Warnstreiks von ver.di in Nordrhein-Westfalen
[Druckversion] Thema: Arbeitskämpfe, Öffentlicher Dienst, veröffentlicht: 05.02.2010
42.000 Beteiligte bei Auseinandersetzung in der Tarifrunde öffentlicher
Dienst
Im Rahmen der Tarifauseinandersetzung bei Kommunen und Bund
mobilisierten ver.di und der Deutsche Beamtenbund (dbb) in NRW und
Baden-Württemberg. In Dortmund trafen Gewerkschaftsmitglieder aus dem
Sauerland, Gelsenkirch, Unna und den umliegenden Kommunen zu einer
zentralen Kundgebung auf dem Friedensplatz zusammen. Obwohl die
Gewerkschaftsführung eher bescheidene Zielen für die Tarifrunde
aufgestellt hat, herrschte eine kämpferische Stimmung.
von Sebastian, Dortmund
Die Innenstadt von Dortmund befand sich am 4. Februar 2010 beinahe im
Ausnahmezustand. Zum Warnstreik aufgerufen waren GewerkschafterInnen aus
unterschiedlichen öffentlichen Einrichtungen: Stadtverwaltung,
Sparkasse, Stadtwerken und Verkehrsbetrieben, Energie- und
Wasserversorgung, Müllabfuhr, Seniorenheimen, Studentenwerk,
Arbeitsagentur, ARGE und verschiedenen Kliniken. Von drei verschiedenen
Sammelstellen aus liefen 10.000 Gewerkschaftsmitglieder im Sternmarsch
durch die Straßen, um sich in der Nähe des Friedensplatzes auf einer
Kreuzung zu treffen. Von dort aus zog die Demonstration zum
Kundgebungsort, wo weitere 2000 Beschäftige aus anderen Orten dazukamen.
Nach einer Begrüßung durch den örtlichen Gewerkschaftsfunktionär sprach
Ver.di-Chef Frank Bsirske zu den Versammelten.
Zentrale Kundgebung in Dortmund
Bsirske stellte die für viele Mitglieder nebulöse ver.di-Forderung für
eine Tariferhöhung mit einem Gesamtvolumen von 5 Prozent dar, in der die
Kosten für eine Verlängerung der Altersteilzeitregelung, einer neuen
Übernahmeregelung für Auszubildende sowie eine Wiedereinführung der
Bewährungsaufstiege enthalten sein sollen. Und eben eine wie auch immer
„spürbare soziale Komponente“.
In einer Stadt, die wie Dortmund so krisengeschüttelt ist, strömten aus
dem Munde des Gewerkschaftsvorsitzenden aber auch deutlichere Aussagen:
Weiterer Sozialkahlschlag sei wegen der noch lange nicht überwundenen
Krise vorprogrammiert. Die Verhandlungsführer der Gegenseite, Thomas de
Maizère für den Bund und Thomas Böhle für die Kommunen, kündigten laut
Frank Bsirske „ein Jahrzehnt der Lohnpause und Lohnkürzungen an“, „ein
Jahrzehnt des Streichen von Einrichtungen und Leistungen“. Auch wenn der
ver.di-Chef keine konkrete Antwort darauf geben wollte, wie dies von den
Beschäftigten zurückgeschlagen werden können, so bekam doch sein Satz
„Wir zahlen nicht für eure Krise!“ große Zustimmung bei den
TeilnehmerInnen der Kundgebung.
Dass Verzicht generell zu verhindern sei, sagte Bsirske so allerdings
nicht. Denn, es „ist noch zu früh auf einen Sparkurs umzuschwenken“, wie
er betonte. Zuerst sei es wichtig, der Krise „gegenzusteuern“, indem
durch Lohnerhöhungen die Kaufkraft gestärkt würde. In welchem Maße nach
Ende der Verhandlung allerdings „spürbare“ Verbesserungen erstritten
werden, die auch wirklich bei den Auszubildenden und Beschäftigten
ankommen, bleibt offen.
Gewerkschaftschef Frank Bsirske sprach in Dortmund auch die nächste
Verhandlungsrunde zwischen den VerhandlungsführerInnen von Gewerkschaft,
dem Bund und den Kommunen vom 10. bis 12. Februar an. Wenn hier keine
Einigung erzielt werden könne, würde es zu weiteren Warnstreiks von
Zehntausenden kommen können, so Bsirske. Auch länger anhaltende Streiks
wären dann möglich.
NRW-weit 42.000 an Warnstreiks beteiligt
In Nordrhein-Westfalen waren im öffentlichen Dienst insgesamt 42.000
Beschäftigte an den Warnstreiks beteiligt. In vielen Städten des
Ruhrgebiets fuhren keine Busse und Bahnen mehr. In Dortmund, Düsseldorf,
Köln kam der U-Bahnverkehr zeitweise zu einem Stillstand. Auch auf den
Flughäfen Köln und Düsseldorf streikten Gewerkschaftsmitglieder.
Zahlreiche öffentliche Behörden von Bund und Kommune blieben
geschlossen. Dort wo viele Beschäftigte aufgerufen waren wurde deutlich,
welche Macht sie ausüben können, wenn gemeinsam gestreikt wird.
Allerdings wurde nur ein kleiner Teil der Kampfkraft in die Waagschale
geworfen. Die Mobilisierung ging meist nicht so weit wie in Dortmund -
einer Stadt, die vorzeigbarer Schwerpunkt der Warnstreiks sein sollte.
In Essen, einer Stadt mit nahezu der selben Einwohnerzahl waren nur 2500
Gewerkschaftsmitglieder aufgerufen. Einige Belegschaften durften sich
nur für eine Stunde in den Streik beteiligen, andere befanden sich
hingegen ganze 24 Stunden im Streik, so wie die das Fahrpersonal der
Essener Verkehrsbetriebe.
Wären mehr KollegInnen von der Gewerkschaft aufgerufen worden die Arbeit
niederzulegen (auch für eine längere Zeit), wäre dem Verhandlungsgegner
weitaus besser beizukommen.
Bewegung in den Krankenhäusern
Bereits am Vortag waren bundesweit 22.000 Beschäftige im Warnstreik. Ein
Schwerpunkt hierbei war der Krankenhausbereich. In Dortmund kam es
mitunter in den Kliniken auch beispielhaften Protesten. So in der
LWL-Klinik der Stadt, wo im psychiatrischen Bereich über drei Schichten
11 Stationen bestreikt wurden. Bei dem Streik wurde auch die
Nachtschicht mit einbezogen. 23 Beschäftigte traten während der Aktionen
der Gewerkschaft bei.
Im Elisabeth-Krankenhaus in Dortmund wurde einem Beschäftigten mit
fristloser Kündigung gedroht, falls dieser an den Warnstreiks teilnehmen
sollte. Spontan kamen 50-60 KollegInnen anderer Häuser hinzu um
hiergegen zu demonstrieren.
Vorschläge der SAV
Notwendig ist es, die Warnstreiks wirklich flächendeckend zu
organisieren und die zu Beschäftigten längeren Streiks aufzurufen. Die
Forderung der Gewerkschaft von 5 Prozent Gesamtvolumen reicht hinten und
vorne nicht.
Fünf Prozent mehr Lohn, mindestens aber 200 Euro Festgeld bei zwölf
Monaten Laufzeit wäre eine Forderung, die aufgestellt werden sollte.
Ebenso wie die Umwandlung der bisherigen Leistungsbezahlung in feste
Tarifbestandteile. Statt einer begrenzten Übernahmeregelung könnte für
eine unbefristete Übernahmegarantie für alle Auszubildenden im erlernten
Beruf und eine tariflich garantierte Ausbildungsquote von zehn Prozent
gestritten werden. Eine verlängerte Altersteilzeit sollte ohne Abschläge
von Leistungen erreicht werden.
Und: Die ver.di-Führung hat es wiedermal verpasst auf die steigende
Arbeitslosigkeit angemessen zu reagieren. Die Forderung für eine 35
Stunden-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich gehört auf die
Tagesordnung!
|