Bildungsstreik 2010: Entschlossen weiter zu kämpfen, aber viele Fragen
offen.
[Druckversion] Thema: Bildung, veröffentlicht: 08.02.2010
Koordinierungstreffen in Bielefeld plant Aktionen für dieses Jahr
Der Bildungsstreik geht 2010 in eine neue Runde. Beim bundesweiten
Treffen in Bielefeld wurden vor allem Aktionen anlässlich der
NRW-Landtagswahlen, der bundesweite Bildungsstreik im Juni und eine
Teilnahme am Bologna-Gipfel diskutiert. Ob die Bewegung an ihren
früheren Erfolgen anknüpfen kann, blieb dabei offen.
von Michael Koschitzki, Berlin
Etwa 130 TeilnehmerInnen aus vielen Städten waren angereist, um die
Fortsetzung der Bildungsproteste 2010 zu besprechen. Selbst eine Woche
nach der bundesweiten Demonstration in Frankfurt mit 4.000
TeilnehmerInnen gab es nur wenige Berichte von lokalen Protesten und
Besetzungen und kaum inhaltliche Diskussion über den Zustand der
Bewegung. Statt dessen prägten wieder einmal Verfahrensdebatten den
Ablauf des Treffens.
Bildungsstreik 2010
Nichtsdestotrotz nahmen sich die TeilnehmerInnen des Treffens gemeinsam
vor, mit einem Bildungsstreik im Sommer an die Proteste des letzten
Jahres anzuknüpfen. So wird nun geplant, mit dezentralen Demos am 9.
Juni eine unbefristete Aktionszeit einzuleiten, die Raum für Besetzungen
von Schulen und Universitäten, Streiks und andere Aktionen bietet.
Ebenfalls in diesem Zeitrahmen liegen die Demonstrationen des „Wir
zahlen nicht für eure Krise“-Bündnisses am 12. Juni, zu denen das
Bildungsstreik_Bündnis aufruft. Die genauere Ausgestaltung der Proteste,
ihre Koordination und die Forderungen wurden jedoch zu keinem Thema des
Treffens.
NRW-Wahl
Viele Aktivistinnen und Aktivisten befürworteten zu Recht Proteste vor
den Wahlen in NRW, um die erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit und
Diskussionen in Schulen und Universitäten zu nutzen. Am 22. April gibt
es, angestoßen von der DGB-Jugend, der LandesschülerInnenvertretung NRW
und der Landesastenkonferenz Proteste und Kundgebungen, zu denen auch
Gewerkschaftsjugenden ihre Mitglieder unter dem Titel „Wähl dir deine
Bildungsperspektive“ mobilisieren. Hier eröffnet sich dem Bildungsstreik
zum ersten Mal die oft gewünschte Möglichkeit, gemeinsam mit Azubis zu
protestieren. Durch ihre Brisanz sollte die Landtagswahl nicht nur in
NRW selber Beachtung finden sondern auch bundesweit Anlass zu breiten
Protesten bieten. Deshalb wurde für den 5. Mai eine zentrale
Demonstration vorgeschlagen.
Einige wenige AktivistInnen führten allerdings an, dass Aktionen im
Kontext der Wahlen zur Instrumentalisierung durch die bürgerlichen
Parteien führen würde. Hintergrund war jedoch auch die fehlende
Bereitschaft gemeinsam mit Gewerkschaften auf die Straße zu gehen. Oskar
Stolz vom Bundesvorstand von LINKE.SDS hielt dagegen: „Wir sollten den
Wahlkampf instrumentalisieren.“ Mitglieder der SAV machten deutlich,
dass es Bewegungen und Proteste in Betrieben und auf der Straße sind,
die Verbesserungen für die lernende und arbeitende Bevölkerung
erkämpfen, dafür aber auch die Aufmerksamkeit der Wahlen genutzt werden
müsse.
Aufgrund des Konsensprinzips konnte sich das Treffen aber trotz klarer
Mehrheiten nicht für Aktionen am 22. April und am 5. Mai aussprechen,
überließ es jedoch regionalen Initiativen dazu aufzurufen. Und es blieb
dementsprechend offen, ob es auf eine anderweitige Initiative hin am 5.
Mai eine bundesweite Mobilisierung zu einer zentralen Demo in NRW geben
wird.
Bildungsgipfel
Eine weitere kontroverse Diskussion entstand um die Frage des
Bildungsgipfels, zu dem die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) neben den
Hochschulverbänden auch BildungsstreikaktivistInnen eingeladen hat.
Auf dem letzten bundesweiten Bildungsstreiktreffen Ende Dezember in
Potsdam hatte sich zu diesem Thema eine Arbeitsgruppe gegründet, die die
Vorbereitungen der Gipfels seitdem in die Hand genommen hat. Dort waren
auch Bedingungen für die Teilnahme an einem solchen Gipfel formuliert
worden, wie zum Beispiel die Verhandlungen öffentlich per Livestream
oder Fernsehen zu übertragen. Diesen Vorbedingungen, wie auch einem für
den Bildungsstreik günstigerem Termin im Juni, wurden von der HRK in
Vorgesprächen zugesagt, einzig die Miteinbeziehung der SchülerInnen
scheiterte.
Obwohl dieses Entgegenkommen günstig für den Bildungsstreik ist, gibt es
AktivistInnen, die die Beteiligung an einem solchen Gipfel ablehnen, da
sie das Aushandeln unserer Forderungen mit den verantwortlichen
Politikern für unmöglich oder gar schädlich halten. Es ist zwar richtig,
dass alle bisherigen Erfolge des Bildungsstreiks und auch anderer
Bewegungen nicht durch Verhandlungen sondern den „Druck von der Straße“,
das heißt Proteste, Demonstrationen, Besetzungen und Streiks erkämpft
wurden und nicht durch Verhandlungen. Allerdings gibt es nach wie vor
gewisse Illusionen in die herrschenden PolitikerInnen und ihre Gremien.
Um sie zu entlarven kann eine öffentliche Diskussion und sogar ein
Scheitern der Verhandlungen auf einem großen, öffentlichen Gipfel nur
von Vorteil sein. Einer weiteren Kritik, der Angst, dass die
verhandelnden BildungsstreikaktivistInnen durch ihre Rolle eine
Machtposition bekämen und „böse“ Hierarchien aufgebaut würden, begegnen
SAV-Mitglieder mit der Forderung nach Strukturen mit demokratisch
gewählten Delegierten und Mehrheitsentscheidungen. Bis zum Ende des
Treffens kam es zu keiner Entscheidung über den Bildungsgipfel.
Lernende und arbeitende Bevölkerung
Im Verlauf des Treffens wurde betont mehr Betroffene zu gemeinsamen
Protesten zusammen bringen zu wollen. Die anwesenden Schülerinnen und
Schüler setzten sich mehrmals in Schülerplena zusammen und diskutierten
darüber eigene bundesweite Strukturen und Treffen ins Leben zu rufen.
Ein bundesweiter SchülerInnenkongress vor dem nächsten Bildungsstreik
ist nun in Planung.
Die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und sozialen Bewegungen wurde
insbesondere in Bezug auf die Demonstrationen des „Wir zahlen nicht für
eure Krise“ Bündnisses hervorgehoben. Die lernende und arbeitende
Bevölkerung müsse gemeinsam kämpfen. Für die Demonstration am 20. März
in Essen wurde konkret mit der Planung einen Bildungsstreikblocks
begonnen.
In zahlreichen Beiträgen wurde das Thema Jugendarbeitslosigkeit mit
aufgegriffen. In der Krise führen weniger Ausbildungsplätze und
Niedriglohn auch zu mehr Zukunftsängsten unter SchülerInnen und
Studierenden. Deshalb sei der gemeinsame Kampf mit Gewerkschaftsjugenden
und Azubis besonders wichtig. Der Aufruf „Jugend für Arbeit, Bildung,
Ausbildung und Übernahme – die Generation Krise schlägt zurück“ (www.generationkrise.de)
wurde vorgestellt und erhielt weitere UnterstützerInnen.
Wie weiter?
Geprägt von langwierigen Verfahrensdebatten blieben wichtige Fragen für
die Proteste diesen Jahres offen. Wird es demokratische Strukturen von
SchülerInnen und Studierenden geben, welche die Bewegung tragen können?
Wird der Bildungsstreik in der Lage sein, mehr Betroffene zu erreichen
und die Bewegung zu steigern? Welche Forderungen stellt die Bewegung?
Sind Besetzungsstreiks im Juni realistisch und umsetzbar?
Die Diskussionen müssen nun vor Ort fortgesetzt werden. Mit einer guten
Vorbereitung der nächsten Schritte, Proteste und Diskussionen kann der
Bildungsstreik 2010 ein großer Erfolg werden und Verbesserungen
erkämpfen. Die bundesweite Koordinierung aller Aktionen fehlt weiterhin,
was ein Hindernis darstellt. Es bleiben viele Aufgaben bis zum Streik zu
erledigen. Das nächste Treffen wird sich ihnen stellen müssen: es soll
noch vor Ostern diesen Jahres stattfinden.
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