Die „Große Rezession“: Arbeiterklasse soll zahlen
[Druckversion] Thema: Wirtschaft, Deutschland: Politik allgemein, veröffentlicht: 11.12.2009
Neue Dimension der Krise erfordert neue Dimension des Widerstands
„Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen? Einerseits durch die
erzwungene Vernichtung einer Masse von Produktivkräften; anderseits
durch die Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung alter
Märkte. Wodurch also? Dadurch, daß sie allseitigere und gewaltigere
Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert.“
Marx/Engels, Kommunistisches Manifest
von Georg Kümmel, Köln
In allen großen Wirtschaftsräumen ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP)
zuletzt wieder gestiegen.
Im 3. Quartal 2009 wuchs die Wirtschaft gegenüber dem Vorquartal in den
USA um 3,5 Prozent, in Euroraum um 0,4 Prozent, in Deutschland um 0,7
Prozent. Wohlgemerkt, das ist der Anstieg gegenüber dem Vorquartal,
nicht gegenüber dem Vorjahr. Auf Jahresbasis gerechnet bleibt die
Wirtschaftsentwicklung im Minus. In Deutschland lag das BIP im 3.
Quartal um 4,8 Prozent unter dem entsprechenden Ergebnis vor einem Jahr.
Ob die jüngste Zunahme gegenüber dem Vorquartal eine Trendwende oder nur
ein Strohfeuer ist, kann niemand sagen. Fest steht aber, dass das was
von Wirtschaftsexperten gerne als "Bodenbildung" beschrieben wird, auf
Pump gekauft wurde.
Aufschwung auf Pump
Vernichtung von Produktivkräften, (Abbau von Überkapazitäten), Eroberung
neuer Märkte, intensivere Ausbeutung bestehender Märkte - diese
Maßnahmen wurden von Marx und Engels als die klassischen Mittel
beschrieben, um aus der Krise zu kommen. Es bestehen aber nach wie vor
gewaltige Überkapazitäten, z.B. in der Autoindustrie. Neue Märkte sind
schwer zu finden, da praktisch die gesamte Welt heute kapitalistisch
ist. Gleichzeitig bleibt das Dilemma der Kapitalisten bestehen: um die
Krise zu überwinden müssen sie größere vorbereiten.
Anders als vor 150 Jahren ist heute der Kredit, die Staatsverschuldung,
zum Hauptmittel geworden um die Krise zu überwinden. Die
Konjunkturprogramme wurden bzw. werden durch eine dramatisch wachsende
Staatsverschuldung finanziert. In Deutschland summierten sich die
Staatsschulden im Jahr 2008 auf etwas über 1500 Milliarden Euro, das
entsprach 63 Prozent des BIP.
Für 2009 erwartet die Bundesbank einen Anstieg auf 72 Prozent. Bis 2011
wird eine weiteres Anwachsen des Schuldenberges auf ca. 80 Prozent des
BIP angenommen.
Nur durch die Aufnahme neuer Schulden war es möglich, den Banken ihre
faulen Kredite abzunehmen, Konjunkturprogramme wie die Abwrackprämie zu
finanzieren, Löcher in den Sozialversicherungskassen zu stopfen und
gleichzeitig sinkende Steuereinnahmen auszugleichen. Demnächst will man
obendrein neue Steuergeschenke für die Wirtschaft und Reiche auf Kredit
finanzieren.
Diese Schulden müssen aber mit Zinsen zurückgezahlt werden. Der Staat
leiht sich das Geld derzeit bei denen, die viel Geld haben: sogenannte
institutionelle Anleger und reiche Privatpersonen. Für Zins und Tilgung
wird dann die breite Masse der Bevölkerung zur Kasse gebeten, über
Erhöhung von Massenverbrauchssteuer und über Kürzungen bei den
öffentlichen Ausgaben.
Schon daraus ergibt sich, dass die Folgen der Krise nur verschoben
wurden und später mit Zins und Zinseszins von Beschäftigten,
Erwerbslosen, RentnerInnen bezahlt werden sollen. Die Schulden von heute
sind die Kürzungen von morgen.
Neben der Staatsverschuldung war und ist die Ausweitung der Geldmenge
durch die Europäische Zentralbank (EZB) ein wichtiges Mittel, um die
Krise zunächst einmal zu überwinden. Mehrfach konnten sich die Banken
für die Dauer von einem Jahr Geld in praktisch unbegrenzter Höhe bei der
EZB leihen. Den Leitzins senkte die EZB auf das Rekordtief von nur noch
einem Prozent.
Das hatte eine enorme Ausdehnung der Geldbasis zur Folge. (Geldbasis:
Geldmenge, die von der Zentralbank in Umlauf gebracht wird). Die
Geldbasis im Euroraum hat sich von seit Mitte 2008 verdoppelt, von unter
600 Milliarden Euro auf über 1100 Milliarden Ende September 2009.
(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.11.2009). Die Banken nehmen
das Geld und investieren es in neue Spekulationsgeschäfte an den
Aktien-, Rohstoff-, Immobilien- und Devisenmärkten. Im Moment führt das
zu Kurssteigerungen an diesen Märkten. Später kann das aber auch einen
steilen Anstieg der Inflation zur Folge haben.
Wer zahlt?
Wir leben in einer Klassengesellschaft. Deshalb stellt sich die Frage:
Wer soll die Krise zahlen? Die Besitzenden oder die Beschäftigten bzw.
Beschäftigungungslosen? Das Ausmaß der Krise wird deutlich, wenn man sie
mit früheren Rückgängen der Wirtschaft vergleicht. In allen Rezessionen
der Nachkriegszeit ist das das BIP der Bundesrepublik in einem Jahr nie
um mehr als 0,9 Prozent geschrumpft. 2009 wird es um fast fünf Prozent
zurückgehen.
Die Kapitalisten haben natürlich nicht vor, ihre Krise selber zu
bezahlen. Andererseits war in ihren Reihen die Befürchtung groß, dass
eine schnelle und harte Kürzungspolitik zu einer dramatischen Vertiefung
der Wirtschaftskrise führen könnte mit unkalkulierbaren politischen
Folgen.
Deshalb wurde und wird zum Mittel der Staatsverschuldung gegriffen.
Aber auch die jetzt schon spürbaren Krisenfolgen sind hart. Rund 600.000
Menschen, die ihren Arbeitsplatz in den letzten 12 Monaten verloren und
keinen neuen Job gefunden haben, sind direkt zu Hartz-IV-Empfängern
geworden.
Die Real-Einkommen der Beschäftigten werden auch 2009 sinken, trotz
Tariferhöhungen und niedriger Inflationsrate. Ursache sind Kurzarbeit,
unbezahlte Arbeitszeitverkürzung und Abbau übertariflicher Leistungen.
Offiziell waren im November 3,2 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet,
227.000 mehr als vor einem Jahr.
Immer noch gibt es mehr als eine Million Kurzarbeiter. Bei einem
Arbeitsausfall von knapp einem Drittel bedeutet dies, dass es ohne
Kurzarbeit rund 320.000 Arbeitslose mehr geben würde.
Zahlreiche Firmen haben für die nächsten Monate Stellenabbau und
Entlassungen angekündigt. Für 2010 wird ein Anstieg der Arbeitslosenzahl
um durchschnittlich 600.000 erwartet, allerdings unter der
Voraussetzung, dass die Wirtschaft wieder um über ein Prozent wächst.
Der sogenannte „sozialverträgliche Stellenabbau“ den viele große
Konzerne planen, bedeutet, dass noch mehr Jugendliche zu
Dauerarbeitslosigkeit oder Billigjobs verurteilt werden
Während auf Bundesebene neue Schulden gemacht und Probleme auf später
verschoben werden, stehen viele Kommunen schon jetzt vor der Pleite.
Welche Auswirkungen das haben kann, zeigt das Beispiel Wuppertal. Die
Stadt hat 1,8 Milliarden Euro Schulden. Jetzt hat der Oberbürgermeister
ein radikales Kürzungspaket vorgelegt. Unter anderem sollen fünf, (von
elf), Schwimmbäder und einige Schulen geschlossen werden. Die Stadt will
das Schauspielhaus aufgeben, die Förderung für Sportvereine und
Sozialinitiativen kürzen und die Kita-Beiträge erhöhen.
Das Jahr 2010 wird noch härter als 2009. Selbst im günstigsten Fall
werden wir mit massiver Arbeitsplatzvernichtung, sinkenden Einkommen,
Gebührenerhöhungen, kommunalen Kürzungen konfrontiert sein. Die
wirtschaftliche Lage kann sich jederzeit wieder zum Schlechteren wenden.
Die Krise hat eine neue Dimension, der Widerstand dagegen muss ebenfalls
eine neue Dimension haben. Radikaler, massenhafter Protest,
einschließlich Streik und Generalstreik, sind nötig, damit wir nicht für
eine Krise zahlen, die wir nicht zu verantworten haben.
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