DDR 1989: Gab es eine Alternative zur kapitalistischen Restauration?
[Druckversion] Thema: sozialismus.info, Magazin der SAV, Nr. 9, Geschichte, DDR 1989, veröffentlicht: 05.11.2009
Über die Bedeutung eines Programms der politischen Revolution und einer
marxistischen Organisation
4. November 1989, im Zentrum von Ost-Berlin: 500.000 bis eine Million
Menschen versammeln sich auf dem Alexanderplatz und in den angrenzenden
Straßen. Belegschaften, Familien, riesige Ansammlungen von Jugendlichen
- und über ihren Köpfen: ein Meer von selbst gefertigten Transparenten.
von René Henze
Die Angst vor der Staatsmacht ist verflogen, überall wird frei und offen
geredet. Eine hoffnungsvolle und optimistische Stimmung herrscht in der
Mitte Ost-Berlins. Um 11:25 Uhr wird die Kundgebung eröffnet. Die
Menschen werden still. Und dann hallt über dieses riesige Menschen- und
Transparentemeer eine klare Frauenstimme: „Liebe Kollegen und
Freunde, Mitdenker und Hierbleiber! Wir, die Mitarbeiter der Berliner
Theater, heißen Sie herzlich willkommen. Die Straße ist die Tribüne des
Volkes. Überall dort, wo es von den anderen Tribünen ausgeschlossen
wird. Hier findet keine Manifestation statt, sondern eine sozialistische
Massendemonstration.“ So eröffnete Marion van de Kamp die
größte Demonstration des Herbst 1989 in der DDR. Kaum waren diese Worte
verhallt, setzte ein riesiger Applaus ein.
Heute sagen die Apologeten des Kapitalismus, dass es 1989/1990 für die
Entwicklung der DDR keinen anderen Weg mehr gab, als die
Wiedervereinigung mit der BRD und die Einführung der Marktwirtschaft in
Ostdeutschland.
Doch der Verlauf der Geschichte ist nicht festgeschrieben. Karl Marx
schrieb: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen
sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbst gewählten, sondern
unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“
(In: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1852)
Die Bewegung begann pro-sozialistisch
Im Herbst 1989 gab es die Möglichkeit eines anderen Weges. Eines Weges
jenseits von Stalinismus und der Wiedereinführung des Kapitalismus.
Dass das kein Wunschdenken von uns Sozialisten ist, sondern dass es
dafür vor zwanzig Jahren viele Ansätze gab, zeigt ein Blick in damalige
Erklärungen .
Die zu diesem Zeitpunkt größte und prominenteste Oppositionsgruppe,
Neues Forum, gab am 1. Oktober 1989 eine Erklärung mit folgendem Inhalt
ab: „Für uns ist die ‚Wiedervereinigung‘ kein Thema, da wir von der
Zweistaatlichkeit Deutschlands ausgehen und kein kapitalistisches
Gesellschaftssystem anstreben.“ Einer ihrer führenden Köpfe,
der Professor Jens Reich, äußerte in einem Interview mit der
westdeutschen Frankfurter Rundschau am 15.11.1989, “ dass die
Mehrzahl unserer Anhänger gegen eine kapitalistische Gesellschaft ist.
Sie hätten lieber einen Wiederaufbau, eine Reform des Sozialismus, so
dass er für die Mehrheit der Bevölkerung akzeptabel ist“.
Und selbst die rechtere Oppositionsgruppe „Demokratischer Aufbruch -
DA“, die sich später der CDU anschloss, verlautbarte am 2. Oktober,
jetzt würden „Reform und Erneuerung des sozialistischen Systems
in der DDR unvermeidlich.“
Auch Westberlins damaliger Regierender Bürgermeister Walter Momper (SPD)
erkannte die zu diesem Zeitpunkt vorherrschende Stimmung der
Massenbewegung in der DDR: „Die Demokratiebewegung in der DDR hat
ihre Freiheit nicht durchgesetzt, um unter das Patronat eines
gesamtdeutschen Staates gestellt zu werden. Die kritischen und
oppositionellen Gruppen wollen vielmehr soziale Demokratie und den
dritten Weg eines demokratischen Sozialismus.“
Mit keinem Wort und auf keinem Transparent wurden bei den Leipziger
Montagsdemonstrationen im Oktober und der Berliner Massenkundgebung am
4. November 1989 die Abkehr vom sozialistischen Ideal und der Anschluss
an die BRD verlangt.
Die Ausgangslage
Der russische Revolutionär und Stalingegner, Leo Trotzki fragte in
seiner Analyse über den Aufstieg und (Macht-)Mechanismus des
Stalinismus: „Wird der Beamte den Arbeiterstaat auffressen, oder der
Arbeiter den Beamten bezwingen?“ (Trotzki, Verratene
Revolution, 1936).
Ende der 1980er zeigte sich im ganzen Ostblock, dass die stalinistische
Bürokratie mit ihrer totalen Kontrolle über die Gesellschaft die
geplante Wirtschaft zerfressen hatte. Die Produktion stagnierte,
ökonomische, soziale und ökologische Probleme nahmen zu. Im Herbst 1989
brach sich dann der Unmut in der DDR bahn. Sobald aber die Massen auf
die Straßen gingen, hing die stalinistische SED-Bürokratie buchstäblich
in der Luft. Denn im Unterschied zu den Unternehmern im Kapitalismus,
die materielle und gesellschaftliche Wurzeln in Form ihres Besitzes an
Kapital, Betrieben, Grund und Boden haben, hatten die stalinistischen
Funktionäre ihre Macht nur Kraft ihres Partei- und Staatsamtes und auch
das nur, solange die Massen still hielten.
In dem Moment aber, wo diese in fast jeder Stadt auf die Straße gingen
und demokratische Rechte, wie Meinungs- und Reisefreiheit, demokratische
Mitsprache, „Privilegien für alle!“ (Transparent
Demo, 4. November) und ein Ende von Korruption forderten, wurde die
ganze Erbärmlichkeit der Stalinisten sichtbar.
Ein Stasi-Offizier gab am Beispiel Leipzig später zu Protokoll: „Am
9. Oktober überstieg ja erstmals die Zahl der Demonstranten alles, was
man erwartet hatte. Selbst das, was wir nach den Berliner Ereignissen [gemeint
sind die Demonstrationen am 7. Oktober, R.H.] im Ministerium für
Staatssicherheit erwartet hatten, wurde auf eine eindrucksvolle, für uns
damals beängstigende Art und Weise übertroffen. Noch nie sah man in der
DDR so viele Menschen mit einer so eindeutigen Ausrichtung gegen das
Herrschaftssystem.“
Räte, Gewerkschaften, Bürgerkomitees
Nachdem die Massen spürten, dass „die Fenster aufgestoßen
[wurden] nach all den Jahren der Stagnation, der geistigen,
wirtschaftlichen, politischen, den Jahren von Dumpfheit und Mief, von
Phrasengedresch und bürokratischer Willkür“ (Stefan
Heym Rede. 4. November 89), fingen sie an Initiative zu ergreifen.
Unzählige ‚Initiativen zur Initiative zur Gründung einer Initiative‘
entstanden.
Wie Pilze nach dem Regen bildeten sich nicht nur die Oppositionsgruppen,
sondern auch in den Betrieben entstanden unabhängige Initiativen. Im
Rostocker Klinikum bildete sich beispielsweise ein „Klinikrat“, wo sich
Ärzte, Schwestern und Pfleger zusammenschlossen, weil sie „ein[en]
Vertrauensverlust der Mitarbeiter zur Betriebs-, Gewerkschafts- und
Parteileitung“ festsstellten (Erklärung Oktober 89) Ähnliche
Entwicklungen gab es in vielen Betrieben und Einrichtungen. Vielerorts
gab es Initiativen zur Gründung von Betriebsräten (die sich eher an dem
west-deutschen Betriebsräte- und Mitbestimmungsmodell orientierten).
Doch auch unabhängige Gewerkschaften entstanden, so zum Beispiel südlich
von Berlin, beim LKW-Hersteller „IFA“ und den angrenzenden
Zulieferbetrieben.
Am weitesten jedoch gingen die Prozesse von unabhängiger Organisierung
von ArbeiterInnen im Tierpark Berlin und bei Bergmann-Borsig in
Berlin-Pankow, in einigen Leipziger Großbetrieben und im Rostocker
Klinikum. Dort entstanden Ansätze zu „Arbeiterräten“, die in Richtung
demokratische Kontrolle über den Betrieb gingen. Ebenso versuchten
Berliner Auszubildende in ihren Betrieben „Lehrlingsräte“ zu gründen und
diese auch stadtweit als „Lehrlingsrat“ von Berlin zu vernetzen.
Aber nicht nur in den Betrieben wurden die Leute aktiv. Schüler und
Studierende gründeten ebenfalls Rätestrukturen. Über diese Strukturen
erkämpften die SchülerInnen zum Beispiel, dass der Samstag in der DDR
schulfrei wurde und noch heute heißt die studentische Vertretung an den
Universitäten von Rostock und Leipzig StudentenRat.
Selbst bei Teilen der Staatsorgane bildeten sich unabhängige Komitees
und Interessenvertretungen. Zum Beispiel wurden beim
Stasi-Elite-Regimet, „F. Dziershinsky“ von Berlin, im Oktober 89 die
stalinistischen „Hardliner“-Offiziere für abgesetzt erklärt und eine
Vertretung aus der Mannschaft gewählt. Im Januar 1990 wurde ein
DDR-weiter Soldatenrat gebildet.
Neben diesen unmittelbaren Komitees und Initiativen bildeten sich in
vielen Städten unzählige Bürgerkomitees (zur Aufdeckung von Korruption,
Machtmissbrauch, gegen die Staasi etc.). Und schließlich entstanden in
vielen Städten sogenannte Ortsräte, wo sich EinwohnerInnen zusammen
taten, um lokale Entscheidungen mit zu gestalten.
Fast alle Zutaten für einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ waren
vorhanden. Es ging um die unmittelbare Entstalinisierung und
Demokratisierung der DDR-Gesellschaft und die Beibehaltung der
„volkseigenen“ Betriebe.
Diese Haltung ist mit ein Grund, warum im Herbst/Winter 89/90 kaum
gestreikt wurde. Die Belegschaften wollten „ihre“ Betriebe und „ihre“
Wirtschaft als Ganzes nicht noch mehr schädigen. Es ging nicht um die
Einführung von Privateigentum an Produktionsmitteln, Marktkonkurrenz und
Profitmaximierung – das war nicht Teil der von den Volksmassen, den
Initiativen und Oppositionsgruppen geäußerten Wünsche und Forderungen.
Die Massen betraten die Bühne der Geschichte, brachen ihr Schweigen und
fingen an, erste Initiativen der Selbstorganisation zu entwickeln. Die
Herrschenden geraten in die Defensive und wankten - doch wer hätte sie
stürzen können? Und wie hätte eine eine neue, nicht-stalinistische
Gesellschaft aussehen sollen?
Trotzkis Programm der „politischen Revolution“
In „Verratene Revolution“, seinem sehr lesenswerten Buch über den
Stalinismus, skizziert Leo Trotzki einen Sturz der stalinistischen
Machtclique folgendermaßen: „Bei energischem Druck der
Volksmassen und in diesem Fall unvermeidlicher Zersetzung des
Regierungsapparats kann der Widerstand der Herrschenden sich als viel
schwächer erweisen, als es heute scheinen möchte. Aber hierüber sind nur
Vermutungen möglich. Jedenfalls ist die Bürokratie nur durch eine
revolutionäre Kraft zu entheben, was wie immer um so weniger Opfer
kosten wird, je kühner und entschiedener der Angriff sein wird. (...)
Die Revolution, die die Bürokratie gegen sich selbst vorbereitet,
wird nicht wie die Oktoberrevolution von 1917 eine soziale sein. Diesmal
gilt es nicht, die ökonomischen Grundlagen der Gesellschaft zu ändern
und die bestehenden Eigentumsformen durch andere zu ersetzen. Die
Geschichte hat in der Vergangenheit nicht bloß soziale Revolutionen
aufzuweisen, die das Feudalregime durch das bürgerliche ersetzten,
sondern auch politische, die, ohne die ökonomischen Grundlagen der
Gesellschaft anzutasten, die alte herrschende Spitze hinwegfegten (1830
und 1848 in Frankreich, Februar 1917 in Russland u.a.). Der Sturz der
bonapartistischen Kaste wird selbstverständlich tiefe soziale Folgen
haben, aber an sich wird er im Rahmen eines politischen Umsturzes
bleiben. (...)
Es handelt sich nicht darum, eine herrschende Clique durch eine
andere zu ersetzen, sondern darum, die Methoden zu ändern, nach denen
Wirtschaft und Kultur geleitet werden. Das bürokratische
Selbstherrschertum muss der Sowjetdemokratie Platz machen.
Wiederherstellung des Rechts auf Kritik und einer wirklichen
Wahlfreiheit ist notwendige Vorbedingung für die weitere Entwicklung des
Landes. Das setzt voraus, dass den Sowjetparteien, angefangen mit der
Partei der Bolschewiki. die Freiheit wiedergegeben wird und die
Gewerkschaften wiederauferstehen. Auf die Wirtschaft übertragen bedeutet
die Demokratie gründliche Revision der Pläne im Interesse der
Werktätigen. Freie Diskussion der Wirtschaftsprobleme wird die Unkosten
der bürokratischen Fehler und Zickzacks senken. Die teuren Spielzeuge –
Sowjetpaläste, neue Theater, protzige Untergrundbahnen – werden
zurücktreten zugunsten von Arbeiterwohnungen. Die „bürgerlichen
Verteilungsnormen“ werden auf das unbedingt Notwendige zurückgeführt
werden, um in dem Maße, wie der gesellschaftliche Reichtum wächst,
sozialistischer Gleichheit Platz zu machen. Die Titel werden sofort
abgeschafft, der Ordensplunder wird in den Schmelztiegel wandern. Die
Jugend wird frei atmen, kritisieren, sich irren und reifen dürfen.
Schließlich wird die Außenpolitik zu den Traditionen des revolutionären
Internationalismus zurückkehren.“
Ein revolutionäres Programm für die DDR
Die Stoßrichtung der Massenbewegung ging genau in die von Trotzki
skizzierte Richtung. Privilegien und Korruption wurden angeprangert, die
Allmacht der herrschenden SED-Bürokratie wurde in Frage gestellt und
demokratische Diskussionen über Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft
wurden eingefordert. Gleichzeitig gab es Ansätze zur Selbstorganisation
der ArbeiterInnen.
Die Aufgabe einer linken und sozialistischen Opposition wäre also
gewesen, eine Vorgehensweise zu entwickeln, wie die ArbeiterInnen und
die Bevölkerung die stalinistischen Parteifunktionäre im Betrieb, in der
Stadt, in der Kultur und in der Regierung absetzen kann – ohne dass das
dazu führt, dass einfach eine neue Clique sich in die Amtssessel setzt.
Dazu wären ein Programm, eine Strategie und eine revolutionäre Führung
für die Bewegung nötig gewesen.
Kriterien für sozialistische Demokratie
Das obige Trotzki-Zitat skizziert einige wichtige Aspekte eines
Programms zur Durchsetzung einer sozialistischen Demokratie. In
Anlehnung an die Prinzipien der Pariser Kommune von 1871 sind die
jederzeitige Wähl- und Abwählbarkeit aller Staatsfunktionäre und die
Begrenzung der Löhne und Gehälter für solche auf ein durchschnittliches
Arbeitereinkommen die zentralen Eckpunkte für eine sozialistische
Demokratie bzw. einen demokratischen Arbeiterstaat. Die Rotation von
Ämtern und die Ersetzung von Armee und Polizei durch demokratisch
gewählte und kontrollierte Milizen sind zwei weitere wichtige Eckpunkte.
In diesem Rahmen hätten sich Freiheit der Kritik und Meinungsäußerung,
Pressefreiheit, Abschaffung aller Privilegien, Auflösung der Stasi und
anderer staatlicher Unterdrückungsorgane entwickeln können.
Ebenso hätten demokratisch gewählte Untersuchungskommissionen aus der
arbeitenden Bevölkerung zur Aufklärung von Korruption, Machtmissbrauch
und Verbrechen der stalinistischen Periode eingefordert werden müssen.
In einer sozialistischen Demokratie hätte ein demokratisch gewähltes
Justizwesen über diese Fälle urteilen können.
Angesichts der in der DDR nur auf dem Papier existierenden Existenz
unterschiedlicher Parteien und freier Gewerkschaften, hätte die
Forderung nach Koalitionsfreiheit, also der freien Organisierung von
Parteien, Gewerkschaften und anderen Organisationen – mit Ausnahme von
faschistischen Organisationen und anderen, die die sozialistische
Demokratie mit Waffengewalt stürzen wollen – ebenfalls eine wichtige
Rolle gespielt.
Die Durchsetzung eines solchen Programms stand im diametralen Gegensatz
zu den Interessen aller Teile der SED-Bürokratie. Eine solch völliger
Machtverlust und vollständige Demokratisierung der Gesellschaft
einschließlich des kompletten Verlusts aller materieller Privilegien war
auch für die sogenannten „Reformer“ um Modrow in der SED eine Bedrohung.
Ein solches Programm konnte sich nicht in der SED entwickeln und hätte
auch nicht mit der SED (bzw. der im Dezember 89 umbenannten
„reformierten“ SED-PDS) umgesetzt werden können. Es wäre also nötig
gewesen, dazu aufzurufen, dass die verschiedenen Initiativen, Räte,
Komitees, Gewerkschaftsansätze und die Oppositionsgruppen sich DDR-weit
vernetzen und demokratisch die Kontrolle und Leitung in den Betrieben,
Einrichtungen, Städten und schließlich die Gesamt-Regierung übernehmen.
Der Autor dieser Zeilen, schrieb damals in der marxistischen
Oppositionszeitung „Was tun!“, dass zum Beispiel die Arbeiter in den
Betrieben, Betriebsversammlungen einfordern sollten, wo dann der
SED-Parteisekretär sowie der von der SED eingesetzte Betriebsleiter vor
der Belegschaft offen legen sollte, wo die Investitionen hingegangen
sind, wie der Stand der Produktion aussieht.. Der Sinn dieses Aufrufs an
die Beschäftigten war auch, die Unfähigkeit der meisten Betriebschefs
offen zulegen und so den KollegInnen die Notwendigkeit, dass sie aus
ihrer Mitte eine Leitung des Betriebes wählen müssen, darzulegen. Wir
argumentierten damals außerdem, dass die KollegInnen, Kontakt zu den
Zulieferbetrieben, bzw. anderen Betriebsteilen im Kombinat aufnehmen
sollten.
Ausgehend von einer Koordination der ArbeiterInnen schlugen wir die
Erstellung von „Mängellisten“ vor. Darin sollte festgehalten werden, was
alles für eine sinnvolle und reibungslose Produktion nötig ist – und was
durch die stalinistische Desorganisation alles unsinnig geplant wurde.
Mit solchen „Mängellisten“ in den Betrieben wäre auch eine
„Neuausrichtung des Planes“ möglich gewesen. Das ist ein Beispiel dafür
die Frage der vollständigen Veränderung der Machtverhältnisse konkret in
den Alltagserfahrungen und -auseinandersetzungen der Arbeiterklasse
aufzuwerfen.
Doch leider sah die überwiegende Mehrheit der DDR-Opposition diesen Weg
nicht und da viele eher aus Intellektuellen- oder Künstlerkreisen kamen
und keine Orientierung auf die Arbeiterklasse hatten, fehlte ihnen
oftmals der Zugang zur Arbeiterklasse. So sahen sie ihre Rolle eher
darin Druck auf die weiterhin herrschende stalinistische SED zu machen.
Selbst die am weitesten links stehende „Vereinigte Linke“, die sich
teilweise auf Trotzkis Programm der politischen Revolution berief, rief
zwar zu einer Vernetzung der verschiedenen betrieblichen Initiativen
auf, aber gleichzeitig stützten sie die – durch den Druck der Massen –
gewendete Modrow-Regierung von links.
Viele Elemente eines solchen Programms einer politischen Revolution für
eine sozialistische Rätedemokratie waren in den Forderungen der
DemonstrantInnen und verschiedenen Oppositionsgruppen zu finden. Aber
niemand hat es zu einem in sich geschlossenen Programm ausgearbeitet und
eine strategische Vorstellung für seine Durchsetzung entwickelt.
Wirklich niemand? In verschiedenen trotzkistischen Gruppen gab es
Überlegungen dieser Art. Das Komitee für eine Arbeiterinternationale und
seine im Herbst 1989 in der DDR gegründete Gruppe ‚Marxisten für
Rätedemokratie‘ machte entsprechende Vorschläge. Doch zu einer
materiellen Kraft konnten diese Ideen nicht werden, weil die Kräfte des
Trotzkismus zu schwach, isoliert und ohne eine Verankerung in der
Oppositionsbewegung und der Arbeiterklasse waren. Zur Durchsetzung eines
solchen Programms und einer solchen Strategie hätte es aber einer
revolutionären, trotzkistischen Organisation bedurft, die zumindest in
den wichtigsten Betrieben und Bewegungen eine starke Verankerung und ein
effektives Netz von AktivistInnen hätte aufgebaut haben müssen. Nur mit
einem solchen organisierten Netz von AktivistInnen hätte ein Programm
der politischen Revolution gezielt in die revolutionäre Massenbewegung
getragen werden können und an verschiedenen Orten die nötigen
praktischen Schritte der Bildung von Räten und derenDazu wären ein
Programm, eine Strategie und eine revolutionäre Führung für die Bewegung
nötig gewesen. Vernetzung ergriffen werden können. Eine solche
Organisation, ein solches Netz, existierte nicht und konnte in der Hitze
der Ereignisse ab Oktober 1989 auch nicht aufgebaut werden. Das bedeutet
aber nicht, dass die Geschichte des Herbstes ‚89 in der DDR nicht hätte
anders verlaufen können.
Die Opposition hatte allerdings weder konkrete Konzepte noch wirklich
charismatische Persönlichkeiten, die sie hätten vermitteln können.
Stefan Heym resümiert das Dilemma folgendermaßen: „(...)
die Revolution wurde von Leuten ohne Konzeption gemacht, von
Dilettanten. Im Grunde hätte es in dieser Situation eines neuen Lenin
bedurft, wobei ich allerdings nicht unbedingt an den Lenin der
politischen Theorien denke, sondern an den Mann, der eine politische
Konzeption besaß, die er klar zu formulieren wusste. Dann wäre die
Geschichte anders verlaufen. Wir dagegen hatten niemanden - niemanden
jedenfalls von diesem Schlag. Einen de Maizière hatten wir, der auch
noch unter Druck stand, und einen Krause ... Gott helfe uns! Damit ist
die DDR dann wirklich zu Pott gegangen.“
Wenn statt der Bärbel Bohleys des Neuen Forums ein Kern ausgebildeter,
organisierter und in der Arbeiterklasse verankerter MarxistInnen an der
Spitze der Oppositionsbewegung gestanden hätte, hätten de Maizière und
Krause möglicherweise niemals die DDR an den kapitalistischen Westen
ausverkaufen können. Dann sähe die Welt heute vielleicht anders aus.
Denn eine erfolgreiche anti-stalinistische und tatsächlich
sozialistische Revolution in der DDR hätte eine Kettenreaktion in
Richtung der anderen stalinistischen Staaten ausgelöst und aus dem
Generalstreik in der Tschechoslowakei oder dem Aufstand in Rumänien
hätte sich die Grundlage für eine internationale sozialistische
Entwicklung ergeben.
René Henze ist Mitglied des Bundesvorstands der SAV. Im Herbst 1989
war er ein Aktivist der sozialistischen Opposition gegen das SED-Regime
und Mitbegründer des Revolutionär Autonomen Jugendverbandes (RAJV) in
Berlin. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern der ersten Gruppe des
Komitees für eine Arbeiterinternationale in der DDR. Heute lebt er in
Rostock.
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