Marxismus und Zweiter Weltkrieg
[Druckversion] Thema: Geschichte, veröffentlicht: 01.09.2009
70 Jahre nach dem Überfall Hitler-Deutschlands auf Polen
And I can’t help but wonder now Willie McBride
Do all those who lie here know why they died?
Did you really believe them when they told you the cause?
Did you really believe them that this war would end wars?
But the suffering, the sorrow, the glory, the shame –
The killing, the dying – it was all done in vain.
For Willie McBride, it’s all happened again
And again, and again, and again, and again.
© Eric Bogle
Der Text des tief bewegenden Liedes „No Man"s Land“ von Eric Bogle
handelt von einem fiktiven jungen Soldaten der im Ersten Weltkrieg
gefallen ist, und seine Aussagen sind heute am 70. Jahrestag des
Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges ebenfalls hochaktuell.
von Peter Taaffe
Kriege hat es, wie es in dem Lied heißt „immer und immer wieder
gegeben“. Dies wird auch so bleiben, solange der Kapitalismus noch
existiert. Die Opferzahlen des Zweiten Weltkrieges stellten sogar die
katastrophale Bilanz des Ersten Weltkriegs in den Schatten. Schätzungen
zufolge kostete der Krieg 60 Millionen Menschen das Leben – 20 Millionen
SoldatInnen und 40 Millionen ZivilistInnen.
Viele ZivilistInnen starben an Krankheiten, Hunger, Massaker,
Bombenangriffen und vorsätzlichem Völkermord. Die nicht mehr
existierende Sowjetunion verlor 27 Millionen Menschen, knapp die Hälfte
aller Todesopfer des Krieges. 85 Prozent der Getöteten waren auf der
„alliierten“ Seite (größtenteils Sowjetunion und China), 15 Prozent auf
Seiten der „Achsenmächte“, Nazideutschland, das faschistische Italien
und Japan. Einer Schätzung zufolge starben zwölf Millionen ZivilistInnen
in den Konzentrationslagern der Nazis, während 1,5 Millionen durch
Luftangriffe das Leben verloren. Sieben Millionen starben in Europa
durch andere Todesursachen und 7,5 Millionen ChinesInnen wurden unter
der brutalen Unterdrückung des japanischen Imperialismus umgebracht.
Die Grauen des Krieges hinterließen einen unauslöschlichen Eindruck auf
die Generationen, die sie erleben mussten. Dies wurde kürzlich
unterstrichen durch die Beerdigung von Harry Patch, dem letzten
überlebenden britischen Veteranen der Schützengräben im Ersten
Weltkrieg, der im Juli im Alter von 111 Jahren starb. In seinen letzten
Jahren wandelte sich Harry Patch zum erklärten Kriegsgegner. Der
gelernte Klempner bestand darauf, dass bei seiner Beerdigung je zwei
Soldaten aus Frankreich, Belgien und Deutschland seinen Sarg tragen
sollten. Dies unterstreicht die Einstellungen derjenigen, die den Dreck
und den Schlamm des Ersten Weltkrieges selbst erleben mussten, die den
Nationalismus und Chauvinismus gegen die Männer und Frauen auf der
„anderen Seite“ ablehnten, die in einen Krieg gezwungen wurden, der
gegen ihre Interessen war und in dem viele das höchste Opfer erbringen
mussten. Sogar in den USA während des Zweiten Weltkrieges ergab eine
Meinungsumfrage, dass zwei Drittel der Befragten hinsichtlich der
Kriegsschuld eine Unterscheidung vornahmen zwischen dem deutschen Volk
und den Nazis.
Der Erste Weltkrieg sollte der Krieg sein, „der alle Kriege beenden
sollte“ und wurde ferne als „Krieg für die Demokratie“ verkauft.
Allerdings gab es in den meisten beteiligten Ländern nur begrenztes
Wahlrecht für Männer, vor allem im zaristischen Russland, und kein
Wahlrecht für Frauen auf nationaler Ebene in irgendeinem beteiligten
Staat bis nach dem Krieg, und in den kolonialen Besitztümern der
europäischen Mächte gab es überhaupt keine demokratischen Rechte für die
Massen. In Wirklichkeit war es ein Kampf um die Neuaufteilung der Märkte
der Welt, um Rohstoffquellen und ähnlichem, zwischen verschiedenen
Schurkenbanden, und die „Sieger“, Großbritannien, Frankreich und die
USA, zwangen Deutschland einen rachsüchtigen Frieden in Form des
Friedensvertrages von Versailles auf, der wiederum die Grundlage für den
nächsten Krieg 20 Jahre später schuf.
In Wirklichkeit sind Kriege in Laufe der Geschichte nicht unvermeidlich
wenn die Arbeiterklasse Gelegenheiten bekommt, den Lauf der Geschichte
zur verändern, und diese auch nutzt. Dies war unmittelbar nach dem
Ersten Weltkrieg absolut der Fall, als die Russische Revolution den
Anstoß gab für eine revolutionäre Welle in ganz Europa: in Deutschland,
Ungarn und der Tschechoslowakei, mit einem mächtigen Echo in
Großbritannien und den USA. Doch tragischerweise waren es genau die
Organisationen der Arbeiterklasse, die im Vorfeld des Krieges die
Arbeiterklasse auf die Veränderung der Gesellschaft vorbereitet hatten,
die im entscheidenden Moment zu Bollwerken des Kapitalismus wurden, ihre
„eigene“ Seite im Krieg unterstützten und bei der Unterdrückung von
Revolutionen halfen. Dies war vor allem in Deutschland zwischen 1917 und
1923 der Fall. Eine erfolgreiche Revolution in Deutschland hätte mit
Sicherheit eine revolutionäre Welle losgetreten, die Europa und die Welt
verändert hätte.
Die Wurzeln des Krieges
Aufgeschreckt durch die Erfahrung der Deutschen Revolution,
intervenierte vor allem der US-amerikanische Kapitalismus in Form des
Dawes-Planes, um die Wirtschaft in Deutschland und Europa in den 1920er
Jahren zu stützen. Aber dies löste nicht die fundamentalen Widersprüche
des Kapitalismus und des Imperialismus, die zum Ersten Weltkrieg geführt
hatten. Die Wurzeln lagen in der kolossalen Entwicklung der
Produktivkräfte – die Organisation von Arbeit, Wissenschaft und Technik
– die dem Privateigentum durch eine Handvoll Monopolkapitalisten und der
Existenz von Nationalstaaten entwachsen waren. Wladimir Lenin hatte
verkündet „Kapitalismus bedeutet Krieg“, und er wies darauf hin, dass
wenn der Erste Weltkrieg nicht durch eine erfolgreiche sozialistische
Veränderung der Gesellschaft beendet werden würde, ein zweiter und einer
dritter Weltkrieg folgen würden.
Die teilweise Stabilisierung in Deutschland nach dem Scheitern der
Revolution von 1923 schien dieser und anderer marxistischen Analysen der
Situation zu widersprechen. Die deutsche Industrie entwickelte sich in
wirtschaftlicher Hinsicht, war aber durch den Vertrag von Versailles
stark eingeengt, vor allem durch das Fehlen von Kolonien und
Absatzmärkten für die Produkte. Diese hatten sich die älteren
Kolonialmächte, vor allem Großbritannien und Frankreich, gesichert, vor
allem in den „Halbkolonien“ Osteuropas, und in zunehmendem Maße drängte
der neue „Riese“, der US-Imperialismus, auf den Plan. Beim einsetzen der
Weltwirtschaftskrise 1929 hatte der deutsche Kapitalismus genug
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, um fast die ganze Welt zu versorgen,
doch die Vorherrschaft der imperialistischen Rivalen verhinderte dies.
Dies führte zu einer scharfen Krise mit Revolution und Konterrevolution
die, wie wir wissen, zum Sieg von Adolf Hitler und den Nazis im März
1933 führte, weil die feigen Führer der Sozialdemokratischen und
Kommunistischen Parteien es versäumten, ihm den Weg zu versperren.
Direkt danach fasste Leo Trotzki den marxistischen Standpunkt zusammen
und sagte voraus, dass ein Wiederaufleben des deutschen Imperialismus
und ein Versuch, nach Kolonien und Rohstoffen zu greifen zu einem neuen
Weltkrieg führen würde, wenn Hitler nicht gestoppt werden würde. So groß
waren die Gefahren für die Arbeiterbewegung, nicht nur in Deutschland
sondern weltweit, dass Trotzki die Idee formulierte, dass ein
Arbeiterstaat seine militärische Macht mobilisieren und vielleicht sogar
mit einer Intervention in Deutschland drohen würde.
Der Arbeiterstaat in Russland war allerdings von der Arbeiterdemokratie
Lenins und Trotzkis zum diktatorischen Regime Josef Stalins und der ihm
stützenden Bürokratie degeneriert. Was die Idee des Kampfes für
Sozialismus weltweit betraf, war Stalin mit der Parole „Sozialismus in
einem Land“ an die Macht gekommen und war damit die Personifizierung des
Aufgebens der ursprünglichen Ziele der Russischen Revolution durch die
emporkommende bürokratische Elite, die den Staat und die Gesellschaft
immer mehr dominierten. Anstatt sich Hitler entgegen zu stellen,
schwankte Stalin zwischen dem Versuch, Bündnisse mit den sogenannten
„demokratischen“ imperialistischen Mächten zu schließen, und geheimen
Bemühungen für eine Übereinkunft mit dem Nazi-Regime.
Trotzkis Schriften über diesen Prozess, der zum Zweiten Weltkrieg
führte, sind von unschätzbarem Wert für das Verständnis des Charakters
des Kapitalismus, vor allem seiner modernen Ausdrucksforms, des
Imperialismus, vor allem wenn es darum geht, wie der Kapitalismus unter
bestimmten Umständen auf Kriege zusteuert. Er wies darauf hin, dass der
sogenannte „Frieden“ von Versailles die Grundlage dafür geschaffen
hatte, dass der deutsche Kapitalismus die Aufgabe der „nationalen
Vereinigung“ der deutschsprachigen Völker auf Grundlage seines
imperialistischen Programms angehen konnte. Dies ermöglichte den
Aufstieg von Hitlers faschistischen Kräften, die vor allem aus der
Mobilisierung der verzweifelten Kleinbürger bestanden. Hitlers
Forderungen nach der „Heimführung“ der über drei Millionen
Sudetendeutschen, die nach 1918 innerhalb der Grenzen der
Tschechoslowakei lebten, sowie Österreichs, wurde lediglich zu den
ersten Schritten für den deutschen Kapitalismus als es darum ging, die
Macht des britischen und französischen Imperialismus vor allem in
Osteuropa herauszufordern.
Revolution in Spanien
Trotzki argumentierte daher stets, dass ein Weltkrieg drohte, sollte die
einzige Kraft, die dies zu verhindern in der Lage war, nämlich die
organisierte Arbeiterklasse, nicht handeln, um die Gesellschaft auf
revolutionärem Weg zu verändern. Hierzu boten sich große Chancen vor
allem in Spanien und Frankreich, in den entscheidenden Kämpfen die
demokratische sozialistische Revolution zu vollenden, die mit dem
Massenaufstand gegen General Franco begonnen hatte. Dies würde die
Gefahr eines neuen Weltkrieges mit seinen Bergen von Opfern und dem
damit verbundenen Leid endgültig bannen. In der Tat fand in Spanien eine
„Generalprobe“ für den Zweiten Weltkrieg statt. Zwei der Achsenmächte,
Deutschland und Italien, waren auf der Seite Francos beteiligt und
testeten militärische Ausrüstung und Taktiken, wie etwa den „Blitzkrieg“
gegen Guernica, der später während Hitlers Überfall auf Russland 1941 in
einem noch größeren Maßstab wiederholt wurde.
Die spanische Revolution von 1931 bis 1937 bot allerdings nicht nur
eine, sondern gleich mehrere Gelegenheiten für die Arbeiterklasse, an
die Macht zu kommen. Im Juli 1936 traten die spontanen Aktionen der
katalanischen Arbeiterklasse eine Bewegung gegen Franco in ganz Spanien
los, die dazu führten, dass ursprünglich vier Fünftel des Landes sich in
der Hand der Arbeiterklasse befanden. Der Staatsapparat der Kapitalisten
lag am Boden und die wahre Macht lag in den Händen der
Arbeiterorganisationen mit ihren bewaffneten Verbänden. Die Kapitalisten
flohen auf die Seite Francos, nur ein Schatten von ihnen blieb im
„Republikanischen“ Spanien.
Entscheidend bei der Entgleisung der Revolution war die verräterische
Rolle der Kommunistischen Partei, die völlig der Führung der
stalinistischen Bürokratie in Moskau unterlag. Außerdem vergab die POUM,
deren Führer wie Andre Nin und Juan Andrade aus der trotzkistischen
Bewegung stammten, die außergewöhnlich günstige revolutionäre Situation
zur Mobilisierung der Arbeiterklasse und Bauern zur Ergreifung der Macht
und sorgten so dafür, dass diese Gelegenheit den Massen durch die Hände
glitt.
Eine erfolgreiche Revolution in Spanien, kaum ein Monat nach massiven
Sitzstreiks in Frankreich, hätte eine revolutionäre Welle losgetreten,
welche die faschistischen Regime von Hitler und Benito Mussolini
zunächst erschüttert und dann gestürzt hätte, das gleiche gilt für das
brutale stalinistische Bürokratenregime in Russland. Es war kein Zufall
dass die großen „Säuberungen“ und die Moskauer Prozesse, in denen Leo
Trotzki und sein Sohn Leo Sedow die Hauptangeklagten waren, im Schatten
der Spanischen Revolution stattfanden. Die Russische Bürokratie führte
einen „einseitigen Bürgerkrieg“ durch, um die letzten Überbleibsel von
Lenins Bolschewistischer Partei und die Erinnerung an die heroische
Revolution von 1917 auszulöschen. Diese tragische Niederlage schwächte
die Arbeiterklasse enorm und schuf die Grundlage für den späteren Krieg.
Zynische Manöver
Wenn moderne HistorikerInnen sich mit den Ereignissen befassen, die zum
Zweiten Weltkrieg führten, versuchen sie ein Bild zu zeichnen, in dem
die westlichen Demokratien eine konstante und unerbittliche
Feindseligkeit gegenüber den Regimes von Hitler und Mussolini einnahmen.
Die Kommunistischen Parteien, nach Moskaus Pfeife tanzend, versuchten in
dieser Periode ebenfalls zwischen der "fortschrittlicheren" Rolle und
Motivationen der kapitalistischen Demokratien einerseits und den
"faschistischen Mächten" andererseits eine Unterscheidung vorzunehmen.
Als dann aber Stalin eine Übereinkunft mit Hitler suchte und diese auch
fand, behaupteten sie auf einmal das Gegenteil, nämlich dass es keinen
fundamentalen Unterschied zwischen den verschiedenen kapitalistischen
Regimes gäbe. In Wahrheit war es so, dass hinter dem sehr
unterschiedlichen Charakter der politischen Regime des "Faschismus" und
der "Demokratie" die Hauptursache für den Zweiten Weltkrieg der
+Konflikt zwischen unterschiedlichen imperialistischen Interessen all
dieser Regime war.
Wenn es ihren Zwecken entsprach und wenn sie durch Revolutionen bedroht
waren, konnten die Kapitalisten einen Wechsel von "Demokratie" zur
"Diktatur" vornehmen mit der gleichen Leichtigkeit mit der ein Mensch
sein Hemd wechselt. So übergab beispielsweise in der Tschechoslowakei
die "Demokratische" Regierung von Edvard Beneš die Macht einfach einer
Militärdiktatur und flüchtete selbst nach London, nachdem sein Land
durch das Münchener Abkommen vom September 1938 durch die Repräsentanten
des britischen und französischen Imperialismus (Neville Chamberlain and
Édouard Daladier) auf der einen und Hitler und Mussolini auf der anderen
Seite ausverkauft worden war.
Was die "unerbittliche Feindseligkeit" des britischen Imperialismus
gegen Hitler betrifft, schrieb ihr berühmtester Vertreter, Winston
Churchill, 1939 in seinem Buch "Große Zeitgenossen" die folgende Passage
über Hitler: „Ich habe immer gesagt dass wenn Großbritannien einen Krieg
verlieren würde, dass ich hoffen würde, dass wir einen Hitler finden
würden, der uns zu unserem rechtmäßigen Platz unter den Nationen zurück
führt." Die Nazis wurden durch die britische herrschende Klasse
finanziert und ihnen wurde mit massiver Unterstützung der britischen
Wirtschaftsvertreter geholfen, so lange sie sich "nach Osten" wendeten,
also auf einen Angriff auf die Sowjetunion abzielten. So unterstützte
Großbritannien effektiv Hitlers Wiederaufrüstung im Rahmen des
Britisch-Deutschen Flottenabkommens von 1935, das eine Vergrößerung der
Deutschen Kriegsmarine über die im Versailler Vertrag vorgesehenen
Grenzen erlaubte.
David Lloyd George, der berühmte „liberale" Staatsmann, bezeichnete
Hitler als "Bollwerk" gegen den Bolschewismus. Churchill überhäufte bei
einer Rede in Rom 1927 Mussolinis Faschisten mit Lob: „Wäre ich
Italiener, bin ich mir sicher, dass ich vom Anfang bis zum Ende aus
ganzem Herzen auf Ihrer Seite gewesen wäre in Ihrem triumphalen Kampf
gegen die bestialischen Triebe des Leninismus." In anderen Worten: wenn
die fundamentalen Interessen des Kapitalismus bedroht werden - das heißt
die Aufrechterhaltung und Verbesserung von Profit und Märkten, wird man
unabhängig von den vorherigen Beschwörungen der Demokratie auf die
brutalsten diktatorischen Methoden zurückgreifen, wenn dies notwendig
ist. Dies waren die Faktoren - ein tiefliegender Zusammenstoß zwischen
verfeindeten imperialistischen Interessen - die zum Ausbruch des Zweiten
Weltkrieges führten.
Vielleicht widerspricht die Tatsache, dass Hitler und Mussolini am Ende
Krieg mit dem britischen und französischen Imperialismus und später auch
mit den USA führten, dem oben Gesagten? Der Britische Kapitalismus
versuchte zunächst, den deutschen Imperialismus zu besänftigen und sich
mit ihm zu arrangieren, vor allem durch die Zugeständnisse in Bezug auf
die Tschechoslowakei nach dem Münchener Abkommen. Aber Hitlers Einmarsch
in Polen kam einer Überschreitung des Rubikon gleich, denn damit waren
die britischen und französischen Halbkolonien in Osteuropa und in der
restlichen Welt bedroht.
Es war gleichermaßen unglaublich und beschämend dass gerade in dem
Moment, in dem die faschistischen Kräfte Hitlers sich auf die
Vernichtung Polens vorbereiteten, Stalin Hitler zur Hilfe eilte, in dem
er den berüchtigten Hitler-Stalin-Pakt unterzeichnete, den Trotzki schon
seit langem antizipiert hatte. Acht Tage später begannen die Nazis ihren
Angriff und damit den Zweiten Weltkrieg. Auf diesem Wege hoffte Stalin,
Russland vor einem Angriff der Nazi-Horden zu bewahren. Aber, wie
wiederum Trotzki vorhersagte, sah Hitler den Pakt lediglich als
Papierfetzen an, und er war nun frei um seine Flugzeuge und Panzer gegen
Frankreich und letztlich auch Großbritannien loszulassen. Nach
Vollendung dieser Aufgaben würde er sich der Sowjetunion und ihrer
Rohstoffe zuwenden, wobei er es vor allem auf Öl und Getreide abgesehen
hatte. Stalin half bei der Erfüllung dieses Planes in dem er massenweise
die besten Militäroffiziere der Sowjetunion hinrichten ließ.
Brilliante Militärstrategen wie Michail Tuchatschewski, der die
Deutschen Blitzkriegtaktiken schon vorausgesagt hatte, verloren in
diesen "Säuberungen" ihr Leben.
Die Interessen der Arbeiterklasse
Die Haltung von MarxistInnen zu einem Krieg ist von äußerst großer
Bedeutung. Diese Frage ist ein Lackmustest. Wir müssen immer die Frage
stellen: welche Klasse führt den Krieg durch und in wessen Interesse
wird der Krieg geführt? Schöne Phrasen über „Demokratie“ und
„Kriegsschuld“ sind vom Standpunkt der Arbeiterklasse aus gesehen
nebensächlich. Diplomaten auf beiden Seiten schaffen es immer, den
„Feind“ gegenüber den Massen im eigenen Land als „Agressor“
darzustellen. Aber der politische Überbau eines kapitalistischen Regimes
welcher Art auch immer, verändert die reaktionären ökonomischen
Fundamente des Imperialismus als hauptsächliche Treibkraft des Krieges
nicht. In diesem Sinne war der Zweite Weltkrieg in erster Linie eine
Fortsetzung des Ersten als Kampf zwischen rivalisierenden
imperialistischen Mächten.
Eine Fortsetzung ist allerdings nicht das Gleiche wie eine Wiederholung.
Die Existenz von faschistischen Regimen – dessen wesentliches Merkmal
die komplette Auslöschung aller Elemente der Demokratie ist, vor allem
was Arbeiterdemokratie, Gewerkschaften, Streikrecht, Versammlungsrecht
und so weiter betrifft – hatte enorme Auswirkungen auf die politische
Sicht der ArbeiterInnen auf den Krieg, vor allem in den „demokratischen“
Ländern Großbritannien, Frankreich und USA. Es gab keine Begeisterung
für den Zweiten Weltkrieg unter der Masse der Arbeiterklasse, wie es in
einigen Ländern am Anfang des Ersten Weltkrieges der Fall gewesen war.
Der Grund hierfür war die Erfahrung aus diesem Krieg. Aber die Masse der
Arbeiterklasse beispielsweise in Großbritannien, erkannte den
arbeiterfeindlichen Charakter der Regime von Hitler und Mussolini und
wollte kein faschistisches Regime und vor allem keinen fremden
Unterdrücker über sich. Das gleiche galt für die Arbeiterklasse in
Frankreich und im übrigen Europa. So befand sich nach Kriegsanfang der
authentische Marxismus in der Position, eine politische Haltung zum
Krieg entwickeln zu müssen.
Während des Ersten Weltkrieges drückte der Pazifismus die Feindseligkeit
vieler Arbeiter zu Kriegsgemetzel aus. Daher gab es auch eine gewisse
Toleranz gegenüber Kriegsdienstverweigerern. Es gab ebenfalls in einigen
Ländern bedeutende und wachsende Gruppen von ArbeiteraktivistInnen, die
gegen den Krieg waren. Vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges gab es
eine allgemeine Stimmung gegen Krieg und für „Frieden“. Aber nachdem der
Krieg begonnen hatte, drängte sich die Frage nach der politischen
Haltung zum Krieg für die MarxistInnen auf. Die bloße Wiederholung von
Lenins Formeln aus dem Ersten Weltkrieg, die einige sektiererische
Gruppen machten und bis zum heutigen Tag in vergleichbaren Situationen
immer noch machen, war vollkommen unzureichend.
1914 hatte Lenin die unvorbereiteten und zerstreuten Kräfte des
Marxismus und Sozialismus, die nach dem Debakel des Zusammenbruchs der
Zweiten Internationale übrig blieben, mit der Politik des sogenannten
„revolutionären Defätismus“ gesammelt. Dies war eine Politik für die
Kader, die Vorhut der Vorhut und nicht für die Gewinnung der Masse der
Arbeiterklasse. Karl Liebknechts Formulierung „Der Hauptfeind steht im
eigenen Land“ eignete sich besser zur Massenmobilisierung der
Arbeiterklasse. Es ging Lenin allerdings darum, angesichts der
chauvinistischen und nationalistischen Kapitulation der Führung der
Zweiten Internationale, für die Annahme beziehungsweise Fortsetzung
einer Politik des Klassenkampfes seitens der Arbeiterorganisationen
während des Krieges sowie für die Vorbereitung auf die sozialistische
Revolution, die nach dem Krieg eintreten würde, einzustehen.
SozialistInnen und Revolutionäre lehnten die Idee der Verteidigung des
sogenannten „kapitalistischen Vaterlandes“ entschieden ab. Dies war
vollkommen richtig. Aber dies reichte nicht aus um die Massen zu
gewinnen oder, wie Trotzki es formulierte, „um Kader auszubilden, die
wiederum die Massen gewinnen müssen, die keinen fremden Eroberer
wünschen.“ Es war nicht Lenins Politik des „revolutionären Defätismus“,
die dabei entscheidend war, dass die Bolschewiki die Arbeiterklasse für
sich gewinnen und im Oktober 1917 an die Macht gelangen konnten, sondern
die Parole „Alle Macht den Sowjets“, später verbunden mit der Idee von
„Land, Frieden, Brot“. So arbeiteten marxistische Kräfte in
Großbritannien, darunter die Workers" International League, in dessen
Nachfolge sich die Socialist Party von heute sieht, nach Ausbruch des
Zweiten Weltkrieges an der Formulierung einer klaren Politik des
Klassenkampfes für die damalige Situation mit dem Ziel, die Massen zu
gewinnen. Diese Bemühungen hatten bedeutsame Auswirkungen auf Teile der
Arbeiterklasse während des Krieges.
Trotzki fasste das Probleme einer marxistischen Militärpolitik während
des Zweiten Weltkrieges zusammen: „Es wäre doppelt unsinnig, heutzutage
eine rein pazifistische Position zu vertreten. Die Massen haben das
Gefühl, sich verteidigen zu müssen. Wir müssen sagen: „Roosevelt sagt,
das Land muss verteidigt werden: gut, aber es soll unser Land sein, und
nicht das Land der 60 Familien und von Wall Street.“ ArbeiterInnen in
Großbritannien wie in Amerika, so fuhr Trotzki fort, „wollen nicht von
Hitler erobert werden und zu denen, die sagen "lasst uns ein
Friedensprogramm haben" sagen die ArbeiterInnen: "Aber Hitler will kein
Friedensprogramm". Daher sagen wir, wir verteidigen die USA (oder
Großbritannien) mit einer Arbeiterarmee, mit Arbeiteroffizieren, mit
einer Arbeiterregierung usw.“ Deshalb gingen die
MarxistInnen-TrotzkistInnen mit ihrer Klasse in die Armeen und
verfolgten geschickt einen Kurs der Entwicklung und Verbesserung der
Politik und des Programms des Klassenkampfes sowohl dort als auch in der
Industrie.
Die Kapitalisten, vor die Wahl gestellt zwischen der Arbeiterklasse und
einem fremden Unterdrücker, entschieden sich unweigerlich für letzteres,
wie sich im Fall der Pariser Kommune 1871 zeigte. Damals bekamen die
feigen französischen Kapitalisten Unterstützung seitens der
preußisch-deutschen Kräfte gegen die eigene Arbeiterklasse. Während
Frankreich im Zweiten Weltkrieg im Begriff war, an die Nazis zu fallen,
weigerten sich die französischen Kapitalisten hartnäckig, entsprechend
der Forderung der MarxistInnen die ArbeiterInnen zu bewaffnen, genau aus
dem Grund, weil sie eine Wiederholung der Pariser Kommune fürchteten.
Brutalität auf allen Seiten
Der militärische Verlauf des Krieges ist wohlbekannt und muss an dieser
Stelle nicht wiederholt werden. Die Intervention des US-Imperialismus
und der heroische Widerstand der Russischen Massen – trotz Stalins
Verbrechen – schafften es, Hitlers militärische Kräfte sowie die
Mussolinis und des japanische Imperialismus aufzuhalten, zurück zu
drängen und letztlich zu besiegen. Dieser Prozess bedeutete aber eine
riesige Verwüstung der Erde, was an den Opferzahlen sowie anhand der
zerstörten Werte und Industrie deutlich wird.
Doch selbst heute, 70 Jahre nach Kriegsausbruch, ist die ganze
Geschichte des Krieges nicht vollständig erzählt worden, wie Anthony
Beevor in seinem neuen Buch über die Alliierten Landungen in der
Normandie betont. Brutale und gefühllose Militäraktionen waren nicht
ausschließlich Hitler und Mussolini vorbehalten. Beevors Buch über die
Auswirkungen der Landung in der Normandie verdeutlichen die brutalen,
flächendeckenden Maßnahmen die in einem Krieg dieser Art von allen
Beteiligten ergriffen werden. Er argumentiert, dass die Anzahl von
70.000 Französische ZivilistInnen, die in den ersten fünf Monaten des
Jahres 1944 durch Alliierte Bombenangriffe getötet wurden, die
Gesamtanzahl der britischen Opfer deutscher Bombenangriff für den
gesamten Krieg übersteigt. Die Kampagne von Bombardements in
Vorbereitung auf die Landungen in der Normandie wurden von „Bomber“
Harris organisiert, der später für die Verwüstung Dresdens
verantwortlich sein würde.
Der Krieg brachte, wie von Trotzki prognostiziert, den Anfang einer
revolutionären Welle und eine enorme Radikalisierung der Massen,
angestoßen durch die italienische Revolution von 1943 und den Sturz von
Mussolini sowie seinem Nachfolger Marschall Badoglio, sowie die Kämpfe
der Arbeiterklasse in Norditalien. Die heroische Pariser Arbeiterklasse
befreite ihre Stadt während General De Gaulle noch 50 Meilen davon
entfernt war. Er wurde im Eiltempo von den Amerikanern hingebracht um zu
verhindern, dass die Befreiung zum Funken für eine neue französische
Revolution – diesmal mit einem sozialistischen und proletarischen
Charakter – würde.
Die britischen Parlamentswahlen 1945 brachten, zum Erstaunen vieler
Kommentatoren, die Abwahl des „Kriegsgewinners“ Churchill. Dies war im
wesentlichen der massiven Ablehnung der Konservativen und ihrer
Gesellschaft seitens der Massen geschuldet. Die Soldaten lehnten es ab,
in die Bedingungen der 1930er Jahre, die zum Ausbruch des Krieges
geführt hatten, zurück zu kehren. Christopher Bailey und Tim Harper
kommenieren in ihrem epochalen Werk „Vergessene Kriege: Das Ende des
Britischen Imperiums in Asien“: „Vor der Wahl war Churchill entsetzt als
er von Sir William Slim zu hören bekam, dass 90 Prozent der Soldaten im
Osten Labour wählen wollten, und dass die restlichen 10 Prozent gar
nicht wählen wollten.“ Und weiter schreiben sie: „Labour-Unterstützer,
die es satt hatten mit Durchfall, Malaria und schlechter Bezahlung zu
leben, wollten die schöne neue Welt sehen, die ihnen die linken Lehrer
aus dem Bildungskorps der Armee versprochen hatten. Zudem gab es von
Karatschi bis Singapur Meutereien in der Britischen Armee.
Trotzkisten während des Krieges
MarxistInnen, vor allem TrotzkistInnen, intervenierten erfolgreich in
den verschiedenen Armeen während der Krieges. Die TrotzkistInnen wandten
sich gegen Desertation und gegen einen Verzicht auf politische Arbeit,
sie wollten nach den Worten Trotzkis „die besten SoldatInnen“ sein.
Beispielsweise im Soldatenparlament in Kairo konnten die Trotzkisten
sehr erfolgreich arbeiten, trotz Versuche der Armeeführung, sie am
Anfang der Krieges zu verfolgen.
Eine heroische Rolle spielten auch die TrotzkistInnen in Europa. In
Griechenland beispielsweise, während der faschistischen Besatzung,
richtete der Trotkistenführer Pontiles Poulipoulous, der Italienisch
sprach, einen revolutionären Appell ein sein Hinrichtungskommando in
ihrer eigenen Sprache. Es sprach die italienischen Soldaten als "Brüder"
an und sagte: "Wenn ihr uns tötet, tötet ihr euch selbst - ihr bekämpft
die Idee der sozialistischen Revolution." Die italienischen Soldaten
weigerten sich zu schießen, aber der ihnen vorgesetzte faschistische
Offizier führte daraufhin die Hinrichtung selbst durch. In der Industrie
in Großbritannien, wo die Kommunistische Partei aus "Unterstützung für
die Kriegsanstrengungen" Streiks verurteilte und zu unterdrücken
versuchte, setzten sich die TrotzkistInnen für die berechtigten
Forderungen der Arbeiterklasse während des Krieges ein und führte
erfolgreiche Bewegungen von Lehrlingen, ElektrikerInnen und anderen
ArbeiterInnen in Bezug auf Löhne und Arbeitsbedingungen an.
Die Situation entwickelte sich so, wie von Trotzki vorhergesagt. Eine
revolutionäre Welle fegte von Italien aus über Europa und nach
Großbritannien, wo sie zur Wahl der Labout-Regierung führte, zur
massenhaften Radikalisierung der französischen ArbeiterInnen und vieles
mehr. Leider waren die Kräfte des authentischen Marxismus nicht stark
genug, um die sich bietenden Gelegenheiten zu nutzen. So war es dem
Stalinismus - gestärkt durch den Krieg und die Ausweitung der
Planwirtschaft in Osteuropa, auch wenn diese von einer bürokratische
Kaste dominiert war, sowie durch den Erfolg der Chinesischen Revolution
- und den Kräften des Reformismus möglich, die Bewegung zu verraten.
Dies schuf die politischen Vorbedingungen für den Aufschwung der
Weltwirtschaft in der Zeit von 1950 bis 1975.
Die 70 Jahre seit dem Zweiten Weltkrieg waren nicht die friedliche
Zukunft die versprochen wurde und sahen auch keinen neuen Weltkrieg -
wenn man den sogenannten "Kalten Krieg" nicht als solchen zählt,
vielmehr gab es eine Serie von blutigen neokolonialen Kriegen. Diese
zwangen den Imperialismus, die direkte Kontrolle über die neokoloniale
Welt aufzugeben, aber sein wirtschaftlicher Würgegriff ist heute sogar
noch stärker als damals, zum Leidwesen der Massen in den betroffenen
Ländern. In der jüngsten Periode haben wir den Irakkrieg gehabt, der die
größte Flüchtlingswelle seit 1945 verursacht hat und nun das blutige
Gemetzel in Afghanistan. Lenins Prognose, dass der Kapitalismus Krieg
bedeutet, und dass er ein System des Horrors ohne Ende ist, wird in der
heutigen Zeit vor unseren Augen bestätigt.
Es ist wahr dass ein neuer Weltkrieg im Sinne des Ersten oder des
Zweiten angesichts des globalen Kräfteverhältnisses nicht wahrscheinlich
ist. In der Ära der Atomwaffen würde ein neuer Weltkrieg nicht nur
Barbarei nach den Worten von Rosa Luxemburg bedeuten, sondern die
Auslöschung der Zivilisation durch die Zerstörung der Produktivkräfte,
vor allem der allerwichtigsten Produktivkraft, nämlich der
Arbeiterklasse. Daher würden die Kapitalisten keinen Krieg beginnen, der
nicht nur ihr System vernichtet würde sondern auch sie selbst, ihre
Familien und alles menschliche Leben und die Gesellschaft wie wir sie
kennen. Die Existenz der kapitalistischen Demokratie - vor allem der
Arbeiterorganisationen, Gewerkschaften und so weiter, sind die
wichtigsten Faktoren, die ihn darin hindern. Wenn allerdings, als Folge
des Scheiterns der Arbeiterklasse, die Macht zu erlangen, einer neuer
Diktator auftaucht, beispielsweise in den USA, dann ist alles möglich.
Dies ist unwahrscheinlich, weil die Arbeiterklasse zunächst auf die
Krise reagieren und versuchen würde, in Richtung einer Veränderung der
Gesellschaft zu gehen. Es würde also nicht nur einen Rückschlag oder
eine Niederlage erfordern, sondern eine ganze Serie davon, bevor der
Kapitalismus in der Lage wäre, der Gesellschaft ein reaktionäres Regime
beziehungsweise eine Diktatur aufzuzwingen.
So bestehen die Lehren des Zweiten Weltkrieges darin, dass dieser eine
barbarische Seite in der Geschichte darstellt, die niemals wiederholt
werden darf. Aber dies wiederum kann nur durch eine sozialistische
Revolution und die Schaffung einer demokratischen sozialistischen Welt
garantiert werden.
Postskript
Seitdem der obigen Artikel zur Veröffentlichung in "Socialism Today"
abgegeben wurde, hat die aktuelle russische Regierung nach Meldung der
Tageszeitung "Guardian" (Ausgabe von 22. August) geheime Dokumente aus
der Zeit des Hitler-Stalin-Paktes vor 70 Jahren zugänglich gemacht.
Offensichtlich geschah dies, um den Pakt zu rechtfertigen. Ein Sprecher
der Russischen Geheimdienstes, Lew Sotzki, argumentiert dass Stalin
"keine Wahl" gehabt hätte und 1939 eine Übereinkunft mit Hitler treffen
musste. Angeblich war dies deswegen der Fall, "weil der von den
jeweiligen Außenministern Wjatscheslaw Molotow und Joachin von
Ribbentrop unterzeichnete Vertrag dem Kreml Zeit brachte, nachdem der
Westen Stalin verraten hatte." Die britische Regierung hat mit dem
Münchener Abkommen die Tschechoslowakei Hitler preisgegeben. Aber die
Idee, dass Stalin durch dieses Abkommen "verraten" worden sei, ist
vollkommen falsch.
Ab 1933 erklärte Leo Trotzki wiederholt in der Weltpresse, dass das
fundamentale Ziel von Stalins Außenpolitik eine Vereinbarung mit Hitler
sei. Er wies darauf hin, dass obwohl Stalin zwischen den beiden Lagern
manövrierte, seine Bemühungen um eine Allianz der "Demokratien" nur
gespielt waren. Chamberlain versuchte mit ganzer Kraft, eine Allianz mit
Stalin zu schmieden, scheiterte aber, weil "Stalin Hitler fürchtet",
schrieb Trotzki. Er fügte hinzu: "Und es ist kein Zufall, dass er ihn
fürchtet. Die Rote Armee ist enthauptet worden." Stalin bevorzugte zu
diesem Zeitpunkt den "Status Quo" mit Hitler als Verbündeten. Dieser
Pakt war nicht im Interesse der Arbeiterklasse der Welt - er sorgte für
Wut unter den Mitgliedern der Kommunistischen Parteien, und führte in
vielen Ländern zu Abspaltungen beziehungsweise Austritten. Der Pakt war
auch nicht dazu geeignet, Zeit zu gewinnen oder um Russland im Falle
eines Krieges irgendwelche Vorteile zu
bringen.
Tatsächlich war der Pakt von einem Handelsabkommen zwischen Russland und
Deutschland begleitet. Dies war eine enorme Hilfe für die Deutschen
"Kriegsanstrenungen", denn es stellte die Lieferung wichtiger Rohstoffe
- Getreide und Öl - an Hitler sicher. Stalin betätigte sich als Hitlers
Quartiermeister. Er half Hitler in seinem Krieg gegen Großbritannien und
Frankreich und beging dabei das Verbrechen, die Deutschen Kräfte für
ihren Angriff auf Russland zwei Jahre später zu stärken. Der ganze Sinn
des Paktes war nicht die Verteidigung der Errungenschaften der
Russischen Revolution, sondern der engen Interessen der Clique im Kreml
und der durch ihre vertretenen Bürokratie, die befürchtete, dass sie im
Falle eines Krieges von den wütenden russischen Massen zur Rechenschaft
gezogen werden würden.
Die neuerliche Positionierung der russischen Regierung richtet sich
gegen die Entscheidung des UdSSR-Parlamentes im Jahre 1989, den
Hitler-Stalin-Pakt zu verurteilen. Die aktuelle Regierung Putins hat
sich wahrscheinlich deshalb dazu entschlossen, 70 Jahre nach dem
Ereignis die Handlungen Stalins nachträglich zu billigen, weil sie die
Absicht hat, ihm in einigen Aspekten nach zu eifern. Auf Grundlage eines
anderen sozialen Systems als das Stalins, nämlich einer kapitalistischen
Wirtschaft und eines kapitalistischen Staates, möchte Putin dennoch den
russischen Nationalismus und militärische Macht verwenden, wie schon
Stalin es gemacht hatte, um in Zonen der "privilegierten Interessen"
(Russlands Präsident Medwedew) einzugreifen. Es ist kein Zufall dass
auch Stalins Interventionen in Estland, Lettland und Litauen
rechtfertigt werden.
Trotz der Rechtfertigungsversuche des gegenwärtigen Putin-Regimes war
der Hitler-Stalin Pakt ein Verbrechen gegen die Interessen der
Sowjetunion und vor allem gegen die Interessen der Massen durch eine
zynische Bürokratie ohne Interesse an der Meinung der Arbeiterklasse
weltweit oder am Kampf für den demokratischen Sozialismus weltweit.
Peter Taaffe ist Generalsekretär der Socialist Party in England und
Wales und Mitglied im Internationalen Sekretariat des Komitees für eine
Arbeiterinternationale. Der Artikel erschien zuerst im Magazin
"Socialism Today".
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