Wohin entwickelt sich die Weltwirtschaft?
[Druckversion] Thema: Wirtschaft, veröffentlicht: 19.01.2010
Kapitalismus ist in neue Periode der Krise eingetreten
Kommt die schlimmste Nachkriegskrise zu einem Ende? Sind tatsächlich
erste Anzeichen einer Erholung zu sehen, wie viele Politiker uns
weismachen wollen? Die Meinung darüber ist geteilt - einige
Kommentatoren weisen schon auf die nächste Krise hin. Klar ist, dass es
sich um eine Zeit akuter ökonomischer Instabilität handelt. Jegliches
Wachstum wird langsam sein, und die Kosten werden die Regierungen und
Konzerne auf die Schultern der Arbeiterklasse abladen.
von Lynn Walsh, Komitee für eine Arbeiterinternationale (CWI)
Der globale Kapitalismus wurde von der Krise die sich seit 2007
entwickelt hat in seinen Grundfesten erschüttert. Niemand bestreitet,
dass es sich um die schlimmste Krise seit den 30er Jahren handelt. "Der
Abschwung war in seiner Reichweite global", kommentiert die OECD, eine
Gruppe von 30 Industrienationen, "obwohl sein finanzielles Epizentrum im
OECD-Bereich lag. Tatsächlich haben die Verflechtungen von Handel und
Finanzwelt nach dem Einfrieren der Finanzmärkte in der zweiten Hälfte
2008 einen synchronen Kollaps der Handelsaktivitäten ausgelöst." (OECD
Pressemeldung, 24. Juni 2009)
Der Welthandel, der Motor der Globalisierung, ist mit einem Minus von 16
Prozent im Jahr 2009 zusammengebrochen. Die Summe der Verluste im Output
seit Anfang 2008 sind ernst: minus 5,14 Prozent in den europäischen
OECD-Ländern, minus 8,4 Prozent in Japan, minus 3,55 Prozent in den USA,
mit einem OECD-Durchschnitt von minus 4,7 Prozent. In Britannien
betrugen die Verluste insgesamt minus 5,54 Prozent. Die Rezession wird
hier wahrscheinlich sogar noch länger als in den meisten
Industrieländern andauern. Irland und Island mussten insgesamt Verluste
von 9 Prozent hinnehmen, während die Türkei sogar auf ein Minus von
13,92 Prozent kommt. (Quelle: Office for National Statistics, Economic
and Labour Market Review, Oktober 2009) Es gab sogar noch höhere
Verluste in einigen Osteuropäischen Ländern: 18,4 Prozent in Litauen, 16
Prozent in Lettland, 14 Prozent in der Ukraine, 13,2 Prozent in Estland.
Die wirtschaftliche Krise ist auch ein ernster politischer Schlag für
den Kapitalismus, besonders für das Prestige der Industrieländer. "Der
finanzielle und wirtschaftliche Crash, der schlimmste seit 75 Jahren,
ist ein großer geopolitischer Rückschlag für die USA und Europa." (Roger
Altman, Der Große Crash 2008, Foreign Affairs, Januar/Februar 2009)
Die Spitzen des Weltkapitalismus trösten sich, dass sie eine
"Nah-Tod-Erfahrung" überlebt hätten, und nur eine "Große Rezession"
anstatt eine "Große Depression" - einen katastrophalen Crash und eine
lange Periode der Depression - erleben. Ermutigt wurden sie durch ein
erneutes Wachstum in den USA (3,5 Prozent im dritten Quartal) und das
Wiederaufleben des Handels an den Weltbörsen. Ihr Optimismus ist
allerdings verfrüht. Schätzungen der OECD, des IWFs und anderer dass
eine Erholung "langsam und fragil" sein wird, bleiben gültig.
Die Rückkehr zu Wachstum des BIP, das heuer in Europa und Japan sehr
begrenzt sein wird, ist zu einem sehr großen Teil abhängig von
Staatsintervention in Form von Bankenrettungspaketen und
Konjunkturprogrammen. Viele kapitalistische Kommentatoren befürchten,
dass die Weltwirtschaft wieder in die Rezession abrutscht, sobald diese
Programme auslaufen (sofern es keine weiteren Konjunkturpakete gibt) -
und damit eine sogenannte "Double-Dip" Rezession ausgelöst wird.
Unabhängig von der Rückkehr zu positiven Wachstumszahlen, wird die
Arbeitslosigkeit im nächsten Jahr weiterhin scharf ansteigen. Selbst
nach offiziellen Zahlen, die die wahre Situation unterschätzen, wird es
einen Anstieg um mehr als 25 Millionen Arbeitslose gegenüber dem
Tiefpunkt von 2007 geben. Jede noch so kleine Erholung wird außerdem von
der enormen Schuldenlast die auf der Weltwirtschaft liegt
zurückgehalten. Riesige Summen an Verlusten im privaten Sektor, von
Banken und Finanzhäusern, wurden an den Staat transferiert, während das
Geld das von Zentralbanken in Form von Krediten in das System gepumpt
wurde ebenso die Budgetdefizite erhöhen wird. Die Konjunkturprogramme
werden die Staatsschulden ebenso enorm erhöhen, was zukünftiges Wachstum
ebenso schwächen wird. Die "Sprossen" der Erholung, die von vielen
Kapitalisten gepriesen werden, sind in den meisten Fällen, kranke
Pflänzchen, die in trockener Erde wurzeln.
Was können die Konjunkturpakete bewirken?
Massive Staatsintervention hat bis jetzt einen katastrophalen Kollaps
und einen verlängerten Konjunkturrückgang verhindert. Die Spitzen der
Industrieländer haben die historischen Fehler von 1929 vermieden, als
ihre Vorgänger untätig blieben und das System kollabieren ließen.
Diesmal intervenierten sie in noch nie gesehenem Ausmaß. Die UNO
(Situation der Weltwirtschaft und Ausblick 2009) schätzen dass die
Regierungen weltweit 18 Billionen Dollar (oder 30 Prozent des globalen
BIP) eingesetzt haben, um Banken zu retten und das Finanzsystem zu
stützen. Gleichzeitig haben die größten kapitalistischen Länder
Konjunkturpakte im Ausmaß von 2,6 Billionen Dollar (oder 4 Prozent der
globalen Produktion) für 2009-11 umgesetzt. Allerdings kommentiert der
UNO Bericht dass in Wirklichkeit pro Jahr Konjunkturpakete von 2-3
Prozent des globalen BIP nötig wären um den veranschlagten Fall der
globalen Nachfrage auszugleichen.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass im besten Fall die großen
Volkswirtschaften fünf Jahr länger benötigen um die Verluste von
2008/2009 wett zumachen. Die OECD schätzt, dass es ein Anwachsen
struktureller Langzeitarbeitslosigkeit geben und die Kapitalbasis auf
längere Zeit reduziert werden wird - und damit auch die
Outputkapazitäten der großen Länder.
Die Rückkehr zu Wachstum in den USA, der Welt größter Wirtschaft, und zu
gutem Wachstum in China (wahrscheinlich 9 Prozent dieses Jahr) waren die
entscheidenden Faktoren für die begrenzte Erholung der Weltwirtschaft.
Das Wachstum in den USA geht fast zur Gänze auf das Konjunkturprogramm
zurück. Angesichts des anhaltenden Anstiegs der Arbeitslosigkeit und der
sich aufhäufenden Schulden, wird die Wirtschaft wieder in die Rezession
abrutschen, wenn es kein neues Paket gibt. Allerdings betont Obama zur
Zeit die Notwendigkeit das Budgetdefizit zu reduzieren, anstatt auf ein
neues Konjunkturpaket zu drängen. Die Nachfrage der US-Konsumenten für
Industrieprodukte (die mehr als 70 Prozent der US Wirtschaft ausmachen)
ist nach wie vor ein entscheidender Faktor für den Welthandel. Schwaches
oder negatives Wachstum in den USA bedeutet Krise für die großen
Exporteure wie China, Japan oder Deutschland.
Wachstum in China konnte nur aufgrund massiver Staatsintervention auf
hohem Niveau gehalten werden, mit einem 585 Milliarden Dollar Paket von
Investitionen und Krediten. Das spiegelt die wichtige Rolle wieder, die
der Staat in der chinesischen Wirtschaft immer noch spielt, trotz des
jüngsten Wachstums des privaten Sektors. Allerdings konzentriert sich
ein Großteil der Investitionen auf Infrastrukturprojekte, anstatt die
Löhne und den Lebensstandard der Massen anzuheben. Das chinesische
Regime baut immer noch auf ein Revival seiner Exportmärkte USA und
Europa.
Eine neue Blase?
Ein großer Teil des Optimismus unter Investmentbankern und ökonomischen
Kommentatoren über die "Sprossen" der Erholung geht auf das
Wiederaufleben der Aktienmärkte seit März 2009 zurück (diese liegen
wieder 60 Prozent über dem Tiefpunkt, allerdings noch 25 Prozent unter
dem früheren Höchststand). Es gibt besonderen Enthusiasmus unter
Spekulanten für Finanzprodukte (Aktien, Anleihen, an der Börse
gehandelte Waren, Immobilien, etc.) und für Investitionen in sogenannten
"Emerging Markets", also in Ländern wie China, Südostasien, Brasilien
etc.
Der Abschwung war in diesen Ländern nicht so heftig wie in den
entwickelten kapitalistischen Ländern. Aber der Hauptgrund für den
Investmentboom sind die phänomenalen Profite die dort auf der Basis von
billigen Krediten gemacht werden können. Banken, Hedge Fonds und andere
Finanzinstitutionen haben dank der Bankenrettung durch die Regierungen
der USA, Britannien und Europa Unmengen an Geld. Außerdem können sie auf
der Basis von Staatsgarantien Geld zu sehr niedrigen Zinsen ausborgen.
Da sie im allgemeinen noch nicht zum üblichen Level an Kreditvergaben an
Unternehmen zurückgekehrt sind, läuft das Geld in spekulative Aktivität.
Die Geldspritzen der US-Federal Reserve und anderer Zentralbanken hat
ebenso die Liquidität der Finanzhäuser massiv erhöht. Die US-Federal
Reserve hat bis zu 1800 Milliarden an US-Regierungsanleihen, Mortgage
Backed Securities und anderen Formen von besicherten Krediten angekauft,
hauptsächlich durch das Drucken von Geld (statt der Ausgabe von
Staatsanleihen - eine Form von Kreditaufnahme). Das repräsentiert eine
massive Injektion von Liquidität in den Finanzsektor. Angesichts der
relativ niedrigen Zinsen die auf Staatsanleihen zu verdienen sind
benützen die Finanzhäuser ihre Kredite um in Aktien, Waren und andere,
profitablere, Anlagemöglichkeiten zu investieren.
Zu dieser Injektion von Liquidität kommt noch der Fall des US Dollars.
Zunächst stieg der Dollar paradoxerweise im Jahr 2008, trotz des
Abschwungs der US-Wirtschaft, hauptsächlich weil Regierungen und
Spekulanten international US-Staatsanleihen als "sicheren Hafen" für ihr
Geld ansahen. Aber seit März ist der Dollar sehr rasch gefallen. Durch
Short Selling (ein Weg vom Fall des Dollars zu profitieren) haben
Spekulanten de facto zu negativen Zinsen Dollar geborgt (zum Teil bis zu
10-20 Prozent negative Zinsen). Sie haben dann ihr Cash benützt um
Aktien, Anleihen, Waren, Währungen etc.. zu kaufen, sowohl in der
entwickelten Welt wie auch den "Emerging Markets". Spekulanten konnten
in diesen Märkten bis zu 50-70 Prozent Profite durch diese kurzfristigen
spekulativen Geschäfte machen.
Diese einfachen Profite repräsentieren eindeutig eine "Erholung" für
Spekulanten. Aber diese neue Blase ist weit davon entfernt für eine
wirkliche Erholung der US- oder Weltwirtschaft zu stehen.
"Eines Tages", warnt Nouriel Roubini, "wird diese Blase platzen und zum
größten koordinierten Börsencrash überhaupt führen". (Mother of All
Carry Trades Faces an Inevitable Bust, Financial Times, 1. November)
Früher oder später wird der Dollar aufhören zu fallen und die
Spekulanten werden nicht mehr so günstig Geld borgen können.
Das Quantitative Easing Programm der Federal Reserve endet im Frühling
2010. Jegliches Anheben der US-Zinsen, das kommt wenn das BIP-Wachstum
weitergeht, würde ebenso die spekulativen Aktivitäten unterminieren.
Eine derartige "Lösung mag noch für eine Weile aufgeschoben werden, da
schnelles Geld und die exzessive globale Liquidität die Preise für
Anlageprodukte noch eine Zeit in die Höhe treiben können. Aber je länger
und größer diese Spekulationsaktivitäten und je größer die Blase, desto
heftiger wird das Platzen dieser Blase. Die Fed und andere
Wirtschaftsspitzen merken nicht, welch ungeheure Blase sie da kreieren.
Je länger sie blind bleiben, umso härter werden die Märkte abstürzen."
(Roubini) Ein Crash dieser hochspekulativen Finanzmärkte würde ohne
Zweifel jegliche Erholung der Weltwirtschaft beenden.
Risiken für den Kapitalismus
Was sind die Aussichten für die kapitalistische Weltwirtschaft? Es wird
sehr wahrscheinlich eine schwache, fragile Erholung geben, die für ein
paar Jahre anhalten könnte, die allerdings durch einen neuen Abschwung
zu einem Ende kommen könnte, wenn erst einmal die staatlichen
Konjunkturpakete auslaufen. Die Spitzen des Kapitalismus sind selbst
unsicher ob es ein Revival von stabilem selbstgestützten Wachstum geben
wird. Kurzfristige Fluktuation wird es weiter geben, wie immer im
Kapitalismus. Aber die neue Periode wird eindeutig geprägt sein von
struktureller Arbeitslosigkeit, die gemeinsam mit gedrückten Lohnniveau
und Sozialkürzungen die kapitalistischen Märkte untergraben wird.
Die Intervention der großen kapitalistischen Mächte hat bis jetzt ein
Schmelzen des Banken- und Finanzsystems verhindert. Dennoch gibt es
immer noch riesige Summen an faulen Krediten die im System versteckt
sind und die zu neuen Krisen des Bankensystem in den nächsten Jahren
führen können. Banker und Spekulanten kämpfen rigoros gegen Versuche
einer Regulierung des Finanzsektors. Die derzeitige Spekulationsblase an
den Börsen, besonders in den "Emerging Markets", zeigen, dass die
Stabilität der Weltwirtschaft von spekulativen Exzessen bedroht wird.
Viele ernsthafte Kommentatoren nehmen es für selbstverständlich, dass es
nur eine Frage der Zeit ist bis zur nächsten Krise. "Die Uhr tickt
unaufhaltsam in Richtung eines neuen Desasters..." schreibt Francesco
Guerrera. (Countdown to Next Crisis, Financial Times, 16. Oktober)
Einige fürchten auch völlig zu Recht den politischen Backlash gegen ihr
System: "Sobald die nächste Krise zuschlägt - und sie wird zuschlagen -
wird die frustrierte Öffentlichkeit sich nicht nur gegen die Politiker
wenden die mit öffentlichen Geldern leichtsinnig um sich geworfen haben
oder gegen die Banker, sondern auch gegen das Marktsystem. Was nun auf
dem Spiel steht ist nicht nur die Zukunft des Finanzsystems, sondern die
Zukunft des Kapitalismus." (John Kay, Too Big to Fail is Too Dumb an
Idea to Keep, Financial Time, 27. Oktober)
Außerdem wird es schwierig werden, eine Exit Strategie aus der Politik
von ultra-niedrigen Zinsen, locker sitzendem Geld und Quantitative
Easing (Geld drucken) zu finden, ohne den Kapitalismus zu gefährden. Im
Augenblick hat Quantitative Easing keinen inflationären Effekt, aufgrund
der deflationären Trends in der Weltwirtschaft, wobei fallende Nachfrage
und die weltweiten Überkapazitäten zu einem allgemeinen Preisverfall bei
industriellen Gütern führen. Gleichzeitig häufen die Banken Geld an,
dass sie vom Staat in Form von Krediten erhalten haben. Sobald das
Wachstum wieder anspringt und die Banken beginnen, mehr ihrer Reserven
durch Kredite an Unternehmen in Umlauf zu bringen, wird ohne Zweifel die
Inflationsgefahr steigen. Allerdings könnte ein frühes Ende der
Stimulierung durch die Geldpresse einen neuen Abschwung provozieren. Auf
der andern Seite kann die Inflation explodieren wenn die
Liquiditätsspritzen weitergehen. "Egal wie die Zentralbanken reagieren,
die Gefahr bleibt. Die richtige Strategie zu finden gleicht einem
Seiltanz über den Abgrund. Und es kann gut sein, dass es keinen sicheren
Weg darüber gibt. (Wolfgang Muchau, Countdown to the Next Crisis is
Already Under Way, Financial Times, 18. Oktober)
Gemeinsam mit der finanziellen Unterstützung für den Finanzsektor haben
diese staatlichen Konjunkturprogramme die Budgetdefizite der Regierungen
massiv in die Höhe getrieben. Viele Haushaltsdefizite der
Industrieländer wurden auf über 10 Prozent hinauf gepusht. Angesichts
des Wiederwillens der kapitalistischen Regierungen die Konzerne und
Superreichen stärker zu besteuern werden diese Defizite die Wirtschaft
für lange Zeit belasten. Die Regierungen werden versuchen, diese
Defizite durch Kürzung von Staatsausgaben zu reduzieren, was weitere
Angriffe auf den Lebensstandard der Arbeiterklasse bedeutet. Zur selben
Zeit wird ein steigender Teil der weltweiten Ersparnisse (geschätzte 25
Prozent in den OECD Ländern) in die Finanzierung dieser Defizite laufen.
Das wird das Kapital das für öffentliche und private Investitionen zur
Verfügung steht reduzieren.
Wachsende inner-imperialistische Spannungen
Eine Periode von schwachem Wachstum wird die inner-imperialistischen
Spannungen in der Weltwirtschaft verstärken. Laut des Chefs der WTO,
Pascal Lamy, gibt es bereits auf niedrigem Level Handelskriege. Das kann
in den nächsten Jahren noch intensiver werden.
Vor allem wird die führende Rolle des US-Dollar in Gefahr sein. Die
Tatsache dass die USA ihre Schulden in ihrer eigenen Währung zahlen
kann, war ein immenser Vorteil für den US-Imperialismus. Aber der Preis
ist die gewaltige Anhäufung von Schulden gegenüber dem Rest der Welt. Ab
einem gewissen Punkt werden diese Schulden nicht mehr aufrecht zu
erhalten sein - was einen Kollaps der US-Staatsanleihen und des Dollars
zur Folge haben kann. Die Spitzen des Kapitalismus sind sich dieses
Problems durchaus bewusst, sind aber nicht fähig in geordneter Art und
Weise zu einem anderen Währungssystem überzugehen (sie es durch ein
gemeinsames System der großen Währungen wie dem Euro, Yen und Yuan oder
über spezielle Bezugsrechte (SDR - Special Drawing Rights) die durch den
IWF verwaltet werden). Ein Kollaps des Dollar würde ein globales
Währungschaos bedeuten und könnte selbst einen neuen, noch tieferen
Einbruch der Weltwirtschaft auslösen.
Einige Schwellenländer wie Brasilien, Indien und Länder in Südostasien
scheinen den schlimmsten Auswirkungen der derzeitigen Krise entgangen zu
sein. Besonders der Anstieg der Preise von Gütern (durch anhaltende
Nachfrage aus China und spekulative Geschäfte mit Futures auf Güter)
scheint den Produzenten dieser Güter zugute gekommen zu sein. Aber diese
geschützte Position wird nicht sehr lange andauern. Die darunter
liegenden sozialen Widersprüche in diesen Ländern werden von Tag zu Tag
drängender.
Seit 1980 hat der globale Kapitalismus immer wieder Wege aus einer Serie
von Krisen gefunden durch eine Reihe von Blasen (Finanzprodukten,
Immobilien und Gütern). Aber die Krise seit 2007 markiert das Ende
dieser Auswege. Es mag neue Blasen und spekulative Exzesse geben. Aber
sie werden nicht das riesige inflationäre Kissen bieten wie das in den
letzten 20-30 Jahren der Fall war. Der Kapitalismus ist in eine neue
Periode der Krise eingetreten.
Wie lang wird Erholung der US-Wirtschaft anhalten und wie stark wird sie
ausfallen?
Die US-Wirtschaft scheint den Boden der Rezession Mitte des Jahres
erreicht zu haben - nun scheint es so als ob es den Beginn einer
Erholung gäbe, zumindest was das BIP-Wachstum angeht. Für die
ArbeiterInnen wird die Rezession allerdings weitergehen und sich sogar
intensivieren. Die Arbeitslosigkeit wird weiter steigen, während die
Löhne unter Druck stehen. Für den US-Kapitalismus war dies bisher die
längste Rezession seit den 1930ern (von Dezember 2007 bis Juli 2009,
über 18 Monate). Seit Beginn 2008 ist das BIP um 3,55 Prozent
zurückgegangen (zum Vergleich der OECD-Durchschnitt: minus 4,7 Prozent).
Die vorläufigen Zahlen für das 3. Quartal 2009 deuten ein BIP-Wachstum
von 3,4 Prozent an. Es hat ebenso eine Wiederbelegung an den US-Börsen
gegeben und einige der großen Banken haben unlängst angekündigt dass sie
zur Profitabilität zurückgekehrt sind. Viele werden ihren Bossen riesige
Jahres-Boni zahlen - Goldman Sachs plant zum Beispiel 21 Milliarden
Dollar an Boni auszuzahlen. Das wird die Wut auf die Banker, die die
meisten Menschen für die Schuldigen für die Krise halten, verstärken.
Es gab keine Feierstimmung im Weißen Haus als die Zahlen für das dritte
Quartal verlautbart wurden. "Das Weiße Haus war mehr in Grabesstimmung
denn in Feierlaune - und passen sich damit der Meinung der Wähler an,"
kommentiert Edward Luce. (Angry Americans Feel They Are Still in Slump,
Financial Times, 29. Oktober)
Tatsächlich sind die Arbeitslosenzahlen auf über 10 Prozent gestiegen,
das sind mehr als 16 Millionen Menschen. Wenn man allerdings die
ArbeiterInnen in Kurzarbeit, Teilzeit und die neu in den Arbeitsmarkt
eingetretenen Menschen einschließt, liegt die tatsächliche Zahl bei etwa
17 Prozent. Mehr als 8 Millionen Jobs sind im Laufe der Rezession
verloren gegangen. Dies war das erste Mal seit der Großen Depression in
den 30er Jahren dass eine Rezession das gesamte Plus an Jobs des
vorangegangenen Wirtschaftszyklus ausgelöscht hat. Alles weist darauf
hin dass die Arbeitslosigkeit einige Jahre lang steigen wird selbst wenn
das Wachstum anhält.
Der Anteil der Langzeitarbeitslosen steigt, die Jugendarbeitslosigkeit
liegt bei über 50 Prozent. Einer von 9 ArbeiterInnen lebt mittlerweile
von Lebensmittelmarken.
Während das BIP-Wachstum im 3. Quartal wieder angesprungen ist, fielen
die Realeinkommen um 3,4 Prozent. Sowohl die Produktivität wie auch die
Profitabilität der Unternehmen sind durch "ungwöhnlich aggressive
Kostenkontrolle" gestiegen. (New York Times Leitartikel, 27. Oktober)
Kostenkontrolle bedeutet weniger Jobs, niedrigere Löhne und eine
Intensivierung der Arbeit.
Der Hauptfaktor für dieses Wachstum war eindeutig die Intervention der
Regierung und US-Notenbank durch das Konjunkturpaket und die finanzielle
Unterstützung für Hausbauer und den Immobiliensektor. Die Abwrackprämie
hat die Zahlen bei den Autoverkäufen um über 20 Prozent gehoben
(allerdings hat das nicht massiven Jobabbau und Lohnkürzungen in der
US-Autoindustrie verhindert). Dieses Programm hat alleine für 1,9
Prozent von den 3,4 Prozent Wachstum im dritten Quartal gesorgt. Der
Rest ging darauf zurück, dass Unternehmen ihre Lagerbestände neu
aufgebaut haben, die bereits auf sehr niedrigem Niveau lagen. Die
Obama-Regierung behauptet dass das Konjunkturpaket zwischen 3 und 4
Prozent des BIP-Wachstums ausmacht. In anderen Worten, ohne das Paket
würde es immer noch ein Negativwachstum geben. Aber das Konjunkturpaket
hat vermutlich nur weniger als eine Million Jobs gerettet.
Es gab auch eine Erholung auf den Immobilienmärkten, allerdings macht
dieser Sektor nun nur noch 2,4 Prozent des BIPs aus - im Unterschied zu
den 6,3 Prozent Ende 2005. Die Verkäufe gingen nach oben, zumindest
kurzfristig, durch die 8000 Dollar Kredite für Erst-Hauskäufer und durch
die Unterstützung der US-Notenbank für den Hypothekenmarkt (durch den
Ankauf von strukturierten Papieren und besicherten Krediten - sie hat
damit die Rolle der Banken übernommen).
Das auf zwei Jahre veranschlagte Konjunkturpaket steht aber bereits bei
der Hälfte seiner Laufzeit. Es sind geschätzte 291 Milliarden Dollar
übrig die in Infrastruktur und Hilfe an die Bundesstaaten gesteckt
werden können, wobei 150 Milliarden Dollar noch für Steuersenkungen
vorgesehen sind. Die große Frage ist, wird das Wachstum anhalten wenn
das Konjunkturpaket ausgelaufen ist? Viele bürgerliche Kommentatoren
haben ihre Zweifel. In einem Leitartikel (The Case for More Stimulus)
kommentiert die Financial Times: "Ohne eine weitere Runde von
Konjunkturanreizen durch den Staat wird die schlimmste Rezession der
Nachkriegszeit wahrscheinlich bestenfalls nur zur schwächsten Erholung
der Nachkriegszeit." (27. Oktober) Der Artikel hat zu weiteren
Konjunkturmaßnahmen aufgerufen.
Die Erholung an den Börsen seit Jahresbeginn bedeutet keineswegs eine
gesunde Wirtschaft. Die großen Banken und Finanzhäuser haben Unmengen an
Geld durch die Geldspritzen der US-Notenbank (im Prinzip hat dieses die
Geldpresse angeworfen um mehr Kredite an Banken zu ermöglichen). Die
Banken sind allerdings nach wie vor sehr zurückhaltend was die Kredite
an Unternehmen (besonders an mittlere und kleine) angeht. Mehr und mehr
ihrer Geldreserven wird daher in die Börsen gesteckt, wo sie höhere
Renditen bekommen als wenn sie das Geld bei der Notenbank deponieren
oder in Staatsanleihen anlegen. Hier entsteht eine weitere Blase und sie
wird wahrscheinlich sehr bald platzen.
Keines der tiefer liegenden Probleme des US-Kapitalismus wurde gelöst.
Ob es stabiles Wachstum gibt, wird davon abhängen ob der Privatkonsum,
der mehr als 70 Prozent des BIP in den USA ausmacht, wieder anspringt.
Wachsende Arbeitslosigkeit, gedrückte Löhne und ein riesiger
Schuldenberg wird die Konsumausgaben in den nächsten Jahren drosseln.
Steigende Hauspreise werden diesmal kein Ausweg sein.
Der Fall des Dollars macht US-Exporte auf dem Weltmarkt billiger.
Allerdings hat die Deindustrialisierung der letzten Periode die
Fähigkeit des US-Kapitalismus, seine Marktanteile bei Industriegütern zu
steigern, geschmälert. Eine Rückkehr zu Wachstum wird, wenn es stabil
sein soll, ein erneutes Ansteigen des US-Handelsdefizit und seiner
Verschuldung gegenüber dem Rest der Welt bedeuten.
China: Billige Güter und billige Kredite
Ende 2008, als die Kreditklemme die Weltwirtschaft lahmlegte, wurde
China von einem massiven Absturz der Exporte getroffen (minus 15-20
Prozent). Das war das Resultat einer Krise der Konsumnachfrage in den
USA und Europa, ein schwerer Schlag für Chinas exportorientierte
Wirtschaft.
Ein Jahr später hat sich die chinesische Wirtschaft erholt, mit 8,9
Prozent Wachstum im dritten Quartal und der Wahrscheinlichkeit, dass das
gesamte Wachstum 2009 zumindest 8 Prozent beträgt. Das steht im
Gegensatz zu den meisten großen Ländern die trotz jüngstem Wachstum mit
einem generellen Schrumpfen des BIPs 2009 konfrontiert sein werden.
Dieses Wachstum ist das Resultat einer massiven Intervention des Staats
der immer noch eine entscheidende Rolle in der chinesischen Wirtschaft
einnimmt. Im November 2008 hat das Regime ein riesiges Konjunkturpaket
im Rahmen von vier Billionen Yuan oder 585 Milliarden Dollar
angekündigt. Das sind zum einen Teil Staatsausgaben und anderen Teil
eine immense Erhöhung der Ausgabe von Krediten durch das staatlich
kontrollierte Bankwesen. Mehr als drei Fünftel des Konjunkturpakets wird
in Infrastruktur investiert: Straßen, Brücken, Kraftwerke und ein
massiver Ausbau des Hochgeschwindigkeitsbahnnetzes. Zur selben Zeit hat
die Regierung eine sehr großzügige Geldpolitik beibehalten, mit
niedrigen Zinsen und einer großen Erhöhung der im Umlauf befindlichen
Geldmenge. Es hat ebenso die Vergabe billiger Kredite für
Industrieexporteure ausgedehnt.
Ein Ergebnis des Konjunkturpakets war, dass die fixen Investitionen, die
bereits hoch waren, um mehr als 30 Prozent im letzten Jahr gestiegen
sind. Es ist das Wachstum an Investitionen, dass die wahre Lokomotive
von Chinas Wirtschaft ist.
Die Profitabilität der Industrieunternehmen hat begonnen sich zu
erholen, während es ein Plus der privaten Investitionen (+30 Prozent von
Jahresbeginn bis August) gab, vor allem im Immobiliensektor und der
Bauwirtschaft. Es besteht wenig Zweifel, dass ein Teil des Geldes des
Konjunkturpakets in den Immobiliensektor gesteckt wird, allerdings
verbunden mit dem Auftreten von Blasensymptomen. Der spekulative
Immobiliensektor zieht ebenfalls Kapital von Übersee an, mit der
Aussicht auf Profite und einer möglichen Neubewertung des Yuan/Renminbi,
der chinesischen Währung.
Es gibt ebenso ein Revival der Industrieproduktion sowie der Exporte von
Industriegütern. Es gibt massive Überkapazitäten in vielen Sektoren der
Industrie und das hatte scharfe Preissenkungen durch die Exporteure zur
Folge. Die Exporteure haben ebenso profitiert von der Tatsache, dass der
Yuan an den Dollar gebunden ist, und der Dollar in den letzten Monaten
im Wert gesunken ist. Damit sind die Preise für chinesische Exporte auf
dem Weltmarkt gesunken. Chinesische Exporteure gewinnen so Marktanteile
auf Kosten anderer Exporteure (wie etwa Japan, Italien, Kanada und
Mexiko). Anstatt mit China in der Niedriglohnproduktion zu konkurrieren,
konzentrieren sich Länder wie Japan allerdings mehr und mehr auf den
Export von Kapitalgütern (Produktionsmittel, Komponenten von Maschinen
etc.). Eine Erholung von Chinas Wirtschaft wird daher einen
stimulierenden Effekt auf Japan und andere südostasiatische Länder haben.
Obwohl China ein erhebliches BIP-Wachstum aufrecht erhalten hat, ist das
Konjunkturpaket eine Nofallmaßnahme, die die tiefen Ungleichgewichte der
chinesischen Wirtschaft nicht ausgleichen wird. Es wird auch die
sozialen Spannungen nicht lösen. Es wird die riesige Kluft zwischen
Land- und Stadtbevölkerung nicht verkleinern. Die Nachfrage die die
Wirtschaft nun aufrecht erhält geht hauptsächlich auf die Investitionen
in Infrastruktur zurück und nicht auf eine Entwicklung im chinesischen
Binnenmarkt.
Angeblich sind auch die Ausgaben für Soziales erheblich erhöht worden,
aber von einer sehr niedrigen Ausgangsbasis. Diese Ausgaben machen nur
20 Prozent des Konjunkturpakets aus. Aus Angst vor sozialen Unruhen auf
dem Land hat das Regime die Getreidepreise über dem Weltmarktniveau
gehalten um die BäuerInnen zu unterstützen. Allerdings hatte der Anstieg
der Arbeitslosigkeit als Ergebnis des Abschwungs Ende 2008 einen
vernichtenden Effekt auf die ländlichen Gegenden. Zu Beginn dieses
Jahres wurde geschätzt dass 45 Millionen LandbewohnerInnen ihre Jobs
verloren oder ihren Ausstieg aus der Landwirtschaft verschoben haben. Im
August dieses Jahres hatten 32 Millionen einen Job gefunden, allerdings
zu meist niedrigeren Löhnen als zuvor (um mindestens 10 Prozent
niedriger).
Die riesigen Summen an Investitionen und die billigen Kredite die mit
dem Konjunkturpaket zusammenhängen haben die enorme Korruption, die in
China besteht, weiter gefördert. Sie sind ebenso der Boden für
spekulative Investitionen, besonders im Immobiliensektor.
Die Investitionen in Infrastruktur werden aber nicht das Ungleichgewicht
zwischen den USA und China auflösen. Chinas Anteil an US-Importen ist
weiter gestiegen (China stellt nun 19 Prozent der US-Importe). Sein
Handelsüberschuss gegenüber den USA ist ebenfalls weiter gestiegen.
Dieses Jahr hat China seine Fremdwährungsreserven in Dollar um weitere
741 Milliarden Dollar erhöht. Damit sitzt China auf insgesamt 2,27
Billionen Dollar Währungsreserven (zum größten Teil gehalten in Dollar).
In anderen Worten, China stützt weiter mit billigen Gütern und billigen
Krediten den US-Konsum auf Kosten der chinesischen Arbeiterklasse.
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