Wir zahlen Eure Krise nicht!
[Druckversion] Thema: Solidarität 87, Betrieb und Gewerkschaft, veröffentlicht: 03.02.2010
Tarifkonflikt im Öffentlichen Dienst
Der Chef des Verbands der Kommunalen Arbeitgeber (VKA), Thomas Böhle,
droht mit Stellenabbau und Privatisierungen, sollten die Gewerkschaften
bei ihren „maßlosen“ Forderungen bleiben (gefordert werden fünf Prozent
im Gesamtvolumen). Doch der angedrohte Kahlschlag steht so oder so auf
der Agenda der Arbeitgeber.
von Angelika Teweleit, Berlin
Aufgrund großer Einnahmerückgänge zücken viele Kommunen bereits den
Rotstift. Doch „das ist erst der Anfang, es wird noch weitere
Verschlechterungen geben“, sagt zum Beispiel der Kämmerer der Stadt
Wuppertal, der aktuell die Schließung des Theaters, mehrerer Schulen,
Jugendtreffs und Bäder durchsetzen will.
Um so nötiger ist es, gerade jetzt Stärke zu zeigen. Denn schwache
Belegschaften, die sich nicht wehren, werden schneller angegriffen als
starke. Die Tarifrunde 2010 könnte Ausgangspunkt für breiten Widerstand
durch Beschäftigte und NutzerInnen gegen die Kürzungspläne im
Öffentlichen Dienst sein.
Kassen wurden geplündert
Es stimmt: Deutschland wurde von der tiefsten Wirtschaftskrise seit
Jahrzehnten erfasst. Aber warum soll die arbeitende Bevölkerung dafür
zahlen – während für die Ackermänner Bankenrettungsaktionen laufen?
Es stimmt: Die Kassen sind leer. Das liegt aber vor allem daran, dass
Geld umverteilt wurde. Allein seit dem Jahr 2000 wurden den Unternehmen
durch Steuersenkungen 200 Milliarden Euro geschenkt.
Es stimmt: In der Krise sanken die Vermögen. Trotzdem besitzen die
reichsten zehn Prozent immer noch gigantische 2,6 Billionen Euro
(wipo.verdi.de).
Geld ist also vorhanden. Darum müssen wir gegen die von den Arbeitgebern
verlangten Nullrunden und Sparmaßnahmen entschlossen Widerstand leisten.
Ganze Kampfkraft nutzen
Notwendig ist es, die Warnstreiks von Anfang an flächendeckend zu
organisieren. Wenn ErzieherInnen, Krankenhauspersonal, Müllwerker,
Beschäftigte an Flughäfen, Verwaltungsangestellte, BusfahrerInnen
gemeinsam streiken, kann eine große Kraft entstehen. Die Androhungen der
Arbeitgeber müssen mit Urabstimmung und Streik beantwortet werden. Ein
Erfolg der zwei Millionen Beschäftigten bei Bund und Kommunen wäre auch
eine Ermutigung für die KollegInnen in der Privatwirtschaft.
Wofür kämpfen?
Die gewerkschaftliche Forderung von fünf Prozent im Gesamtvolumen (also
Verlängerung der Altersteilzeit, Übernahmeregelung für Azubis und
Entgeltsteigerung in unbestimmter Größe) ist völlig unzureichend. Die
Umsetzung der Forderung soll laut Arbeitgebern fünf Milliarden Euro
kosten. Das ist etwa die Hälfte von dem, was Bund und Kommunen nach dem
Tarifergebnis von 2008 aufbringen mussten.
In der Tarifrunde vor zwei Jahren sprang die ver.di-Führung als Tiger
los und landete als Bettvorleger. Dieses Mal startet sie als
Schmusekatze. Die jetzige ver.di-Führung zeigt keinen Weg auf, wie
verhindert werden kann, dass die Krisenlasten mit voller Wucht auf die
Beschäftigten abgewälzt werden. Darum ist es nötig, eine inhaltliche und
personelle Alternative zu dieser Führung aufzubauen. Dies hat sich auch
das „Netzwerk für eine kämpferische und demokratische ver.di“ auf die
Fahnen geschrieben.
Öffentlicher Dienst: Für welche Forderungen kämpfen?
Bei der letzten Tarifrunde 2008 beteiligten sich hunderttausende
KollegInnen. ver.di-Chef Frank Bsirske sagte damals, er habe in den
letzten 35 Jahren noch nie so viel Wut und Kampfbereitschaft gesehen.
Jedoch mobilisierte die ver.di-Führung nicht für einen Vollstreik, mit
dem die Durchsetzung der ursprünglichen Forderungen möglich gewesen wäre.
von Dorit Wallenburger, ver.di-Betriebsgruppenvorsitzende,
Krankenhaus Dresden Neustadt*
Im letzten Jahr beteiligten sich zehntausende KollegInnen am
Kita-Streik. Viele von ihnen waren das erste Mal an einem Arbeitskampf
beteiligt. Diese und andere Auseinandersetzungen zeugen davon, dass
immer mehr Menschen erkennen, dass sie Verbesserungen in ihren Arbeits-
und Lebensbedingungen nur durch gemeinsame kraftvolle Aktionen erreichen
können. Wie nutzt die ver.di-Spitze dieses Potenzial nun für die
beginnende Tarifrunde im Öffentlichen Dienst?
Das Argument der leeren Kassen
In den Argumentationshilfen von ver.di werden Zahlen und Fakten
verwendet, die unschlagbar sind: dass unsere Realeinkommen stetig
sinken, während die Einkommen aus Gewinnen und Vermögen zwischen 2002
und 2008 gewaltig gestiegen sind. Dennoch ergeben sich die meisten
Gewerkschaftsoberen in der Praxis den Argumenten der Arbeitgeber: es sei
kein Geld da...
Das hat zur Folge, dass das Forderungspaket weit hinter dem zurück
bleibt, was notwendig wäre. Es gibt nicht mal eine bezifferte
Lohnforderung. Damit ist die Gefahr groß, dass die Forderung von
Innenminister Thomas de Maizière (CDU) nach einer Nullrunde Wirklichkeit
wird. Stattdessen müssen endlich die Reallohnverluste der letzten Jahre
ausgeglichen werden. Daher brauchen wir eine konkrete Forderung nach
einer Entgelterhöhung: Die von der ver.di-Führung völlig vage allgemein
aufgestellten fünf Prozent sind das Minimum, was wir allein schon an
Lohnerhöhung benötigen, mindestens aber 200 Euro pro Monat.
Darüber hinaus muss die von den Arbeitgebern in die Diskussion gebrachte
Ausweitung des Leistungslohns klar abgelehnt werden.
Arbeitsplätze schaffen statt streichen
In der Frage der Übernahme sollte die Gewerkschaft eine Forderung
aufstellen, die den Jugendlichen tatsächlich eine Zukunft bietet.
Anstatt einer Übernahmeregelung von nur 24 Monaten, wie von ver.di
gefordert, brauchen die Azubis eine Berufsaussicht fürs Leben: also
unbefristete Übernahme im erlernten Beruf.
Überall fehlt es an Personal – bei Wohnungsämtern, Kindertagesstätten,
Winterdiensten, Krankenhäusern und so weiter. Mit einer Forderung nach
Ausbau des Öffentlichen Dienstes und der Schaffung von Ausbildungs- und
Arbeitsplätzen könnten sich die Streikenden der Unterstützung in der
Bevölkerung sicher sein.
Noch nie war die Produktivität so hoch wie in den letzten Jahren. Also
warum sollen eigentlich immer weniger Menschen mit immer weniger Lohn
und verlängerten Arbeitszeiten schuften, während andere arbeitslos sind?
Gerade jetzt in der Krise müssen die Gewerkschaften eine Antwort auf die
steigende Massenarbeitslosigkeit geben. Die Tarifrunde im Öffentlichen
Dienst könnte eine Vorbildfunktion haben. Nötig wäre eigentlich die
Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung auf 35 Stunden bei vollem
Lohn- und Personalausgleich!
Die Kraft der Beschäftigten kann sich nur entfalten, wenn Forderungen
aufgestellt werden, für die es sich wirklich lohnt zu kämpfen. Und nur
wenn alle gemeinsam aktiv werden, erreichen wir eine Stärke, die im
Kampf für richtige Verbesserungen nötig sein wird. Das muss die
grundlegende Aufgabe der Gewerkschaften sein: Solidarität herstellen!
Alle oder keiner!
*Angabe der Funktion dient nur zur Kenntlichmachung der Person
Vorschläge zur Konkretisierung und Verbesserung des Forderungskatalogs
von ver.di:
Fünf Prozent mehr Lohn, mindestens aber 200 Euro Festgeld bei zwölf
Monaten Laufzeit
Zurückverwandlung der bisherigen Leistungsbezahlung in feste
Tarifbestandteile
Verlängerung der Altersteilzeit, aber ohne Abschläge von Leistungen
Unbefristete Übernahmegarantie für alle Auszubildenden im erlernten Beruf
Tariflich garantierte Ausbildungsquote von zehn Prozent
Statt steigender Arbeitslosigkeit: 35 Stunden-Woche bei vollem Lohn- und
Personalausgleich
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