Der Zusammenbruch des Stalinismus und seine Folgen
[Druckversion] Thema: sozialismus.info, Magazin der SAV, Nr. 9, Geschichte, DDR 1989, veröffentlicht: 04.11.2009
20 Jahre danach
Das Jahr 1989 war ein Wendepunkt der Geschichte. Die Spaltung der Welt
in zwei antagonistische soziale Systeme – Kapitalismus (auf
Privateigentum an Produktionsmitteln, Konkurrenz und Profitproduktion
basierende Gesellschaft) und Stalinismus (auf Staatseigentum an
Produktionsmitteln, staatlichem Außenhandelsmonopol, bürokratisch
gelenkter wirtschaftlicher Planung basierende Gesellschaft)– wurde durch
den Zusammenbruch der stalinistischen Regimes in der Sowjetunion und
Osteuropa aufgehoben und der Kapitalismus war in der Lage den Teil der
Welt, den er 1917 und nach dem Zweiten Weltkrieg verloren hatte, sich
wieder einzuverleiben.
von Sascha Stanicic
Damit bestätigte sich die historische Alternative, die der russische
Revolutionär und Kämpfer gegen die Stalinisierung der Sowjetunion Leo
Trotzki, in den dreißiger Jahren auf warf: entweder würde die parasitäre
herrschende Clique privilegierter Parteibürokraten in der UdSSR durch
eine politische Revolution der Arbeiterklasse gestürzt und eine
sozialistische Demokratie errichtet oder der Kapitalismus würde wieder
eingeführt werden. Der Stalinismus war nur eine Übergangsgesellschaft,
keine notwendige neue Stufe der Entwicklungsgeschichte der Menschheit.
Beide von Trotzki aufgezeigten Entwicklungsvarianten bestätigten sich,
denn die Ereignisse des Jahres 1989 (wie schon andere Ereignisse wie der
Arbeiteraufstand in Ungarn 1956 oder die Massenstreikbewegung um die
Gründung von Solidarnosc in Polen 1980/81) enthielten starke Elemente
der politischen Revolution und entwickelten sich dann in Richtung
kapitalistischer Konterrevolution.
Diese Konterrevolution hatte weitreichende Folgen für die Entwicklung
der Welt in den letzten zwanzig Jahren und für die Lage der
Arbeiterklasse und der Arbeiterbewegung weltweit. Stalinismus war kein
Sozialismus. Aber die Existenz der stalinistischen,
nicht-kapitalistischen Staaten brachte zum Ausdruck, dass ein anderes
System als der Kapitalismus möglich war. Die enormen wirtschaftlichen
Fortschritte, die in der Sowjetunion und anderen Staaten ihres Modells
bis in die siebziger Jahre hinein erreicht wurden, waren vor allem für
die unterdrückten und verarmten Massen auf der Südhalbkugel von großer
Anziehungskraft. In vielen Ländern Afrikas und des Nahen Ostens gab es
Kommunistische Parteien mit Hunderttausenden und Millionen Anhängern,
wie im Sudan oder dem Irak. Die stalinistischen Kommunistischen Parteien
waren in vielen Ländern ein wichtiger Teil der organisierten
Arbeiterbewegung. Gleichzeitig war der Stalinismus und die KPen ein
enormes Hindernis für den Aufbau authentischer marxistischer Parteien
und für die sozialistische Veränderung der Welt. Aus zwei Gründen:
erstens weil ein großer Teil der Arbeiterklasse, vor allem in den
imperialistischen Metropolen, von den gesellschaftlichen Verhältnissen
in der Sowjetunion und Osteuropa abgeschreckt war und sich nicht für
eine Ein-Parteien-Herrschaft und die Abschaffung demokratischer und
gewerkschaftlicher Rechte begeistern konnte. Zweitens weil es nicht im
Interesse der herrschenden Eliten der stalinistischen Staaten war, den
weltweit bestehenden status quo zu verändern. Sie fürchteten weitere
sozialistische Revolutionen geradezu, weil in diesen eine demokratische
Arbeitermacht sich hätte entwickeln können und das wiederum die Massen
in der UdSSR und ihren Satellitenstaaten auf die Idee hätte bringen
können, dass eine staatliche Planwirtschaft gar keine abgehobene
Bürokratie braucht, um zu funktionieren.
Auswirkungen des Zusammenbruchs
Der Zusammenbruch des Stalinismus hatte dementsprechend zwei Wirkungen:
erstens eine Stärkung der Kapitalseite im internationalen
Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit. Zweitens wurde aber auch
ein riesiges Hindernis für die Arbeiterklasse auf dem Weg zum Aufbau
tatsächlich sozialistischer Parteien hinweggefegt.
In den letzten zwanzig Jahren wirkte der erste Punkt jedoch deutlich
stärker. Der Sieg der Kapitalisten über den vermeintlichen Sozialismus
war vor allem ein ideologischer Sieg. Die Idee einer Alternative zum
Kapitalismus war in den Augen der Mehrheit diskreditiert. Die
Bürgerlichen gingen in die ideologische Offensive und propagierten bei
jeder Gelegenheit den freien Markt, das Privateigentum, Flexibilität,
Deregulierung und Globalisierung. Diese Ideen drangen auch wie nie zuvor
in die Arbeiterbewegung ein. Sozialdemokratische Parteien, die bis in
die achtziger Jahre trotz ihrer pro-kapitalistischen Führung über eine
aktive Arbeiterbasis verfügten und zumindest eine gewisse Bremse für die
Angriffe des Kapitals darstellten, verwandelten sich in durch und durch
bürgerliche, pro-kapitalistische Parteien. In vielen Ländern brachen die
Kommunistischen Parteien weitgehend zusammen oder machten eine
qualitativen Rechtsruck in ihrer Politik. Die Gewerkschaftsführungen
übernahmen die neoliberale Logik und predigten Verzicht statt Gegenwehr.
So führte der Zusammenbruch des Stalinismus zu einer allgemeinen
Schwächung der Arbeiterbewegung und ermöglichte den Kapitalisten durch
neoliberale Maßnahmen die Ausbeutung der Arbeiterklasse international zu
intensivieren und ihre Profitraten zu steigern.
Auch das internationale Kräfteverhältnis wurde nachhaltig verändert. Die
Weltlage war über Jahrzehnte von einem relativen Kräftegleichgewicht
zwischen dem stalinistischen und kapitalistischen Block gekennzeichnet.
Die Systemkonkurrenz schweißte die imperialistischen Staaten zusammen
und dämpfte deren Spannungen. Mit dem Wegfall der Systemkonkurrenz haben
auch die Konflikte zwischen den verschiedenen imperialistischen Staaten
zugenommen und eine neue Qualität von militärischen Auseinandersetzungen
und Kriegen hat sich entwickelt. Gerade für das wiedervereinigte
kapitalistische Deutschland bedeutete der Zusammenbruch des Stalinismus
auch die Möglichkeit auf dem internationalen Parkett wieder eine größere
politische und militärische Rolle zu spielen. Nur neun Jahre nach der
Vereinigung von BRD und DDR führte Deutschland wieder Krieg als Teil des
Nato-Angriffs auf Serbien. „Von deutschem Boden darf kein Krieg mehr
ausgehen“ wurde zu „Verteidigung deutscher Interessen am
Hindukusch“.
Kapitalismus nur übrig geblieben
Diese Stärkung des Kapitalismus war aber keine nachhaltige. Der Satz
„der Kapitalismus hat nicht gesiegt, er ist nur übrig geblieben“
bestätigt sich spätestens mit der aktuellen Weltwirtschaftskrise, die
tatsächlich eine weltweite Systemkrise des Kapitalismus ist. Die
Wiedereinführung kapitalistischer Verhältnisse in den ehemaligen
bürokratischen Planwirtschaften hat weder zu einer Stabilisierung des
kapitalistischen Systems noch zu einem Wirtschaftsaufschwung neuer
Qualität oder Dauer geführt, wie er in der Nachkriegsperiode bis zur
ersten weltweiten Rezession 1973-75 stattfand. Tatsächlich ist die Welt
heute instabiler, unsicherer und krisenhafter – der ‚normale‘,
ungebremste Kapitalismus ist wieder zurück.
Die ideologische Verwirrung, die in weiten Teilen der Arbeiterklasse
nach 1989 um sich griff, ist noch nicht gänzlich aufgehoben. Der
Kapitalismus ist zweifellos weltweit in einer Legitimations- und
Vertrauenskrise, antikapitalistisches Bewusstsein wächst und Sozialismus
ist nicht mehr in der selben Art und Weise diskreditiert, wie
unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Aber ein
sozialistisches Bewusstsein hat sich noch nicht auf breiter Front heraus
gebildet, wenn es auch eine wachsende Offenheit für sozialistische Ideen
und einen positiven Bezug bei vielen ArbeiterInnen und Jugendliche zum
Beispiel auf Marx gibt. Doch die Vorstellung einer Alternative zum
bestehenden kapitalistischen System und die Überzeugung, dass eine
solche erreichbar ist, fehlen heute im Denken der Massen. Es bedarf
weiterer Ereignisse und Erfahrungen, vor allem größere Klassenkämpfe und
das bewusste Eingreifen von MarxistInnen mit einem sozialistischen
Programm in solche Kämpfe, um ein massenhaftes sozialistisches
Bewusstsein wieder zu entwickeln. Aber, und das ist eine positive Folge
des Zusammenbruchs des Stalinismus, die erst jetzt und in der Zukunft
wirklich zur Geltung kommen wird: der Weg für die Arbeiterklasse sich
authentische Ideen der sozialistischen Demokratie und des revolutionären
Marxismus anzueignen ist nicht mehr mit den
stalinistisch-reformistischen Karikaturen auf Sozialismus gepflastert
und dementsprechend ‚frei‘.
Es besteht kein Anlass der DDR oder den anderen so genannten
‚realsozialistischen‘ Staaten nach zu trauern. Sie sind untergegangen,
weil sie unfähig waren die Gesellschaft harmonisch weiter zu entwickeln.
Sie sind gescheitert an ihren diktatorisch-bürokratischen Charakter,
daran, dass sie eben nicht sozialistisch waren. Die Auflehnung der
Massen gegen die Parteidiktaturen war gerechtfertigt und barg den Kern
einer sozialistischen Entwicklung in sich, die sich nicht entfalten
konnte, weil es keine starke marxistische Kraft gab, die Programm,
Strategie und Führung anbieten konnte. Und weil viele der vormals
‚kommunistischen‘ Bürokraten schnell das Hemd wechselten und sich zu
‚roten‘ Kapitalisten verwandelten, als sie die Chance dazu sahen. In der
DDR war das wegen der Existenz der westdeutschen Kapitalistenklasse
weniger der Fall, da diese den Osten einfach übernahm (wobei es auch
hier genug ‚Wendehälse‘ gab). Die Wiedereinführung des Kapitalismus in
den vormals stalinistischen Staaten war nicht zwangsläufig. Aber die
Entfremdung der Massen, vor allem der jungen Generation, mit dem, was
sie als Sozialismus präsentiert bekamen zusammen mit dem reichhaltigeren
Warenangebot und den demokratischen Freiheiten in Westeuropa führte zu
massiven Illusionen in den Kapitalismus. Die Verantwortung dafür tragen
aber die Stalinisten. ν
Sascha Stanicic ist Bundessprecher der SAV und verantwortlicher
Redakteur von sozialismus.info. Er lebt in Berlin.
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