Frankreich) „musste
entweder ihre Enttäuschung eingestehen, die Zwecklosigkeit der Teilnahme
Millerands an der Regierung einsehen und seinen Rücktritt fordern oder
aber sich mit der Politik des Kabinetts zufrieden geben, sie als die
Verwirklichung ihrer Erwartungen erklären und demgemäß diese Erwartungen
resp. Forderungen entsprechend der stufenweise in nichts
zusammenfallenden Aktion der Regierung immer mehr herab stimmen.“
(a.a.O., S. 26) „Um (…) sein eigenes Festhalten an einer Regierung
des politischen Fiaskos zu rechtfertigen, muss man das Fiasko der
Regierung ableugnen. Der nächste Schritt, das ist also die
Rechtfertigung der Kapitulation der Regierung.“ (a.a.O., S.
29) Sobald der Sturz der Regierung „droht, wird alles preisgegeben,
und es genügt, dass die Regierung bei einer beliebigen Maßnahme die
Vertrauensfrage stellt, um Jaurès und seine Freunde unter ihr Joch zu
beugen.“ (a.a.O., S. 31)
Sozialistische Opposition im Parlament kann auf drei wegen
Verbesserungen erreichen: „indem sie mit ihren am weitesten gehenden
Forderungen den bürgerlichen Parteien eine gefährliche Konkurrenz
bereiten und sie durch den Druck der Wählermassen vorwärts drängen;
dann, indem sie die Regierung vor dem Lande bloßstellen und sie durch
die öffentliche Meinung beeinflussen; endlich, indem sie durch ihre
Kritik in und außerhalb der Kammer [=dem Parlament] immer mehr die
Volksmassen um sich gruppieren und so zu einer Achtung gebietenden Macht
anwachsen, mit der Regierung und Bourgeoisie rechnen müssen.
Die um Jaurès gruppierten französischen Sozialisten haben sich mit
dem Eintritt Millerands alle drei Wege verschlossen.
Vor allem ist für sie eine rückhaltlose Kritik der Regierungspolitik
unmöglich geworden. Wollten sie ihre Schwäche, ihre Halbheiten, ihre
Feigheit geißeln, so würden die Hiebe auf ihren eigenen Rücken
zurückfallen. (…) Um also die Ministerschaft Millerands nicht zu
kompromittieren, sehen sich Jaurès und seine Freunde gezwungen, über
alles zu schweigen, was der Arbeitermasse über die Mängel der
herrschenden Politik die Augen öffnen könnte. (…) Die erste Konsequenz
der sozialistischen Ministerschaft ist also der Verzicht auf die oberste
Aufgabe der Tätigkeit der Sozialdemokratie im allgemeinen und ihrer
parlamentarischen Tätigkeit im besonderen: die politische Aufklärung und
Erziehung der Massen.“ (a.a.O., S. 33)
„Die Ministerschaft Millerands verwandelt ― dies ihre zweite
Konsequenz ― die sozialistischen Kritiken seiner Freunde in der Kammer
in leere Paradestücke, in Schaustellungen der „weiten Horizonte“ des
Sozialismus ohne jeden Einfluss auf die praktische Politik der
Regierung.
Endlich zeigt sich auch das Weitertreiben der bürgerlichen Parteien
durch die Sozialisten in dieser Lage als ein schöner Traum.“ (a.a.O.,
S. 34)
Die Unmöglichkeit, die „eigene“ Regierung wirksam zu kritisieren galt
natürlich noch mehr für den Zuständigkeitsbereich des Ministers der
eigenen Partei: „Das Hauptmittel, die Sozialpolitik der herrschenden
Klassen vorwärts zu treiben, die rücksichtslose Kritik an ihr seitens
der sozialistischen Partei wird, sobald ein Sozialist als Vertreter der
offiziellen Sozialpolitik auftritt, noch weniger möglich als die Kritik
an der Gesamtpolitik der Regierung.“ (a.a.O., S. 54)
Proletariat und kleinbürgerliche Demokratie
Rosa Luxemburg erklärte, dass eine Zusammenarbeit mit bürgerlichen
Kräften, wie sie Marx und Engels im „Kommunistische Manifest“ unter
bestimmten Umständen für möglich erklärt hatten, nicht mehr praktikabel
war: „Hier galt die Unterstützung des Proletariats einer
aufstrebenden Klasse, deren politischer Sieg über die Reaktion eine
wirtschaftliche Notwendigkeit war. Heute liegen die Verhältnisse
grundverschieden. Die Bourgeoisie hat überall das Ziel ihrer
Bestrebungen erreicht, und wir sehen sie heute nicht mehr gegen die
Reaktion kämpfen, sondern vielmehr mit den Überresten des Feudalismus
zur offiziellen Vertretung der Reaktion vereinigt.“ (a.a.O.,
S. 63) Dagegen blieb das Kleinbürgertum als möglicher Bündnispartner.
Unter Kleinbürgertum versteht der Marxismus die Zwischenschichten
zwischen Bürgertum und Arbeiterklasse, vor allem Bauern und Handwerker.
Anders als LohnarbeiterInnen haben sie eigene Betriebe und müssen daher
nicht ihre Arbeitskraft verkaufen, sondern ihre Arbeitsprodukte. Anders
als Kapitalisten beuten sie in erster Linie sich selbst (und ihre
Familien) aus. In der französischen Revolution ab 1789 und im 19.
Jahrhundert unterstützte das Kleinbürgertum demokratische Bestrebungen.
Im Kampf gegen den Feudalismus war das Bürgertum eine aufstrebende
Klasse gewesen, jetzt war im Kampf gegen das Bürgertum die
Arbeiterklasse eine aufstrebende Klasse, während das Kleinbürgertum
durch die kapitalistische Entwicklung zurückgedrängt wurde. Deshalb
musste das Proletariat auch bei einer Zusammenarbeit das leitende
Element sein.
„Die Zwischenstellung des Kleinbürgertums bedingt freilich auch die
zeitweise Gemeinsamkeit des Kampfes zwischen ihm und der Arbeiterklasse.
In der gegenwärtigen Periode ist aber das Proletariat berufen, das
dominierende, leitende Element, das Kleinbürgertum das beiläufige
Anhängsel zu bilden und nicht umgekehrt. Das heißt, die sozialistische
Partei hat die Aufgabe, auch dort, wo ihre Wege eine Strecke lang mit
den Wegen der bürgerlichen Demokratie zusammenlaufen, nicht den eigenen
Kampf auf das mit dem Kleinbürgertum gemeinsame Terrain zu beschränken,
sondern umgekehrt die Bestrebungen der kleinbürgerlichen Parteien
systematisch zu überholen und auf die Spitze zu treiben.“
Was das in der Praxis bedeutet, hat Rosa Luxemburg an konkreten
Beispielen klar gemacht, z.B. in einem Artikel, in dem sie den Boykott
eines bürgerlichen Arbeiterschutzkongresses durch die SPD begründete: „Nur
dann bekommt die Aktion dieser Elemente, zu der wir eingeladen werden,
einen Sinn und Zweck, wenn sie anders denn von uns geführt, (…) zu einer
„höheren Einheit“ erhoben, aus dem rein proletarischen Klassenkampf in
das Stelldichein aller Elemente „mit gutem Willen“ verwandelt, wenn sie
sozusagen sozial „neutralisiert“ werden soll. Der ganze Kern der
neuesten bürgerlichen Regungen zugunsten des Arbeiterschutzes liegt in
der Annahme, (…) dass (…) die Aufnahme der Forderung seitens der
Bourgeoisie eine ganz andere sein würde, wenn sie statt als ein
Programmpunkt des sozialistischen Kampfes vielmehr als eine Forderung
der sozialen Fürsorge, als ein Hebel des sozialen Friedens, als
politisch neutrale Losung, deshalb unterschiedslos von allen
wohlmeinenden Menschen verschiedener Klassen und Parteien aufgestellt
wäre. Praktisch bedeutet also die Vereinigung der Sozialisten mit den
bürgerlichen Freunden des Arbeiterschutzes zu einer gemeinsamen Aktion
vor allem eine Änderung der Kampfweise, die Ausscheidung des
Arbeiterschutzes auf dem Bereich der sozialistischen Agitation, das
Verlassen des Klassenstandpunktes auf diesem Gebiet.“ (Bürgerliche
Arbeiterschutzkongresse und die Sozialdemokratie, 1900, GW 1/1, S.
791-96, hier S. 793)
Mit anderen Worten: bürgerliche „Arbeiterfreunde“ sind für
Arbeiterschutz, um die Klassen zu versöhnen, den Kapitalismus
funktionsfähiger zu machen. Für MarxistInnen dagegen ist das ein Teil
des Klassenkampfes zur Überwindung des Kapitalismus. „Sobald sie
sich aber anschicken, zur Aktion, zur Tat überzugehen, verdampft die
‚Neutralität‘ als eine Illusion, und es stellt sich die Frage, in
welcher Weise die Agitation für den Arbeiterschutz getrieben werden
soll, ob als eine nächste Forderung der zur völligen Befreiung
strebenden Arbeiterklasse und im Zusammenhang mit ihr oder aber,
umgekehrt, als ein Mittel, die sozialen Gegensätze auszugleichen und
aufzuheben, das heißt, im Grunde genommen als eine Mittel gegen die
sozialistische Befreiung der Arbeiterklasse.“ (a.a.O., S.
793f.)
Auf diese Alternative stößt die Arbeiterbewegung im politischen Leben
ständig, zum Beispiel beim Kampf gegen Nazis oder gegen den Krieg.
MarxistInnen müssen erklären, dass der Kapitalismus solche
Widerwärtigkeiten notwendig hervorbringt und sie nur durch die
Beseitigung des Kapitalismus ein für alle Mal abgeschafftwerden können.
Dabei darf sich die Linke nicht von Leuten zensieren lassen, die in dem
Wahn leben ein Kapitalismus ohne Faschisten und Krieg wäre möglich und
deren Ziel ein netterer Kapitalismus ist.
Brandaktuell wird diese Frage gerade durch die Debatte über ein
Konjunkturprogramm. Natürlich fordern MarxistInnen öffentliche
Investitionen in Bereichen wie Bildung, Gesundheit und Umweltschutz und
führen den Kampf dafür mit aller Konsequenz. Zugleich treten sie allen
„keynesianischen“ Illusionen entgegen, dass durch ein solches
Investitionsprogramm die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus überwunden
oder auch nur nennenswert abgeschwächt werden könne.
Das gleiche gilt für das bei Linken und Gewerkschaftern beliebte
Argument, man müsse für höhere Löhne und Sozialleistungen kämpfen, um
die Binnennachfrage anzukurbeln. Rosa Luxemburg schrieb dazu: „Es
gehört sozusagen zum eisernen Bestand der sozialdemokratischen und
namentlich der gewerkschaftlichen Agitation, dass die Krisen mit in
erster Reihe durch die Kurzsichtigkeit der Kapitalisten entstehen, die
schlechterdings nicht begreifen wollen, dass die Massen ihrer Arbeiter
ihre besten Abnehmer seien und dass sie diesen nur höhere Löhne zu
zahlen brauchen, um sich die kaufkräftige Kundschaft zu erhalten und der
Krisengefahr vorzubeugen.
So populär diese Vorstellung ist, so ist sie doch völlig verkehrt,
und Marx widerlegt sie mit folgenden Worten: ‚(…) so ist nur zu
bemerken, dass die Krisen jedes Mal gerade vorbereitet werden durch eine
Periode, worin der Arbeitslohn allgemein steigt und die Arbeiterklasse
realiter größeren Anteil an dem für Konsumtion bestimmten Teil des
jährlichen Produkts erhält. Jene Periode müsste - von dem Gesichtspunkt
dieser Ritter vom gesunden und „einfachen“ (!) Menschenverstand -
umgekehrt die Krise entfernen. Es scheint also, dass die kapitalistische
Produktion vom guten oder bösen Willen unabhängige Bedingungen
einschließt, die jene relative Prosperität der Arbeiterklasse nur
momentan zulassen, und zwar immer nur als Sturmvogel einer Krise.’ (…)
So muss auch der im Hintergrunde jener populären gewerkschaftlichen
Agitation lauernde Gedanke von der Interessenharmonie zwischen Kapital
und Arbeit, die nur durch die Kurzsichtigkeit der Unternehmer verkannt
werde, verabschiedet und alle Hoffnung auf mildernde Flickarbeit an der
wirtschaftlichen Anarchie des Kapitalismus aufgegeben werden.“
(Der 2. und der 3. Band [des „Kapitals“], um 1918, GW 4, S. 291-301,
hier S. 298f., Das Marx-Zitat stammt aus dem 2. Band des Kapitals, Marx
Engels Werke, Band 24, S. 409f.)
Offensichtlich glauben diese Gewerkschaftsführer aber selbst nicht an
ihre Behauptung, dass zwischen Kapital und Arbeit Interessenharmonie
bestünde, drastische Lohnerhöhungen im eigenen Interesse der Unternehmer
seien und sie nur zu kurzsichtig seien, ihre Interessen zu erkennen.
Denn sonst würde sie ernsthaft versuchen, die Unternehmer zu ihrem Glück
zu zwingen, und gerade in Krisenzeiten größere Lohnerhöhungen als sonst
fordern und entschlossene Streiks dafür organisieren, um die Kaufkraft
zu steigern. Wie man zurzeit (im Oktober 2008) in der Metalltarifrunde
wieder sehen kann, machen sie das nicht.
Dagegen lassen MarxistInnen sich von der Krise nicht davon abhalten, für
höhere Löhne und andere Verbesserungen für die Masse der Bevölkerung zu
kämpfen. Sie lassen sich durch die Erkenntnis, dass sich der
Kapitalismus das dauerhaft nicht leisten kann, nicht bremsen, weil diese
Verbesserungen (und vor allem der Kampf für diese Verbesserung) dazu
dienen, im Geiste Rosa Luxemburgs die Überwindung dieses Systems
vorzubereiten.
Massenstreiks und Gewerkschaften
Bei Rosa Luxemburgs ersten politischen Kämpfen hätte man meinen können,
sie verteidige die „alte bewährte Taktik“ der Sozialdemokratie gegen
Abweichler von rechts und unterscheide sich von Parteiführern wie Bebel
oder Kautsky nur durch mehr Scharfzüngigkeit, Ungeduld und Temperament.
Diese „alte bewährte Taktik“ war entstanden, als die Sozialdemokratie
noch eine kleine Partei war, auf die die Angriffe des mächtigen
preußischen Staatsapparats herabprasselten, der gerade drei Kriege
gewonnen und das deutsche Kaiserreich gegründet hatte und vor
Selbstvertrauen strotzte. Während Bismarcks Sozialistengesetz 1878-90
war es richtig gewesen, sich nicht zu einer Kraftprobe provozieren zu
lassen, sondern durch ein Katz-und-Maus-Spiel, durch eine geschickte
Kombination von legaler und illegaler Arbeit die eigenen Organisationen
aufzubauen. Fatalerweise setzte die Führung diese Taktik fort, als sich
die objektiven Bedingungen und auch die Stärke der Arbeiterbewegung
grundlegend geändert hatten. Der rechte, opportunistische Flügel fand
auch deshalb Zuspruch, weil viele fühlten, dass seine Forderung nach
neuen Initiativen richtig war – nur, dass er diese Initiativen in der
falschen Richtung suchte, in der Zusammenarbeit mit bürgerlichen
Liberalen, die sich im Eiltempo nach rechts bewegten.
Rosa Luxemburg hatte schon in ihrer Polemik gegen Bernstein
herausgearbeitet, dass der Kapitalismus in eine neue Phase eintrat, in
der auch die parlamentarischen Wirkungsmöglichkeiten zurückgingen. Die
Realität der folgenden Jahre bestätigten das. Die SPD bekam fast bei
jeder Wahl mehr Mandate, wurde 1912 stärkste Fraktion im Reichstag – und
hatte immer weniger Einfluss, weil alle anderen Fraktionen immer
bedingungsloser die Regierung unterstützten. Die Lösung für dieses
Problem erkannte Rosa Luxemburg in der Orientierung auf
außerparlamentarische Massenaktionen, Massendemonstrationen und
Massenstreiks.
In der russischen Revolution von 1905 waren Massenstreiks ein wichtiges
Kampfmittel gewesen. Ihre Ausstrahlungskraft führte dazu, dass der
Jenaer Parteitag der SPD 1905 den Massenstreik zu einer unter Umständen
anwendbaren Taktik erklärte. In den folgenden Jahren kämpften Rosa
Luxemburg und andere dafür, diese Waffe nicht nur gegen reaktionäre
Staatsstreichversuche, sondern auch für die Erkämpfung eines
demokratischen Wahlrechts in Preußen einzusetzen.
Konkret stellte sich diese Frage 1910, als die SPD unter dem Druck der
Massen Demonstrationen für eine Reform des preußischen
Landtagswahlrechts machte, das extrem undemokratisch war. 1908 bekam die
SPD mit 598.500 Stimmen 6 Mandate, die Konservativen mit 418.400 Stimmen
… 212 Mandate. Als selbst eine zaghafte Reform der Regierung von den
Abgeordneten abgelehnt wurde, kochte die Empörung über. Rosa Luxemburg
schrieb damals: „Die proletarischen Massen in Berlin und in den
meisten größeren Industriezentren Preußens sind bereits von der
Sozialdemokratie so stark aufgerüttelt, dass ihnen die Form bloßer
Protestversammlungen gegen das preußische Wahlunrecht mit der üblichen
Annahme von Resolutionen nicht mehr genügt. Die Straßendemonstrationen
sind heute das Geringste, was dem Tatendrang der grollenden Massen und
der gespannten politischen Situation entspricht. Aber wie lange noch?“ (Was
weiter, 1910, GW 2, S. 289-299, hier S. 291) Sie warnte, dass die
Bewegung abflauen würde, wenn sie den nächsten Schritt nicht macht (wie
wir das in den letzten Jahren bei den Protesten gegen die Agenda 2010
oder die Rente mit 67 erlebten). „Unsere Partei muss angesichts der
von ihr entfachten Massenbewegung einen klaren, bestimmten Plan haben,
wie sie die begonnene Massenaktion weiterzuführen gedenkt.
Straßendemonstrationen sind (…) gewöhnlich nur die Einleitung zum
Kampfe.“ (a.a.O., S. 289) „Die Äußerungen des Massenwillens
im politischen Kampfe lassen sich nämlich nicht künstlich auf die Dauer
auf einer und derselben Höhe erhalten, in eine und dieselbe Form
einkapseln. Sie müssen sich steigern, sich zuspitzen, neue wirksamere
Formen annehmen. Die einmal entfachte Massenaktion muss vorwärts
kommen. Und gebricht es der leitenden Partei im gegebenen Moment an
Entschlossenheit, der Masse die nötige Parole zu geben, dann bemächtigt
sich ihrer unvermeidlich eine gewisse Enttäuschung, der Elan
verschwindet, und die Aktion bricht zusammen.“ (a.a.O., S.
290) „Für die Anwendbarkeit des Massenstreiks in der gegenwärtigen
Kampagne spricht aber namentlich der Umstand, dass er sich aus einer
bereits begonnenen und sich immer mehr ausdehnenden Massenaktion als
ihre natürliche unvermeidliche Steigerung gewissermaßen von selbst
ergibt. (…) Ein Massenstreik (…), der sich nach einer monatelangen und
an Dimensionen zunehmenden Demonstrationsbewegung gewaltiger
Arbeitermassen ergibt, aus einer Situation, in der eine
Dreimillionenpartei vor dem Dilemma steht: entweder um jeden Preis
vorwärts, oder die begonnene Massenaktion bricht erfolglos in sich
zusammen, ein solcher aus dem inneren Bedürfnis und der
Entschlossenheit der aufgerüttelten Massen und zugleich aus der
zugespitzten politischen Situation geborener Massenstreik trägt seine
Berechtigung wie die Gewähr seiner Wirksamkeit in sich selbst.“ (a.a.O.,
S. 294)
Dabei ist die Waffe des Massenstreiks selbst steigerbar. So wie die SAV
in den vergangenen Jahren bei der Agenda 2010 oder der Rente mit 67 für
einen eintägigen und nicht gleich für einen unbefristeten Generalstreik
eingetreten ist, so schrieb auch Rosa Luxemburg damals: „Der
Massenstreik, namentlich als ein kurzer einmaliger Demonstrationsstreik,
ist sicher nicht das letzte Wort der begonnenen politischen Kampagne.
Aber er ist ebenso sicher ihr erstes Wort im gegenwärtigen Stadium.“
(a.a.O, S. 295)
Sie trat dem Argument von Gewerkschaftsfunktionären entgegen, dass ein
politischer Massenstreik nicht in ihre laufenden Tarifrunden
hineinpassen würde, indem sie erklärte, dass sich politischer
Massenstreik und Lohnkampf gegenseitig stärken würden: „Bei
näherem Zusehen kann das Zusammentreffen eines umfangreichen
Massenstreiks im Kohlenbergbau mit einer politischen Streikbewegung für
beide nur von Nutzen sein. In jeder großen Massenbewegung des
Proletariats wirken zahlreiche politische und wirtschaftliche Momente
zusammen, und sie voneinander künstlich losschälen, sie pedantisch
auseinander halten wollen wäre ein vergebliches und schädliches
Beginnen. Eine gesunde, lebensfähige Bewegung wie die gegenwärtige
preußische Kampagne muss und soll aus allem aufgehäuften sozialen
Zündstoff Nahrung schöpfen. Andererseits kann [es] für den Erfolg der
engeren Bergarbeitersache nur von Nutzen sein, wenn sie dadurch, dass
sie in eine breitere, politische einmündet, den Gegnern ― den
Kohlenmagnaten und der Regierung ― mehr Furcht einflößt.“
(a.a.O., S. 296 – Magnaten hießen eigentlich die adligen
Großgrundbesitzer in Ungarn, die Bezeichnung wurde aber oft für die
Chefs der damals entstehenden Großkonzerne in Bergbau und Industrie
verwendet)
Rosa Luxemburg betonte auch, dass es Schichten von ArbeiterInnen gibt,
die unter normalen Umständen praktisch nicht organisierbar sind, „lauter
Wetterwinkel, in denen um so sicherer bei jeder politischen
Lufterschütterung in Deutschland gewaltige wirtschaftliche Kämpfe
ausbrechen werden, je seltener das Proletariat hier sonst, in ruhigen
Zeiten, den Kampf aufnimmt und je erfolgloser es jedes Mal kämpft, je
brutaler es vom Kapital gezwungen wird, zähneknirschend ins Sklavenjoch
zurückzukehren.“ (Massenstreik, Partei und
Gewerkschaften, 1906, GW 2, S. 91-170, hier S. 137) In den letzten
Jahren sind auch in Deutschland immer größere Bereiche entstanden (z.B.
in vielen Dienstleistungsbranchen), wo Niedriglöhne gezahlt werden, wo
Arbeitgeber gewerkschaftliche Organisierung und die Bildung von
Betriebsräten mit allen Mitteln behindern. Oft führen
GewerkschafterInnen in solchen Betrieben einen zähen, zermürbenden
Kampf. Es gibt sie wieder, die Gebiete, „wo die Zuspitzung der
Gegensätze die äußerste Grenze erreicht hat, wo Zündstoff in Hülle und
Fülle aufgehäuft ist (…) und wo wirtschaftlich die allerelementarsten
Abrechnungen mit dem Kapital erst nachzuholen sind.“ Und hier gilt
wieder, was Rosa Luxemburg sagte: „Alle diese alten Rechnungen würden
dann bei einer allgemeinen politischen Massenaktion des Proletariats
unvermeidlich dem herrschenden System präsentiert werden (…) eine
wirkliche, aus revolutionärer Situation geborene, kräftige und
rücksichtslose Kampfaktion des Industrieproletariats müsste sicher auf
tiefer liegende Schichten zurückwirken und gerade alle diejenigen, die
in normalen, ruhigen Zeiten abseits des gewerkschaftlichen Tageskampfes
stehen, in einen stürmischen allgemeinen ökonomischen Kampf mitreißen.“ (a.a.O.,
S. 139)
Dazu gehört, dass es falsch ist, wenn Gewerkschaften bei ihrem Kampf nur
auf die Organisierten setzen. Rosa Luxemburg warnte vor der „Geringschätzung
der unorganisierten Proletariermasse und ihrer politischen Reife“.
(a.a.O., S. 144) „Der Plan, Massenstreiks als ernste politische
Klassenaktion bloß mit Organisierten zu unternehmen, ist überhaupt ein
gänzlich hoffnungsloser. Soll der Massenstreik oder vielmehr sollen die
Massenstreiks, soll der Massenkampf einen Erfolg haben, so muss er zu
einer wirklichen Volksbewegung werden, d.h. die breitesten Schichten des
Proletariats mit in den Kampf ziehen.“ (a.a.O., S. 143)
Die Führung von SPD und Gewerkschaften verhinderte damals die Anwendung
des Massenstreiks, versuchte sogar die Diskussion über den Massenstreik
zu verbieten mit der Folge, dass die deutsche Arbeiterklasse die
Anwendung dieses Kampfmittels im Ersten Weltkrieg unter viel
schwierigeren Bedingungen lernen musste.
Den konservativen Charakter der Gewerkschaftsbürokraten hatte Rosa
Luxemburg schon 1906 beschrieben: „An Stelle der kollegialen Leitung
durch lokale Kommissionen mit ihren zweifellosen Unzulänglichkeiten
tritt die geschäftsmäßige Leitung des Gewerkschaftsbeamten.“
(a.a.O., S. 165) In der zweiten Auflage ergänze sie: „Die Masse
der Genossen wird zur urteilsunfähigen Masse degradiert, der
hauptsächlich die Tugend der ‚Disziplin’, d.h. des passiven Gehorsams
zur Pflicht gemacht wird.“ (a.a.O.) „Die Spezialisierung
ihrer Berufstätigkeit als gewerkschaftlicher Leiter sowie der naturgemäß
enge Gesichtskreis, der mit den zersplitterten ökonomischen Kämpfen in
einer ruhigen Periode verbunden ist, führen bei den Gewerkschaftsbeamten
nur zu leicht zum Bürokratismus und zu einer gewissen Enge der
Auffassung. Beides äußert sich aber in einer ganzen Reihe von Tendenzen,
die für die Zukunft der gewerkschaftlichen Bewegung selbst höchst
verhängnisvoll werden könnten. Dahin gehört vor allem die Überschätzung
der Organisation, die aus einem Mittel zum Zweck allmählich in einen
Selbstzweck, in ein höchstes Gut verwandelt wird, dem die Interessen des
Kampfes untergeordnet werden sollen.“ (a.a.O., S. 163)
Weltkrieg und Revolution
Aber auch die SPD reagierte auf die Zuspitzung der politischen
Widersprüche in Deutschland, indem sie zunehmend die Augen vor der
Wirklichkeit verschloss und nach rechts ging. Wie weit dieser Niedergang
bereits gegangen war, wurde am 4. August 1914 deutlich, als die
SPD-Reichstagsfraktion der Regierung die Kriegskredite bewilligte und
damit die Mitverantwortung für das Blutbad des Weltkriegs übernahm. Rosa
Luxemburg gehörte zu der kleinen Gruppe, die den Kampf dagegen aufnahm.
Aus der Gruppe Internationale wurde der Spartakusbund und schließlich
zur Jahreswende 1918/19 die Kommunistische Partei Deutschlands.
Inzwischen hatte in Deutschland die Revolution begonnen. Die zum
politischen Bewusstsein erwachenden Massen wandten sich der SPD zu,
obwohl die inzwischen die Revolution hasste, „wie die Sünde“, wie ihr
Chef Friedrich Ebert offen bekannte. Die Kommunistische Partei hätte die
SPD nach und nach von der Führung der Massen verdrängen können. Aber
Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden am 15. Januar 1919 ermordet
und ohne ihre Erfahrung machte die junge Partei zu viele Fehler,
sektiererische und opportunistische Zickzacks, bis die Revolution in
Deutschland zu Ende war und die in Russland an die Macht gekommene
Bürokratie unter Stalin die Kommunistischen Parteien in Deutschland und
weltweit in Werkzeuge ihrer Außenpolitik verwandelte. So war die
Ermordung Rosa Luxemburgs nicht nur eine menschliche, sondern auch eine
politische Tragödie.
Wolfram Klein ist Mitglied im Vorstand der Stuttgarter SAV. Er
arbeitet zur Zeit an seiner Doktorarbeit zur Geschichte des Trotzkismus
nach dem zweiten Weltkrieg
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