Zum Tod Robert Enkes
[Druckversion] Thema: Deutschland: Politik allgemein, Sport, veröffentlicht: 18.11.2009
Millionen trauern weil sie sich mit Enkes Leiden identifizieren können.
Der Tod von Fußballprofi Robert Enke hat jenseits des Kreises der
Fußballfans Betroffenheit und Trauer ausgelöst. Der 32-Jährige Enke litt
an Depressionen, war bei einem Psychiater in Behandlung, lehnte aber
eine stationäre Behandlung ab, da er seine Erkrankung auf jeden Fall aus
der Öffentlichkeit fernhalten wollte. Er fürchtete um seine sportliche
Karriere sowie um das Sorgerecht für seine Adoptivtochter.
von Seán McGinley
Diese Hintergründe, die in den Tagen seit Enkes Tod bekannt geworden
sind, werfen wichtige Fragen zum Thema psychische Erkrankungen und dem
Umgang damit in der Gesellschaft auf. Die Zahl der
Depressionserkrankungen ist in den letzten Jahren in der Bundesrepublik
sprunghaft gestiegen. Die millionenfache Anteilnahme drückt nicht nur
aus, dass Enke ein beliebter und erfolgreicher Spitzensportler war. Sie
spiegelt auch wider, dass viele Menschen selber unter Stresssysmptomen,
Überlastung, Zukunftsangst und psychischen Problemen leiden und ihnen in
dieser Gesellschaft kein Weg aufgezeigt wird, wie sie damit umgehen
können. Dass Politiker und die Führung des Deutschen Fußball-Bundes
massiv an der medialen Inszenierung der Trauerfeierlichkeiten
teilgenommen haben, drückt auch die Sorge aus, eine möglicherweise
entstehende gesellschaftliche Debatte zum diesem Thema nicht unter
Kontrolle halten zu können. Sicher schauen Politiker und Arbeitgeber
sorgenvoll nach Frankreich, wo nach einer Serie von Selbstmorden bei der
französischen Telekom und anderen Firmen, diese als arbeitsbedingte
Suizide anerkannt wurden, Manager gehen mussten und die Regierung sogar
gezwungen war ein Anti-Stress-Gesetzt zu beschließen – weil
Gewerkschaften eine Kampagne zu diesem Problem organisiert hatten.
Es ist deshalb wichtig, dass Enkes Tod zum Anlass genommen wird, um den
Umgang mit Depressionen und psychischen Krankheiten im Allgemeinen,
sowie den Druck und die Erwartungen an Prominente und Leistungssportler
im Besonderen breit zur Diskussion zu stellen .
An SportlerInnen werden Erwartungen gestellt, die man nur als
unmenschlich und unrealistisch bezeichnen kann - der/die SportlerIn hat
stark, selbstbewusst und erfolgreich zu sein und darf keine Schwächen
zeigen. Das gilt insbesondere im Profifußball der Männer, in dem
klassisch-patriarchale Wertvorstellungen dominieren.
Hier wird es bereits als „Schwäche“ verstanden, wenn man sich dazu
bekennt, an einer Depressionserkrankung oder einer anderen psychischen
Erkrankung zu leiden. Das ist letztlich aber nur Ausdruck des in der
Gesellschaft insgesamt existierenden Umgangs mit diesem Thema: wer sich
dazu bekennt, dass er/sie mit Depressionen oder anderen psychischen
Erkrankungen zu kämpfen hat, wird schnell in eine bestimmte Schublade
gesteckt, gilt als "verrückt", "instabil", "unzuverlässig". Was für
"normale" Menschen im Alltag schon ein Riesenproblem ist und viele
Menschen von notwendigen Behandlungen Abstand nehmen lässt, ist für
SpitzensportlerInnen, die von Fans und Medien als "Könige", "Riesen",
"Titane" gefeiert und zu übermenschlichen Superhelden hochstilisiert
werden, noch viel dramatischer.
Der gleiche Leistungsdruck und die Erwartungen in Sachen mentaler und
physischer Stärke verleiten SportlerInnen dazu, auch physische
Verletzungen zu verdrängen und zu verleugnen, sich "fit spritzen" zu
lassen oder einfach "auf die Zähne zu beißen". Wer das tut, wird von
Medien und Fans meist gefeiert und als Vorbild dargestellt. Dies kann
dazu führen, dass gerade ehemalige Fußballprofis nach Ende ihrer
Karriere – meist im relativ jungen Alter um die 40 – schwerwiegende
Beschwerden davon tragen, mit denen sie für den Rest ihres Lebens zu
kämpfen haben.
Im Gespräch mit dem Fußballmagazin „11 Freunde“ berichtet Hans Dorfner,
ehemaliger Nationalspieler und Bundesligaprofi von Bayern München: „Ich
habe mir vor jedem Spiel zwei, drei Aspirin reingehauen und dann lief
es. Zum Schluss hat mein Körper gegen jedes Medikament rebelliert. Ich
hatte richtige Allergieschocks, habe auf alle Lebensmittel und
Medikamente allergisch reagiert. Mein Immunsystem war einfach fertig.
Ich hatte meinem Körper zu viel zugemutet.“
Gerade im Fußball herrschen reaktionäre Vorstellungen von „männlichen
Tugenden“, bestimmte Persönlichkeitsmerkmale gelten als nicht mit der
Person des Fußballers vereinbar. Hierzu gehört neben der
(vermeintlichen!) Schwäche auch die Homosexualität. Das sieht man zum
Beispiel an dem Schicksal von Justin Fashanu, dem bisher einzige
Englischen Fußballprofi, der sich als schwul geoutet hat, und danach von
Trainern, Mannschaftskollegen und gegnerischen Fans diskriminierendes
Verhalten ertragen musste und dessen Leben ebenfalls in einem Selbstmord
endete. Es ist bezeichnend, dass sich in der Bundesliga kein aktueller
Profi als homosexuell outet - angesichts der vorherrschenden Stimmung,
wo "schwul" als allgemeingültiges Schimpfwort zur Herabwürdigung von
gegnerischen Spielern, Fans oder des Schiedsrichters benutzt wird, ist
das aber leider kaum verwunderlich.
Der Fall Deisler
Bezeichnend waren auch die Reaktionen, als sich Nationalspieler
Sebastian Deisler 2003 öffentlich zu seiner Depressionserkrankung
bekannte. Der bayerische Ministerpräsident und damalige
Verwaltungsratschef des FC Bayern München, Edmund Stoiber, äußerte die
Meinung, Deisler sei „dem Druck nicht gewachsen“ und
bezeichnete ihn als „größtes Verlustgeschäft des FC Bayern“.
Franz Beckenbauer bezeichnete Deisler als einen, „der sich mit seinen
Wehwehchen verkriecht.“ Auch von gegnerischen Fans musste sich
Deisler Schmähungen gefallen lassen, die sich auf seine mentale
Verfassung bezogen. 2007 beendete er im Alter von nur 27 Jahren seine
Profikarriere und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Erst kürzlich
hat er in einer Autobiografie von seinen Erfahrungen berichtet und
scharfe Kritik an der herrschenden Verhältnissen im Profifußball geübt,
vor allem in Bezug auf die Art und Weise, wie junge Talente über alle
Maße gelobt und zu Helden erklärt werden, um sie dann ebenso schnell
abstürzen zu lassen, wenn der sportliche Erfolg ausbleibt.
Doch der Fall Deisler führte nicht zu einem Umdenken oder auch nur zu
einer Grundsatzdiskussion bezüglich der psychischen Belastungen von
Fußballern oder des gesellschaftlichen Umgangs mit psychisch erkrankten
Menschen. Der „Focus“ bezeichnete die Autobiografie Deislers zynisch als
„Nabelschau“ eines „Gescheiterten“, verbunden mit dem wenig hilfreichen
Hinweis, dass ja Millionen von Menschen an Depressionen leiden, ohne
dass sich die Öffentlichkeit dafür interessiere und ohne dass sie Bücher
darüber schreiben würden.
Die mediale Inszenierung und entsprechende Vermarktung von Prominenten
aus der Welt des Sports, der Musik oder des „Show-Geschäfts“ dient nicht
zuletzt dazu, der Bevölkerung eine attraktive „Gegenwelt“ zu zeigen um
sie so von den Problemen des eigenen Alltages abzulenken. Die Flut von
„Casting-Shows“ zieht weltweit Millionen junge Menschen an, die die
Hoffnung haben, selbst in diesen Kreis aufzusteigen. Dass die Welt der
„Promis“ auch nur von Menschen bevölkert wird, die ebenfalls Probleme
privater oder gesundheitlicher Art haben und dass die überzogenen
Erwartungen – „Schönheit“, Erfolg, Stärke – sich negativ auf die „Idole“
auswirken können und auch zu tiefen Abstürzen führen können, wird meist
nicht erwähnt. Auch ein Robert Enke, der sicherlich keinen Wert darauf
legte, sich in der Öffentlichkeit als „Star“ zu inszenieren und bei
Fernsehauftritten und Interviews im Gegensatz zu einigen anderen
Profisportlern wie ein intelligenter und sensibler Mensch wirkte, konnte
sich den Erwartungen an seinen „Berufsstand“ nicht entziehen.
Bei Menschen, die im öffentlichen Auge stehen, zeigen sich
gesamtgesellschaftliche Phänomene oft in zugespitzter Form. Auch wenn es
SportlerInnen, MusikerInnen oder SchauspielerInnen sind, deren
Depressionen oder psychische Probleme Gegenstand öffentlicher Diskussion
sind, so sind es doch überwiegend „normale“ Menschen die sich in der
Arbeitswelt, in der Familie, in Schule oder Universität von psychischen
Krankheiten betroffen sind. Vier Millionen Menschen haben in Deutschland
aktuell Depressionserkrankungen, Tendenz steigend. Entscheidend für
diese Entwicklung ist vor allem der wachsende Druck am Arbeitsplatz,
Angst vor Arbeitsplatzverlust, Arbeitsverdichtung und
Individualisierungsprozesse.
Die gesellschaftliche Stigmatisierung von Depressionen und psychischen
Erkrankungen ist vielfältig. Sprüche wie „Jeder hat mal eine
Depri-Phase, das geht schon wieder von alleine“ oder „Dir
geht’s doch zu gut, denk an die vielen Menschen auf der Welt die viel
weniger haben und trotzdem glücklich sind“ zeugen davon,
dass psychischen Krankheiten vielfach nicht als „richtige“ Krankheiten
gesehen werden, die ernst genommen und behandelt werden müssen. Doch
selbst wenn der / die Betroffene sich in der Lage fühlt, sich zu der
Krankheit zu bekennen und sich behandeln zu lassen, können sich
herrschende Vorurteile als unüberwindbare Hürden erweisen. Die
Möglichkeit, das jemand eine Krankheit hat, sich behandeln lässt und
danach wieder gesund ist, wird bei psychischen Erkrankungen kaum
akzeptiert. Niemand würde auf die Idee kommen, einen Menschen - auch
keinen Spitzensportler - dauerhaft abzustempeln, weil er sich mal ein
Bein gebrochen oder sich eine ansteckende Krankheit eingefangen hat.
Depression und Pharmaindustrie
Es ist allerdings von entscheidender Bedeutung, von welchem Standpunkt
aus gegen diese Vorurteile gekämpft wird. Auch wenn in der Welt des
Sports im Allgemeinen sowie im Männerfußball im Besonderen wenig
Akzeptanz für Depressionen und psychische Erkrankungen herrscht, stellen
Experten fest, dass in der Gesellschaft als Ganzes Vorurteile zwar noch
existieren und ein Problem darstellen, dass sie aber abnehmen. Diese
vordergründig positive Entwicklung hat einen hässlichen Haken, denn die
zunehmende Akzeptanz von Depressionserkrankungen geht oftmals einher mit
einer Ausklammerung der gesellschaftlichen Ursachen für psychische
Erkrankungen. Die "Pathologisierung" des Phänomens Depression bedeutet
zum einen, dass die Ursachen zu sehr im Individuum und seiner
Veranlagung gesucht werden und gleichzeitig der Eindruck erweckt wird,
dass die Krankheit medikamentös behandelt werden kann, wie andere
Krankheiten auch. Darüber wiederum freut sich die Pharmaindustrie, die
einen neuen riesigen Markt für Antidepressiva erschließt.
Das drückt auch Tom Bschor, Chefarzt der Abteilung Psychiatrie und
Psychotherapie am Jüdischen Krankenhaus in Berlin, am 12. November im
Gespräch mit der „Welt“ aus. Er warnte vor einer „Trivialisierung“ der
Depression und davor, dass Menschen, die lediglich vorübergehend
niedergeschlagen sind, zu Antidepressiva greifen beziehungsweise diese
verschrieben bekommen. "In den letzten zehn Jahren gab es eine
Verdreifachung der Tagesdosen von Antidepressiva“, so Bschor,
der mit zunehmender Sorge die steigende Anzahl von Suchtkranken
verfolgt, die von Antidepressiva abhängig geworden sind.
Die Interessen der PatientInnen, die Notwendigkeit eines ernsthaften
Umgangs mit dem Thema Depression und psychische Erkrankung jenseits von
Klischees, Vorurteilen und Hysterie sowie der verantwortungsvolle Umgang
mit Medikamenten, die vielen PatientInnen helfen können aber eben nicht
allen, werden hier durch die Profitinteressen der Pharmaindustrie
blockiert. Traurig, aber dennoch aufschlussreich sind hier die Worte von
Bruno Müller-Oerlinghausen, Pharmakologe und Experte für Antidepressiva,
im gleichen Artikel in der „Welt“ von 12. November: „Wirksame
Stoffe wie Lithium, deren Wirksamkeit vor Suiziden eindeutig belegt ist,
werden - da mit ihnen kein Gewinn zu machen ist - nicht weiterentwickelt“.
Da die medizinische Wirkungen von Lithium schon lange bekannt sind, sind
die entsprechenden Patente bereits abgelaufen. Obwohl es Hinweise gibt,
dass Lithium auch bei der Alzheimer-Behandlung von Nutzen sein kann,
verlegt die Pharmaindustrie lieber ihre Forschungsschwerpunkte auf
lukrativere Bereiche, in denen größere Profite winken.
|