DIE LINKE zwischen koalieren und opponieren
[Druckversion] Thema: "DIE LINKE.", veröffentlicht: 21.10.2009
Für eine sozialistische Strategie: Kämpfen statt anpassen
Die Frage der Bereitschaft Regierungskoalitionen mit den
pro-kapitalistischen Parteien SPD und Bündnis 90/Die Grünen zu bilden
spiegelt die Debatte über die Zukunft der Partei DIE LINKE wider. Wird
aus ihr eine kämpferische und sozialistische Partei der
ArbeitnehmerInnen, Ausgegrenzten und Benachteiligten, wie es die SPD zum
Ende des 19. Jahrhunderts wurde – mit wachsender millionenfacher
Anhängerschaft, tiefer gesellschaftlicher Verankerung und
Mobilisierungsfähigkeit oder vollzieht sie eine Entwicklung der SPD im
20. und 21. Jahrhundert nach: Anpassung an und Aussöhnung mit dem
Kapitalismus und Verlust von Mitgliedern, WählerInnen und
gesellschaftlicher Verankerung?
von Sascha Stanicic
Das Programm der LINKE hat den Anspruch die Lebenssituation der
Bevölkerungsmehrheit zu verbessern, sichere und dauerhafte Arbeitsplätze
zu schaffen, eine ökologisch nachhaltige Wirtschaftsweise zu entwickeln,
Armut abzuschaffen, den Zugang zu Bildung für alle zu ermöglichen,
Kriege zu verhindern und Diskriminierungen zu bekämpfen. Sie vertritt in
einer Gesellschaft, in der "die da oben" und "wir hier unten" diametral
entgegengesetzte Interessen haben (der Profit jedes Kapitalisten beruht
immer noch auf der unbezahlten Mehrarbeit "seiner" Beschäftigten, was
man auch ganz einfach Ausbeutung nennen kann), den Anspruch
Interessenvertretung der breiten Mehrheit von Lohnabhängigen (ob mit
oder ohne Erwerbsarbeit), RentnerInnen und Jugendlichen zu sein. Die
Frage ist nur: wie kann die Partei diesem Anspruch gerecht werden?
Hoffnungen
Die Wahlen im Saarland und in Thüringen haben gezeigt, dass es in Teilen
der Bevölkerung gewisse Hoffnungen in einen Regierungswechsel hin zu
Koalitionen mit Beteiligung der LINKE gibt. In beiden Ländern gab es
eine realistische "Wechselperspektive" – die Abwahl der CDU und eine
Regierung mit einer starken LINKE. Das hat WählerInnen mobilisiert. Auch
wenn dort weiterhin die NichtwählerInnen die größte Gruppe ausmachen, so
zeigen die Ergebnisse doch, dass eine Umkehr des Trends zu stetig
wachsender Stimmenthaltung möglich ist. Die These, dass eine ähnlich
realistische Wechselperspektive bei der Bundestagswahl zu einem Anstieg
der Wahlbeteiligung und eher 15 Prozent für DIE LINKE geführt hätte, ist
da nahe liegend. In dieser Stimmung drückt sich jedoch weniger aktive
Unterstützung oder gar Begeisterung für rot-rote oder rot-rot-grüne
Regierungskoalitionen aus, als die Ablehnung der bestehenden
CDU-geführten Regierungen und die vage Hoffnung, dass eine Regierung mit
Beteiligung einer starken LINKE weniger scharfe Angriffe gegen die
sozial Schwachen und gegen ArbeitnehmerInnen durchführen wird und
möglicherweise gewisse Verbesserungen, wie die Abschaffung von
Studiengebühren, beschließen könnte. Eine solche "Wechselstimmung" kann
es auch nach Massenbewegungen und Kämpfen geben, auch wenn solche die
Selbstaktivität und das politische Bewusstsein in der Arbeiterklasse
heben. Aber, wenn zum Beispiel eine gewerkschaftliche Massenbewegung
gegen die Einführung der Kopfpauschale im Gesundheitswesen mobil macht
und SPD, Grüne und LINKE diese ablehnen, kann es zu Illusionen in einen
Regierungswechsel kommen. Doch bedeutet das für Linke und SozialistInnen
solche Regierungskoalitionen zu unterstützen?
Kleineres Übel ist ein Übel
Die Logik des kleineren Übels wird von dem in der Parteiführung und
Bundestagsfraktion der LINKE dominierenden Flügel mehr oder weniger
offen vertreten. "Eine Regierung ohne DIE LINKE wäre unsozialer“, ist
das Credo. Doch alle Erfahrungen mit der Beteiligung linker und
sozialistischer Parteien an pro-kapitalistischen Regierungen zeigen,
dass erstens aus kleinem Übel große Übel werden und zweitens diese
Parteien und die linke und Arbeiterbewegung im allgemeinen stark
geschädigt werden. Kein Wunder: denn wenn sie in Regierungen Maßnahmen
umsetzen, wogegen sie vor ihrem Regierungseintritt zu Felde gezogen
sind, verlieren sie das Wichtigste für den Aufbau einer linken Partei:
Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Das ist die Erfahrung der PDS bei der
Tolerierung der SPD-geführten Landesregierungen in Sachsen-Anhalt und
bei den Koalitionen mit der SPD in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin.
Veränderungen erkämpfen
Der Gedanke, dass die Frage von sozialen Einschnitten oder
Verbesserungen in erster Linie durch parlamentarische Mehrheiten und
Verhandlungsgeschick entschieden wird, ist falsch. Ob es zur Einführung
von Mindestlöhnen oder zur Senkung von Arbeitslosengeld kommt, ob
Bildungseinrichtungen privatisiert oder Studiengebühren abgeschafft
werden, entscheidet sich in erster Linie durch das Ringen der
entscheidenden gesellschaftliche Kräfte, kurz: durch den Klassenkampf.
Dieser vollzieht sich mal offen, zum Beispiel, wenn es zu Streiks und
Demonstrationen kommt, und mal versteckt, zum Beispiel, wenn es um die
Beeinflussung der so genannten öffentlichen Meinung geht.
Parlamentarische Abstimmungen sind viel mehr Ergebnis dieses Kampfes,
als Ursache von Veränderungen. So war es auch bei der Abschaffung der
Studiengebühren in Hessen: hier hat die massive Bewegung der
Studierenden den entscheidenden Ausschlag gegeben. Die kurzzeitig
bestehende parlamentarische Mehrheit für SPD, Grüne und LINKE konnte
dann die Abschaffung formell beschließen (und war deshalb ein wichtiger
Faktor, aber auch selber ein Ausdruck der Entwicklung im Klassenkampf),
vor allem aber traut sich die mittlerweile wieder bestehende
Koch-Regierung zur Zeit nicht, diesen Beschluss rückgängig zu machen –
weil das gesellschaftliche Kräfteverhältnis in Hessen gegen
Studiengebühren besteht und Koch Angst vor neuen Massenbewegungen hat.
Verbesserungen für die Masse der Bevölkerung müssen erkämpft werden,
durch Bewegungen, Demonstrationen, Streiks etc. Das gilt in Zeiten
kapitalistischer Krisen umso mehr. Die Politik einer linken Partei muss
diesem Erkämpfen entsprechen und darf dafür kein Hindernis sein.
Ziel: Sozialismus; Weg: Massenpartei aufbauen
Im Kapitalismus sind die Regierungen auf Bundes- und Landesebene die
Sachverwalter der Banken und Konzerne. Sie dienen der Aufrechterhaltung
des bestehenden Systems und sollen die Profitbedingungen möglichst
günstig für das Kapital gestalten. Die Regierung hat – wie der ganze
Staatsapparat (also Polizei, Justiz, Militär) - die Aufgabe die
Aufrechterhaltung des Systems und die Interessen der nationalen
Wirtschaft (sprich: des deutschen Kapitals) zu verteidigen – zum
Beispiel durch Polizeieinsätze gegen Streikposten, Militäreinsätze in
Afghanistan oder die arbeitsgerichtliche Bestätigung von Entlassungen
wegen der angeblichen Entwendung von zwei Pfandbons über 1,30 Euro durch
eine Kassiererin.
Eine dauerhafte Verbesserung der Lebenssituation der
Bevölkerungsmehrheit, Frieden und ökologisches Wirtschaften sind in der
auf Profitmaximierung basierenden kapitalistischen Gesellschaft nicht
möglich. Der Kampf um unmittelbare Verbesserungen muss deshalb verbunden
werden mit der Perspektive den Kapitalismus durch eine sozialistische
Demokratie zu ersetzen. Dazu bedarf es der Entwicklung sozialistischen
Bewusstseins in der arbeitenden Bevölkerung und des Aufbaus einer
starken sozialistischen Massenpartei mit Millionen Mitgliedern und
AnhängerInnen. DIE LINKE kann weder einen Beitrag zur Entwicklung
sozialistischen Bewusstseins leisten noch wird sie eine Massenpartei
werden, wenn sie sich an der Verwaltung des kapitalistischen Missstandes
beteiligt und Verantwortung für soziale Einschnitte, die
Aufrechterhaltung und Umsetzung von Hartz IV, Arbeitsplatzabbau im
öffentlichen Dienst, Militäreinsätze im Ausland, Abschiebungen von
Flüchtlingen usw. übernimmt. Eine Beteiligung an einer
prokapitalistischen Regierung muss aber zwangsläufig zu einer solchen
Politik führen, denn sie bedeutet von ihrer Natur her den versuch einen
Klassenkompromiss zu finden, wo Klassenkampf nötig wäre, um
Verbesserungen für die Masse der Menschen zu erreichen.
Mindestbedingungen? Tolerierung?
Aus allen genannten Gründen sollte DIE LINKE sich aus Prinzip einer
Regierungsbeteiligung mit SPD und Bündnis 90/Die Grünen verweigern. Das
Prinzip heißt hier aber nicht "Opposition", sondern "konsequente
Vertretung von Arbeiterinteressen". Das schließt auch eine Tolerierung
von Minderheitsregierungen per Tolerierungsabkommen (also einem
verbindlichen Vertrag, der DIE LINKE auf die Unterstützung der Regierung
verpflichtet) aus, denn damit legt man sich auch auf die Unterstützung
einer Regierung fest und macht sein Abstimmungsverhalten im Parlament
nicht mehr von den jeweiligen Inhalten der abzustimmenden Anträge
abhängig. Genau das ist aber nötig und in diesem Sinne kann DIE LINKE
offensiv vertreten, dass sie jedem Antrag für eine Verbesserung der
Lebensverhältnisse der Bevölkerung, für Ökologie, Demokratie und gegen
Krieg zustimmen wird. Das kann im Zweifelsfall, wie es in Hessen 2008
der Fall war, auch die Abwahl eines CDU-Ministerpräsidenten bedeuten.
Wie eine solche prinzipielle Haltung präsentiert wird, ist eine andere
Frage. Natürlich müssen Hoffnungen auf Regierungswechsel in Betracht
gezogen werden und ebenso darf nicht der Eindruck entstehen, DIE LINKE
wolle keine Verantwortung übernehmen. Deshalb sollte nicht negativ
formuliert werden, dass man keine Regierung mit SPD oder Grünen bilden
werde, sondern offensiv formulieren, dass man nur eine Regierung bilden
wird, die die Interessen der ArbeitnehmerInnen und Erwerbslosen
vertreten wird und dementsprechend nicht eine Maßnahme des Sozialabbaus,
der Verschlechterung von Arbeitnehmerrechten, Privatisierungen,
Arbeitsplatzvernichtung, Polizeieinsätze gegen Demonstrationen oder
Abschiebungen ergreifen wird.
DIE LINKE sollte keine Angebote an SPD und Grüne machen, die in den
letzten elf Jahren nur durch Agenda 2010, Hartz IV und Auslandseinsätze
der Bundeswehr aufgefallen sind. Das kann nur den Eindruck erwecken,
dass ohne SPD und Grüne keine gesellschaftlichen Veränderungen möglich
sind, was Teile der LINKE-Führung ja auch offen formulieren.
Stattdessen sollte die Partei offensiv ihr Programm vertreten und
deutlich machen, dass sie für dieses Programm bereit ist zu mobilisieren
und zu regieren. Das ist etwas anderes als Mindestbedingungen für
Regierungskoalitionen mit der SPD aufzustellen, wie das von Teilen der
linken Strömungen in der Partei gefordert wird. Diese Strömungen stellen
die Forderung in dem Bewusstsein auf, dass SPD und Grüne solche
Bedingungen ohnehin nicht akzeptieren würden, und wollen den schwarzen
Peter für das Scheitern einer Regierungsbildung so ihnen zuschieben.
Dass pro-kapitalistische Parteien zum Machterhalt allerdings zu jedem
Pakt und jeder Unterschrift bereit sein können, sollte auch bekannt
sein. Die Umsetzung von solchen Versprechen würde aus ihrer Sicht ja
dann – in der Regierung – an den so genannten Sachzwängen (sprich:
leeren Kassen und Drohungen der Unternehmer mit Entlassungen und
Investitionsboykott etc.) scheitern. Außerdem beinhalten
Mindestbedingungen immer die Möglichkeit, dass in anderen Bereichen
Verschlechterungen akzeptiert werden.
DIE LINKE muss offensiv sagen: wir wollen dieses Land regieren, aber
anders als es irgendeine Regierung in den letzten 60 Jahren gemacht hat!
Wir werden nur eine Regierung bilden, die kein Büttel von Deutsche Bank
und Daimler ist! Wir werden in der Regierung den Menschen statt den
Profit in den Mittelpunkt unseres Handelns rücken! Wir werden uns nicht
von Kapitalisten mit Abwanderungsdrohungen oder Investitionsboykott
erpressen lassen. Um Arbeitsplätze zu schaffen, das Gesundheits- und
Bildungswesen auszubauen, die Umwelt zu retten, Kriege zu verhindern,
werden wir den gesellschaftlich erwirtschafteten Reichtum im Interesse
der Gesellschaft einsetzen. Das geht nur im Konflikt mit der kleinen
Minderheit von Großaktionären, Konzerneigentümern und Superreichen. Um
diesen Konflikt zu gewinnen, muss die arbeitende Bevölkerung mobilisiert
werden. Um diese zu mobilisieren, muss sie selber demokratisch an den
wichtigen Entscheidungen teilhaben können. Deshalb wollen wir Demokratie
in allen gesellschaftlichen Bereichen, auch in der Wirtschaft. Das geht
nur, wenn wir die Banken und Konzerne in öffentliches Eigentum
überführen und demokratisch kontrollieren und verwalten. Das bedeutet
Bruch mit dem Kapitalismus. Deshalb werden wir nur an einer Regierung
teilnehmen, die zu diesem Bruch bereit ist.
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