W oder was?
[Druckversion] Thema: Wirtschaft, veröffentlicht: 20.08.2009
Erholt sich die Weltwirtschaft?
Wir hörten Sprüche wie diese:
Immer ruhig! Wartet doch nur!
Nach einer größeren Krise
Kommt eine größere Konjunktur!
aus: Bertolt Brecht, das Lied vom Klassenfeind
Inzwischen ist es amtlich: im 2. Quartal ist die deutsche Wirtschaft ein
kleines bisschen (0,3%) gewachsen. Da bei der Frage, wann eine Rezession
zu Ende ist, eine noch größere Verwirrung herrscht als bei der Frage,
wann eine Rezession anfängt, ist es Definitionssache, ob man das als
Ende der Krise bezeichnet oder erst die Entwicklung der nächsten Monate
abwartet. Entscheidend sind sowieso nicht die Worte, sondern die Folgen
für das wirkliche Leben der Menschen. Und auch viele bürgerliche
Ökonomen rechnen auf absehbare Zeit nicht mit einem kräftigen
Aufschwung, der die sozialen Probleme des Kapitalismus wenigstens
mildern würde. Vieles spricht dafür, dass es nach einer kurzen Erholung
ein erneutes Abgleiten in die Krise geben wird – also einen W-förmigen
Konjunkturverlauf.
von Wolfram Klein
Zuerst müsste man klären, was mit einer „Erholung“ gemeint ist. Die
kapitalistische Wirtschaft zeichnet sich seit etwa 1825 durch
Konjunkturzyklen aus, den beständigen Wechsel von Boom und Krise. In
vorkapitalistischen Gesellschaften gab es auch Krisen, verursacht durch
außerökonomische Faktoren wie Missernten, Seuchen, Kriege etc. Im
Kapitalismus liegen die Ursachen der Krisen in der inneren
Widersprüchlichkeit des Systems. Natürlich versuchen die Schönfärber des
Kapitalismus, das zu vertuschen, indem sie einzelne Ereignisse,
Entscheidungen von Politikern oder Managern etc. zur Ursache der Krise
erklären, die in Wirklichkeit bestenfalls Auslöser oder verschärfende
Faktoren gewesen sind. Wie viel dabei der menschlichen Intelligenz
zugemutet wird, dafür ist die aktuelle Krise ein deutliches Beispiel:
Die Pleite von Lehman Brothers im September 2008 soll eine Krise
verursacht haben, deren Beginn die US-Statistiker inzwischen auf
Dezember 2007 festlegen! Auch in Deutschland schrumpfte die Wirtschaft
bereits im 2. Quartal 2008, was unsere Politiker nicht hinderte, das
Sommerloch 2008 mit Gefasel über ausgeglichene Haushalte und
Vollbeschäftigung zu füllen.
Ein Blick ins „Lehrbuch“
Dass im Kapitalismus ökonomische Faktoren für die Krise verantwortlich
sind, bedeutet allerdings auch, dass – nach dem „Lehrbuch“ – die
Krisenprozesse die Voraussetzungen für einen neuen Aufschwung schaffen.
Wie sieht das aus? Die Krise führt zu einer massiven Entwertung von
Kapital. Aktienkurse stürzen, Firmen gehen in Konkurs und werden
verramscht. Neben dieser Entwertung findet auch eine Vernichtung von
Produktionskapazitäten statt, indem Produktionsanlagen und ganze
Betriebe stillgelegt werden. Durch diese massive Vernichtung werden die
Überkapazitäten der Industrie abgebaut. Da vor allem weniger produktive,
technologisch rückständige Betriebe unter den Opfern sind, können die
Überlebenden schließlich wieder Profite machen. Dazu kommt, dass die
Kapitalisten Krisen nutzen, um die Arbeitshetze zu steigern, Löhne und
Arbeitsbedingungen zu verschlechtern und auch auf dieser Schiene ihre
Profite zu steigern.
Wegen der Kapitalentwertung sind dabei die Profitraten nicht schlecht.
Investitionen nehmen wieder zu, dadurch entsteht neue Nachfrage,
angefangen in den Investitionsgüterindustrien. Die Nachfrage der
Kapitalisten nach Maschinen, Vorprodukten, Rohstoffen etc. steigt
wieder. Zunächst wird diese Nachfrage durch den Rückgang der Nachfrage
der Masse der Bevölkerung nach Konsumgütern (bedingt durch steigende
Arbeitslosigkeit, sinkende Löhne etc.) wettgemacht. Aber schließlich
steigt die Gesamtnachfrage wieder. Das führt zu Neueinstellungen,
irgendwann zu Lohnerhöhungen. Mit einer gewissen Verzögerung steigt auch
die Konsumnachfrage der Masse der Bevölkerung wieder. Ein neuer
Konjunkturzyklus beginnt, auf technologisch höherem Niveau, in dem
deshalb die Widersprüche des Kapitalismus weiter zugespitzt sind, der
schließlich in einer neuen Krise enden muss.
Das ist in groben Umrissen der Prozess nach dem Lehrbuch. Aber egal, wie
sich die Weltwirtschaft in der nächsten Phase entwickeln wird – die
Entwicklung wird mit dieser skizzierten Entwicklung wenig Ähnlichkeit
haben.
Blasen-Wirtschaft und Krise
Tatsächlich hat sich die wirtschaftliche Entwicklung seit über zwei
Jahrzehnten ein gewaltiges Stück vom Lehrbuch entfernt. Durch den
Anstieg von Aktienkursen, Immobilienpreisen, durch einen gigantischen
Anstieg der privaten Verschuldung gab es vor allem in der wichtigsten
Wirtschaft, den USA, einen Anstieg des privaten Konsums, der in keinem
Verhältnis zur eher bescheidenen Entwicklung der Löhne und Gehälter war.
Ohne diese Spekulationsblasen und Verschuldung wäre die wirtschaftliche
Entwicklung der letzten Jahrzehnte noch schwächer gewesen. Die Kehrseite
war, dass das teilweise Platzen dieser Blasen (vor allem der überhöhten
Immobilienpreise und mit ihnen verbundenen Hypothekenschulden) die Krise
der letzten Monate zur tiefsten Krise der Nachkriegszeit gemacht hat.
Durch die Spekulationsblasen seit den 80er Jahren wurden die Folgen der
Krisenhaftigkeit des Kapitalismus für die Arbeiterklasse etwas
abgemildert, nicht aus Menschenliebe, sonder aus Entsetzen über die
Radikalisierung der Arbeiterklasse weltweit als Folge der Krise 1974/75.
Aus derselben Angst heraus haben sie in den letzten Monaten nicht wie in
der Weltwirtschaftskrise ab 1929 die Dinge ihren Lauf nehmen lassen,
sondern massiv interveniert. Das bedeutet nicht, dass die Herrschenden
jetzt keinen Sozialkahlschlag planen würden. Im Gegenteil drohen die
schlimmsten Angriffe der Nachkriegsgeschichte. Aber es bedeutet, dass
selbst diese Angriffe noch hinter dem zurückbleiben werden, was
notwendig wäre, um auf kapitalistischer Grundlage wieder einen
selbsttragenden Aufschwung zu ermöglichen.
Denn unsere Politiker haben aus diesem Debakel keineswegs die Folgerung
gezogen, zu solideren wirtschaftlichen Methoden zurückzukehren. Daraus,
dass die private Verschuldung in einigen Ländern an Grenzen stieß, zogen
sie die Folgerung, erstens die staatliche Verschuldung massiv zu erhöhen
und zweitens die private Verschuldung in neuen Ländern anzukurbeln – das
ist z.B. eine Folge der deutschen Abwrackprämie.
Wenn Regierungen weltweit Konjunkturprogramme im Umfang von 2,5
Billionen Dollar, das entspricht 4% des weltweiten
Bruttoinlandsprodukts, auflegen, muss das natürlich eine Auswirkung auf
die Weltwirtschaft haben. Die Frage ist, ob es die Initialzündung für
einen Aufschwung oder nur ein Strohfeuer ist?
Ursachen der Erholung
Davor ist aber noch die Frage zu klären, warum die Wirtschaft sich in
Deutschland (und Frankreich und einigen anderen Ländern) schon im
zweiten Quartal erholt? Die Ökonomen hatten eine Erholung erst im
zweiten Halbjahr erwartet – so wie sie die Krise nicht erwartet hatten,
wie sie die Tiefe der Krise nicht erwartet hatten, so wie eigentlich nie
das eintritt, was sie erwarten…
Erklärt wird die Erholung in Deutschland jetzt mit „privaten und
staatlichen Konsumausgaben und Bauinvestitionen“. Der weitere Faktor
„Außenbeitrag“ ist offenbar nur ein statistischer Effekt: Wenn die
Importe stärker zurückgehen als die Exporte ist das ein Ausdruck davon,
dass im Winter die Krise in Deutschland tiefer war als in der
Weltwirtschaft insgesamt. Auffällig ist bei den Angaben, dass zwar Bau-
aber nicht Ausrüstungsinvestitionen als Wachstumsquelle genannt werden.
Das zeigt deutlich, dass es sich nicht um einen „lehrbuchmäßigen“
Aufschwung handelt.
Ein zentraler Faktor ist offenbar, dass die politischen Maßnahmen, die
dafür sorgen sollten, dass die Krise erst nach den Wahlen bei der Masse
der Bevölkerung ankommt (z.B. Kurzarbeitergeld) den Effekt hatten, dass
die tiefste Krise der Nachkriegszeit nicht von einem Einbruch des
Konsums begleitet war – und das zur jetzigen Erholung beiträgt. Offenbar
sind Unternehmen auch im Winter im Zuge der tiefen Panik, die das
kapitalistische System weltweit erfasst hatte, über das Ziel
hinausgeschossen, was die Stornierung von Aufträgen und den Abbau von
Lagerbeständen betraf. Diese Überreaktion wurde in den letzten Monaten
korrigiert.
Ist die Erholung dauerhaft?
Die bürgerlichen Ökonomen sind sich in dieser Frage durchaus uneinig.
Nachdem rund 30 Jahre lang staatliche Konjunkturprogramme als
wirkungslose Verschwendung von Steuergeldern verteufelt wurden, ist es
verwunderlich, dass überhaupt so viele Hoffnungen in sie gesetzt werden.
So wird in der „Financial Times Deutschland“ die Obama-Beraterin
Christina Romer zitiert, wonach sich die positiven Folgen der
Konjunkturmaßnahmen gegenseitig hochschaukeln würden „mit steigender
konjunktureller Wirkung“. Das ist die klassische Argumentation der
keynesianischen Wirtschaftspolitik. Der Haken dabei: Warum hat das in
den 70er Jahren nicht funktioniert? Bei allem bösen Willen: der
Neoliberalismus hätte sich damals nicht so restlos gegen den
Keynesianismus durchgesetzt, wenn der zu unübersehbaren Erfolgen geführt
hätte.
Auch sonst sind die Argumente für eine dauerhafte Erholung teils
reichlich bemüht. So verweist in der „Financial Times Deutschland“ deren
„Chefökonom“ Thomas Fricke darauf, dass zwar die Abwrackprämie demnächst
auslaufe, aber 70% der in Deutschland hergestellten Autos in den Export
gehen und der „zieht mittlerweile wieder stark an“. Der Haken: In den
letzten Monaten war die deutsche Abwrackprämie ein wesentlicher größerer
Exportschlager als deutsche Autos. Um zu beweisen, dass der wichtigste
deutsche Wirtschaftszweig die Krise dauerhaft überwunden hat, müsste man
beweisen, dass die Nachfrage nach deutschen Autos überwiegend aus
Ländern kommt, die selbst keine Abwrackprämien haben, in denen sich das
Problem eines massiven Nachfrageeinbruchs nach Auslaufen der
Abwrackprämie (oder wenn der Effekt des Vorziehens von Autokäufen durch
die Abwrackprämie ausläuft) also nicht stellt.
Bisher sind in der Autoindustrie trotz Kurzarbeit und Abwrackprämie 3,9%
der Stellen abgebaut worden. Insgesamt sank die Beschäftigtenzahl von
Juni 2008 auf Juni 2009 um 3%. Die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden
sank um 12,6%. Das gibt eine Vorstellung, wie viele Arbeitsplätze ohne
verschiedene Formen von Arbeitszeitverkürzung (Abbau von Überstunden,
Kurzarbeit etc.) vernichtet worden wären!
Aber auch so werden die Bosse bald, nach den Wahlen, die Messer zücken.
In Deutschland ist seit Beginn der Krise die Arbeitsproduktivität um
2,5% gesunken, die Lohnstückkosten sind um 7% gestiegen. Dagegen ist in
den USA während der Krise die Arbeitsproduktivität um 8% gestiegen. Aus
Sicht der kapitalistischen Konkurrenzwirtschaft ist das ein Rückstand,
der nach den Wahlen schnell aufgeholt werden muss – durch Stellenabbau
in den Betrieben, Kürzungen von staatlichen Sozialleistungen etc. Das
bringt die Gefahr, dass der private Konsum – eine der Säulen der
gegenwärtigen Erholung – in den nächsten Monaten wegbrechen könnte. Und
das ist keine deutsche Besonderheit. International wird eine Mischung
aus keynesianischen Geschenken und neoliberalen Angriffen praktiziert.
In den USA mag Obama Konjunkturprogramme machen, aber gleichzeitig
vollführen bankrotte Gouverneure wie Schwarzenegger Sparorgien – und der
Anstieg der US-Arbeitsproduktivität ist Folge eines brutalen
Stellenabbaus. So ist es kein Wunder, dass das US-Konsumentenvertrauen
(ermittelt von der Nachrichtenagentur Reuters und der Universität
Michigan) im August auf den tiefsten Stand seit März fiel. „Noch nie in
der 60-jährigen Geschichte der Umfrage hätten weniger Verbraucher
angegeben, dass sich ihre finanzielle Situation verbessert habe, teilten
die Forscher mit.“ (FTD-Website, 14.8.)
Eine Folge ist, dass die Hypothekenkrise in den USA nicht zu Ende geht.
Experten erwarten eine Zunahme der Zwangsversteigerungen von 3,1
Millionen 2008 auf 4 Millionen 2009. Normal sind 800.000. Dabei steigt
die Gefahr, dass nach der Hypothekenkrise die Kreditkartenkrise kommt.
Die Ausfälle im Kreditkartengeschäft sind auf das höchste Niveau seit 26
Jahren gestiegen. Das könnte der Auslöser für eine neue Finanzmarktpanik
sein, ebenso wie die verheerende Lage vieler osteuropäischer Länder, die
vor allem westeuropäische Banken, die viel Geld nach Osteuropa verliehen
haben, ins Trudeln bringen könnte. Abgesehen davon haben die Banken
weiterhin jede Menge Wertpapiere, deren Wert fragwürdig ist. Als Folge
der Krise haben viele Regierungen, auch in Deutschland, die
Bilanzierungsvorschriften gelockert. Damit konnten Probleme
aufgeschoben, aber nicht gelöst werden. Diese Methoden könnten
funktionieren, wenn der Wertverfall dieser Wertpapiere nur vorübergehend
ist. Angesichts der beschriebenen wirtschaftlichen Risiken ist das aber
keineswegs sicher.
Es gibt also viele Faktoren, die es wahrscheinlich mache, dass sich der
Aufschwung als kurzes Strohfeuer erweisen wird. Eine ähnliche
Entwicklung gab es in Japan in den 90er Jahren, als die Regierung immer
wieder Konjunkturprogramme auflegte, die schnell verpufften, aber eine
von Mal zu Mal höhere Staatsverschuldung hinterließen.
Konjunktur und Klassenkampf
Für uns ist die wirtschaftliche Erholung alles andere als bedauerlich.
Erstens sind MarxistInnen nie der Ansicht gewesen, dass es der
Arbeiterklasse möglichst schlecht gehen soll. Schwere Wirtschaftskrisen
können eher eine lähmende Wirkung haben. Und gerade wenn im Herbst der
arbeitenden Bevölkerung eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage Mut
macht, und sie trotzdem unter Stellenabbau leidet und eine neue
Bundesregierung mit einer „Agenda 2020“ kommt, dann kann es eine
explosive Mischung von Mut und Wut geben.
Und generell ist es eine alte Erfahrung, dass das ständige Wechselbad
von Erholung und Krise mehr radikalisieren kann als Wirtschaftskrisen an
sich. Dann wird besonders deutlich, dass Wirtschaftskrisen keine
Betriebsunfälle sind, sondern ein unvermeidlicher Bestandteil des
kapitalistischen Wirtschaftssystems.
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