Ver.di Baden Württemberg schreibt Geschichte
[Druckversion] Thema: Arbeitskämpfe, veröffentlicht: 15.12.2005
Zwei Monate nach dem Streik an den Unikliniken legen landesweit 20.000
Beschäftigte einen Tag lang die Arbeit nieder
Was unterscheidet Baden Württemberg von anderen Bundesländern? Die
Tarifflucht bei den Unikliniken gibt es auch anderswo. In NRW sogar
schon viel länger, nämlich seit dem Jahr 2001, durchgeführt von einer
SPD/GRÜNEN-Regierung. Das Land Hessen ist Ende März 2004 aus dem
Arbeitgeberverband ausgetreten. Die notwendige Antwort darauf wäre ein
landesweiter Streik im öffentlichen Dienst. Doch der bleibt aus. Die
Koch-Regierung fühlt sich dadurch ermutigt, immer noch eins drauf zu
setzen. Jetzt sollen sogar die Unikliniken privatisiert werden.
Haltelinie bei BeamtInnen und Länderbeschäftigten weggebrochen
Immer wieder ruft ver.di in den verschiedenen Bundesländern einzelne
Gruppen von Länderbeschäftigten zu Warnstreiks. In Niedersachsen gab es
13 Warnstreiks in den letzten zwei Jahren, in Hamburg sieben. Von ver.di
gibt es keine Strategie, wie die Verschlechterungen bei den
Länderbeschäftigten und Beamtinnen zurückgeschlagen werden können. Die
betroffenen Kolleginnen und Kollegen haben das Vertrauen in ver.di und
in ihre eigene Stärke verloren. Hinzu kommt, dass ver.di mit dem neuen
Tarifvertrag öffentlicher Dienst (TvöD) einen Absenkungstarifvertrag
unterschrieben hat. Für die Beschäftigten bei den Ländern, die noch im
BAT sind, ergibt sich die groteske Situation, dass die Forderung von
ver.di nach Übernahme des TvöD für sie auf eine Verschlechterung
hinausläuft. Und dafür streiken? Besonders aussichtslos erscheint die
Lage der BeamtInnen. Sie wurden als erstes mit der Streichung von
Urlaubs- und Weihnachtsgeld und der Verlängerung der Arbeitszeit
angegriffen. Drei Tage nachdem die von der Bundesregierung verhängte
unbezahlte Arbeitszeitverlängerung für die BundesbeamtInnen auf 40
Stunden in kraft trat, vereinbarten Ex-Innenminister Schily und Bsirske
im Oktober 2004 in einmütiger Übereinstimmung eine gemeinsame
„Beamtenrechtsreform“, mit der die Verschlechterungen bei den BeamtInnen
festgeschrieben wurden. Die Folge dieser Politik ist, dass sich unter
den Beschäftigten des öffentlichen Dienstes – allen voran der BeamtInnen
- eine enorme Wut aufgebaut hat, aber gleichzeitig das Gefühl von
Ohnmacht dominiert.
Kämpfen oder Zurückweichen
Wenn die Entwicklung in Baden Württemberg jetzt eine Wendung nimmt, dann
liegt das in erster Linie daran, dass es hier in der ver.di-Führung auf
Landesebene, in den Personalräten der Unikliniken, am Klinikum Stuttgart
und vor allem in der ver.di-Führung des Bezirks Stuttgart, Funktionäre
gibt, die vor die Alternative gestellt, zu kämpfen oder weiter
zurückweichen, sich fürs kämpfen entschieden haben. Allerdings haben sie
dabei meist wenig Vertrauen in die eigene Basis. Schlechte Beteiligungen
bei Funktionärsversammlungen oder Gewerkschaftsveranstaltungen, wenig
Bereitschaft in die Gewerkschaft einzutreten, werden interpretiert als
Ausdruck von mangelnder Kampfbereitschaft. Die Vorstellung ist, dass man
in vielen Schritten, die Kampfkraft aufbauen müsse. Diese Einschätzung
verkennt die Lage völlig. Es ist der Unmut über die Politik der
Gewerkschaftsführung, das mangelnde Vertrauen in den Apparat und
abschreckende bürokratische Strukturen, die die Kollegen davon abhalten
in die Gewerkschaft einzutreten und dort aktiv zu werden. Ein ernst
gemeinter Kampf ist heute Voraussetzung dafür, dass Kollegen das
verloren gegangene Vertrauen in die Gewerkschaft zurückgewinnen bzw.
dass sich Kolleginnen und Kollegen verstärkt in der Gewerkschaft
engagieren. Und besser als die meisten FunktionärInnen haben die
KollegInnen das Gespür dafür, dass Klecker-Aktionen nichts bringen. Sie
wissen, dass man richtig und gemeinsam kämpfen muss, um was zu
erreichen. Die Erfahrung in Baden Württemberg in den letzten Wochen hat
gezeigt, dass ein ernsthafter Kampf in den Betrieben eine Dynamik
auslöst, die die Funktionäre und den Apparat regelrecht überrollen. Zu
Beginn des Streiks bei den Unikliniken, sagte die
Landesbezirksvorsitzende Sybille Stamm, dass ver.di sich auf eine
monatelange Auseinandersetzung an den Unikliniken einstelle. Sie konnte
sich offensichtlich nicht vorstellen, dass sich bei einem
Organisationsgrad von unter 20% binnen Tagen ein machtvoller Streik
entwickeln könnte. Genau das war jedoch der Fall. Die riesige
Streikbeteiligung – auch von Nichtorganisierten - brachte die arroganten
Klinikmanager und Landespolitiker innerhalb von Tagen zurück an den
Verhandlungstisch und nach 10 Tagen Streik war ein Abschluss über dem
TvöD erreicht.
Mit dem Streik an den baden-württembergischen Unikliniken wurde ein
Signal gesetzt, das bundesweite Auswirkungen hat. Die erste Auswirkung
davon ist eine bundesweite Streikwelle in den Krankenhäusern.
Dem Paukenschlag an den Unikliniken folgte am 5.12. ein weiterer
Befreiungsschlag in Baden Württemberg. Es kam zu einem landesweiten
gemeinsamen eintägigen Streik im Einzelhandel, bei den Versicherungen,
bei den Beschäftigten des Landes und der Kommunen. In vielen Städten gab
es Kundgebungen und Demonstrationen. Allein in Stuttgart marschierten
10.000 Beschäftigte und Studierende durch die Innenstadt. Sogar eine
Gruppe von BeamtInnen der Polizeigewerkschaft war darunter – laut
Aussage der ver.di-Landesbezirksvorsitzenden, Sybille Stamm, haben diese
Kollegen an diesem Tag sogar gestreikt. Alle hatten ihren Grund für
Streik und Demonstration. Bei den Länderbeschäftigten herrscht seit zwei
Jahren tarifloser Zustand, die Arbeitgeber im Einzelhandel und bei den
Versicherungen provozieren in der Tarifrunde mit Arbeitszeitverlängerung
und Lohnkürzungen. Obendrein kündigen die Versicherungskonzerne aufgrund
von Rationalisierung und Umstrukturierung den Abbau von Zehntausenden
von Stellen an. Der kommunale Arbeitgeberverband in Baden Württemberg
hat die Arbeitszeitregelung des TvöD gekündigt. Alle Neueingestellten
bekommen ab Dezember diesen Jahres 40-Stunden-Verträge. Das bedeutet die
Vernichtung von 6.000 Stellen in den städtischen Betrieben.
Alle gemeinsam
Vor Jahren wurde der Zusammenschluss mehrerer Gewerkschaften zu ver.di
damit begründet, dass Einigkeit stark macht. Bisher blieb der gemeinsame
Kampf jedoch aus. Der öffentliche Dienst, ein Bereich, in dem in der
Vergangenheit Beschäftigte der Kommunen, bei den Ländern und beim Bund
gemeinsam gekämpft hat, wurde in verschiedene Fachbereiche zerlegt. Man
bekommt den Eindruck, dass ein gemeinsamer Kampf vom Apparat bewusst
verhindert wird. So haben z.B. ver.di-Funktionäre in Hamburg getrennte
Warnstreiks von öffentlichem Dienst am 4.11. und dem Einzelhandel am
6.11. damit begründet, dass man sich nicht gegenseitig die Show stehlen
wolle.
Jetzt endlich wurde einmal die Möglichkeit, die ver.di bietet, ein
ganzes Stück weit genutzt.
Kürzer statt länger arbeiten
Immer wieder wurde in den letzten Jahren von ver.di-Funktionären – auch
von Linken – behauptet, die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung bei
vollem Lohnausgleich würde nicht der Stimmung in den Betrieben
entsprechen. Der 5.12. hat diese Einschätzung widerlegt. Es gibt eine
klare und eindeutige Ablehnung von Arbeitszeitverlängerung, nicht nur
wegen dem gestiegenen Arbeitsstress, sondern auch aus Verantwortung
gegenüber den Arbeitslosen und der Jugend. Eine Funktionärsversammlung
von ver.di Stuttgart für die Bereiche des öffentlichen Dienstes vor dem
5.12. hatte bereits entschieden, der Forderung der kommunalen
Arbeitgeber die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung entgegenzustellen.
Eine Zahl wurde bisher noch nicht festgelegt. Für den Streiktag hatten
KollegInnen Transparente und Schilder gemacht, auf denen sie sich nicht
nur gegen Arbeitszeitverlängerung, sondern für Arbeitszeitverkürzung
aussprachen. Von 18 Minuten Arbeitszeitverkürzung statt 18 Minuten
Verlängerung, über die 37-, 35- und 30-Stunden-Woche bei vollem
Lohnausgleich war an diesem Tag alles vertreten. Das Aktionskomitee am
Bürgerhospital hat in einer Resolution nach dem Streik die Forderung
nach 35,8 statt 38,5 bei vollem Lohn- und Personalausgleich und
sofortige Umsetzung in neue Stellen erhoben. Der Angriff auf die
Arbeitszeit mobilisiert auch die Jugend, die erkennt, dass ihnen jede
Stunde Arbeitszeitverlängerung berufliche Perspektive und Zukunft klaut.
Und so haben sich die Azubis auffallend stark am 5.12. beteiligt. Aber
nicht nur die Frage der Arbeitszeit treibt die Kolleginnen und Kollegen
um, sondern auch der Lohn. Die Beschäftigten brauchen und wollen mehr
Geld. Auch das haben sie beim landesweiten Streiktag zum Ausdruck
gebracht und den anwesenden Journalisten in ihre Mikrofone gesprochen.
Kurzum, der Unmut und die akkumulierte Unzufriedenheit mit der Situation
am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft hat sich an diesem Tag Bahn
gebrochen. Die vorherrschende Stimmung war, dass Schluss sein muss mit
weiteren Angriffen und Verzicht.
20.000 streikten am 5.12. in 300 Betrieben
„Der Funke sprang über – entzündete die Herzen“, so steht es in einer
Pressemitteilung von ver.di Baden Württemberg vom 5.12. 05. Und weiter
heißt es „Als ob sie es geahnt hätten. Eine bereits kampferprobte
Delegation der Uniklinik Freiburg überreicht brennende Fackeln den
Arbeitskampfleitungen verschiedener Landes- und Kommunaleinrichtungen,
um neue Streikfackeln zu entzünden. Der Funke springt über! Und wie er
überspringt: In über 300 Betrieben Baden Württembergs befinden sich
heute weit über 20.000 Beschäftigte im Streik.“
Aber Berichte verschiedener Lokalzeitungen legen die Vermutung nahe,
dass die Zahlen zu niedrig sind, weil ver.di selbst von der Dynamik des
Protests überrollt wurde. Verschiedene Lokalzeitungen nannten folgende
Beispiele: Raum Mannheim und Heidelberg 4.000, Tübingen 300, Reutlingen
300 Beschäftigte des Öffentlichen Diensts und weitere Beschäftigte von
Kaufhof, 120 Beschäftigte in Mössingen und weitere in Pfullingen, 220 in
Konstanz, 100 in Singen, 150 in Friedrichshafen, über 100 in Villingen,
in Südbaden insgesamt 1000. In Karlsruhe, wo sich nach überregionaler
Presse 2000, nach Lokalpresse 2.500 beteiligten, erschien am folgenden
Tag folgende lebendige Schilderung: „OP-Schwestern mit Häubchen und
Mundschutz standen neben den Müllmännern in ihrer orangefarbenen Kluft,
Sozialarbeiter in städtischem Dienst reihten sich bei kommunalem
Gartenpersonal ein. Als dann die rund 1000 Versicherungsleute zur
Solidaritätsadresse vorbeischauten und die Hälfte der Rüppurrer Straße
blockierten, wuchs die Lautstärke der Trommelschläge, der Trillerpfeifen
und der Buhrufe gegen die Arbeitgeberforderungen zum Protestorkan.“
(Badische Neueste Nachrichten, 6.12.2005). In Heilbronn zogen 750
Streikende durch die Innenstadt und besetzten vorübergehend das Rathaus.
Zehntausend in Stuttgart
Mit 10.000 Streik- und DemoteilnehmerInnen gab es am 5.12. in der
Landeshauptstadt mit Abstand die beste Beteiligung. Dafür gibt es
abgesehen von der Größe der Stadt weitere Faktoren. Zum einen war es die
Provokation der Stadt Stuttgart, die Verlängerung der Arbeitszeit
bereits ab 1.12. umzusetzen. Neueingestellte werden auf der Basis der
40-Stunden eingestellt. Sie bekommen zwar Arbeitsverträge mit
38,5-Wochen Arbeitszeit, aber nur zum Lohn von 96,25% einer vollen
Stelle. Ein zweiter wichtiger Faktor ist der subjektive Faktor der
Bezirksleitung um Bernd Riexinger, die die Position einnimmt, dass es
kein weiteres Zurückweichen mehr geben darf und die 38,5-Stunden-Woche
gehalten werden muss. Diese Position wurde auch bei Betriebs- und
Personalversammlungen im Vorfeld vermittelt und die Belegschaften auf
Kampf eingestellt. Zudem wurden bei der Allianz zuvor schon erfolgreiche
Protestaktionen organisiert, auf denen man weiter aufbauen konnte. Der
Streik war von ver.di als ganztägiger Warnstreik konzipiert. Auch das
war ein mobilisierender Faktor, weil es Entschlossenheit ausdrückte. Was
die Mobilisierungsfähigkeit betrifft, war der Stuttgarter ver.di-Apparat
gedämpft optimistisch. Eine Demo wurde erst aufgrund des Drucks einer
Funktionärsversammlung angemeldet. Für die Abschlusskundgebung wurde ein
Platz angemeldet, auf den ein paar Hundert Leute passen. Bei der
Streikbeteiligung ging ver.di Stuttgart zunächst von 2.000 Kolleginnen
und Kollegen aus. Diese Fehleinschätzung wurde schon am frühen Morgen
über den Haufen geworfen. Der Platz für die Kundgebung musste geändert
werden. Das Streiklokal, DGB-Haus, quoll über vor Streikenden, die hier
ihr Streikgeld abholten, Eintrittsformulare ausfüllten, Reden zuhörten
und sich mit Essen und Trinken versorgten. Neben den kommunalen und
Landesbeschäftigten streikten 600-700 Beschäftigte von Versicherungen
(Allianz Sach und Allianz Leben) und auch aus dem Einzelhandel
(Kaufhof). Die Beschäftigten fuhren oder gingen (teils in Demo-Zügen) am
Vormittag zum Gewerkschaftshaus. Danach gab es einen langen und sehr
lauten Demo-Zug durch die Innenstadt. Unzählige selbstgemachte
Transparente wurden mitgebracht. Es wurde Krach geschlagen mit
Trillerpfeifen, Tröten, Kochtöpfen. Kollegen schnappten sich Megaphone
und formulierten Parolen gegen die Arbeitgeber. Ein italienischer
Kollege des Olgahospitals stimmte Avanti Popolo und zwei Personalräte
des Bürgerhospitals die Internationale an. Im Klinikum Stuttgart
arbeitete nur eine Notbesetzung, zwischen 1.200 und 1.500
Krankenhausbeschäftigte, davon 200 Azubis, beteiligten sich an Streik
und Demonstration. Außer Notoperationen lief nichts in den OPs. Zwei
Kollegen aus der Psychatrie kamen von der Nachtschicht direkt zu Streik
und Demonstration und mussten am gleichen Abend die nächste Nachtschicht
antreten. KollegInnen, die vor Jahren enttäuscht aus der ÖTV bzw. ver.di
ausgetreten sind, waren beim Streik dabei und sind offen für einen
Wieder-Eintritt in die Gewerkschaft. Sie werden aber erst dann
eintreten, wenn ver.di hart bleibt und den Konflikt nicht wieder mit
einem faulen Kompromiss beendet. Die größte Dynamik entfaltete der
Streik an den Kindertagesstätten. Von den 180 städtischen Kitas blieben
171 zu. 1.250 Erzieherinnen und andere Mitarbeiter des Jugendamts waren
im Streik. So kampfstarke Betriebe wie die Abfallwirtschaft (Müllabfuhr)
und das Staatstheater streikten natürlich auch. Außerdem streikten
zahlreiche städtische und Landesämter. Weil das Amt für öffentliche
Ordnung streikte, gab es am 5.12. in ganz Stuttgart keine Strafzettel.
Auch die Hälfte der Belegschaft des Standesamtes war im Ausstand. Die
Sympathie der Bevölkerung auf den Streik war überwältigend. Die
Lokalpresse, die im Vorfeld mächtig Stimmung machte gegen den Streik,
musste in ihrer Berichterstattung am Tag danach feststellen, dass der
Streik die Sympathie der Bevölkerung auf seiner Seite hatte.
Immer wieder gab es freundliche Gesichter in den Fenstern und Leute die
solidarisch winkten. Als der Zug an der mehrspurigen Straße am
Hauptbahnhof vorbeizog, gab es ein solidarisches Hupkonzert von Auto-
und vor allem von LKW-Fahrern auf der Gegenspur. Leider hat der
öffentliche Nahverkehr, der beim Streik 1992 eine wichtige Rolle
spielte, inzwischen einen Spartentarifvertrag und ist deshalb an der
aktuellen Tarifauseinandersetzung nicht beteiligt. Allerdings wurde der
Straßenbahnverkehr durch die Demonstration aus dem Takt gebracht.
Die Stadt Stuttgart (Oberbürgermeister Schuster, CDU, und Bürgermeister
Murawski, Grüne) versuchte sich vorher mit Einschüchterung. Beim Garten-
und Friedhofsamt wurde sogar mit Entlassungen gedroht. Nachdem ver.di
mit der Gegendrohung parierte, den Streik um einen Tag zu verlängern,
ruderten diese Herren schnell zurück und ließen über die Presse
verkünden, es werde keine Sanktionen geben.
Statt dessen meinten sie dann, dass 18 Minuten pro Tag doch wirklich
nichts ausmachten. Worauf ver.di zu Recht antwortete, dass man dann doch
die Arbeitszeit um 18 Minuten pro Tag verkürzen könne.
Für den 23. Januar ist eine Verhandlungsrunde mit den Arbeitgebern
geplant. Der Fahrplan von ver.di sieht vor, wenn diese Verhandlungen
nicht zu einem Ergebnis führen, Urabstimmung und einen unbefristeten
Erzwingungsstreik ab Anfang Februar.
Der Organisationsgrad und die Streikfähigkeit in den verschiedenen
Bereichen ist sehr unterschiedlich. Aber solche Warnstreiks sind das
beste Mittel, um beides zu heben. In den Wochen vor dem Warnstreik gab
es bei ver.di Stuttgart 140 Eintritte. Am Streiktag selber 250. Die
stärkeren Bereiche machen den schwächeren Mut. Z.B. bei der Uni
Stuttgart ist beim Uni-Standort Stadtmitte der Organisationsgrad und die
Streikfähigkeit geringer. Bei den verschiedenen Protestaktionen der
Landesbeschäftigten war die Beteiligung nicht immer berauschend, vor
allem deshalb, weil es bereits zeitlich weit gestreckt, vereinzelte
Warnstreiks, aber keine Perspektive für einen erfolgreichen Kampf gab.
Aber diesmal standen am Morgen auf der anderen Straßenseite vor dem
städtischen Katharinenhospital auch Streikposten, die schließlich zu
einer Kundgebung von Hunderten Beschäftigten und zu einem langen
Demo-Zug hin zur Auftaktkundgebung am Gewerkschaftshaus anschwollen. Bei
aller Begeisterung und Kampfbereitschaft, die sich am 5.12.05 in
Baden-Württemberg gezeigt, schwingt aber gleichzeitig eine enorme
Skepsis gegenüber ver.di mit. Nach wiederholten Niederlagen auf der
Tarifebene fragen sich die Kolleginnen und Kollegen, ob ver.di denn
diesmal hart bleibt oder die Beschäftigten am Ende doch wieder verkauft.
Symptomatisch dafür ist die Reaktion eines Müllwerkers bei einer
betrieblichen Protestaktion Ende Oktober. Als ver.di-Geschäftsführer
Bernd Riexinger in seiner Rede verkündete, dass es mit ver.di keine
Minute Arbeitszeitverlängerung geben würde, rief der Kollege
misstrauisch dazwischen: „Dein Wort in Gottes Ohr“!.
Neuaufbau der gewerkschaftlichen Strukturen
Der bevorstehende Streik bietet die Chance die zusammengebrochen
Gewerkschaftsstrukturen in den Betrieben, Vertrauenskörper und
Betriebsgruppen wieder aufzubauen und Stellvertreterpolitik durch die
Aktivierung der Basis abzubauen. Dazu ist es notwendig, dass die
Belegschaften und die Gewerkschaftsbasis an den Diskussionen und
Entscheidungen über Streikforderungen und Kampfstrategie und die
Organisierung und Durchführung von Kampfmaßnahmen bewusst einbezogen
werden und gläserne Tarifverhandlungen geführt werden. Positives
Beispiel in diese Richtung war die öffentliche Sitzung der
Tarifkommission mit um die 1.000 Kolleginnen und Kollegen der
Unikliniken, bei der das Scheitern der Verhandlungen und Urabstimmung
beantragt wurde. Negativbeispiel war die Verkündung des
Verhandlungsergebnisses als Abschluss und den Abbruch des Streiks bevor
die Basis über das Ergebnis diskutierte und vor der Urabstimmung.
AktivistInnen aus den Unikliniken kritisierten zurecht, dass damit
Fakten geschaffen wurden und eine Fortsetzung des Streiks unmöglich
gemacht wurde.
Studierende und Beschäftigte gemeinsam?!
Schon seit Monaten hatten sich SAV und die offene WASG-Hochschulgruppe
an der Uni dafür eingesetzt, den Kampf gegen Studiengebühren mit dem
Kampf der Beschäftigten zu verbinden. Beschäftigte sind als Eltern von
Studierenden oder künftigen Studierenden von Studiengebühren ebenso
betroffen wie Studierende als künftige Beschäftigte von
Arbeitsplatzvernichtung durch Arbeitszeitverlängerung. Ein gemeinsamer
Kampf erzeugt mehr Selbstvertrauen und mehr Druck auf die Gegenseite,
wie der Streiktag am 5.12. gezeigt hat. Studierende, deren Streiks
keinen wirtschaftlichen Druck erzeugen, werden ohne massive
Unterstützung der Beschäftigten die Einführung der Gebühren nicht
verhindern können. Aus diesem Grund hat sich die offene
WASG-Hochschulgruppe von Anfang an für einen gemeinsamen Kampf von
Studierenden und Beschäftigten eingesetzt und alles getan, um diesen
gemeinsamen Kampf zustande zu bringen. Ein Aufruf für einen
„landesweiten Aufstand“ wurde unter anderem von der GEW, ver.di- und
IGM-Jugend, ver.di-Geschäftsführer Bernd Riexinger, der Bevollmächtigten
der IGM Schwäbisch Hall, einigen Betriebs-, Personalräten und
Jugendvertretern und politischen Organisationen, darunter der SAV
Stuttgart, unterzeichnet und in einer Auflage von 50.000 Exemplaren
gedruckt und an Unis, Schulen und Betrieben verteilt.
Studierenden-VertreterInnen nutzten betriebliche Protestaktionen und
Funktionärskonferenzen, um den Kolleginnen und Kollegen ein gemeinsames
Bündnis und einen gemeinsamen im Kampf gegen Arbeitszeitverlängerung,
Lohndiktat und Studiengebühren vorzuschlagen. Das unmittelbare Ergebnis
war, dass bei der Demo von Zehntausend Studierenden am 30.11. gegen
Studiengebühren, mehr Eltern und Beschäftigte teilnahmen als bei den
Protestaktionen im Semester davor, es eine gemeinsame Pressekonferenz
von Studierenden und Gewerkschaftsfunktionären gab und
Gewerkschaftsvertreter als Redner bei der Kundgebung auftraten. Leider
konnte ein Streikaufruf für die Studierenden für den 5.12. in den
offiziellen Studi-Gremien nicht durchgesetzt werden. Und ohne zu
streiken konnten sich Studierende kaum am Streik der Beschäftigten
beteiligen (und deren Streik wirkte sich kaum auf den Vorlesungsbetrieb
aus). Deshalb standen nur AktivistInnen der WASG-Hochschulgruppe am
Morgen mit den streikenden Beschäftigten zusammen vor der Uni und
mobilisierten bei den Studierenden für die Demo. Der Studierendenblock
auf der Demo am 5.12. war zwar mit mehreren Transparenten sichtbar und
mit Megaphon und Sprechchören laut, aber nicht sehr groß. Das Grußwort
von Tinette Schnatterer für die streikenden Beschäftigten und der
Vorschlag, der bereits Wochen zuvor diskutiert wurde, am 15.12. nochmal
gemeinsam zu streiken und zu demonstrieren bekam großen Beifall. Dennoch
wurde der Vorschlag von den ver.di-Funktionären nicht aufgegriffen. Wäre
die Begeisterung des Tages genutzt worden, der versammelten Masse den
15.12. als nächsten Warnstreik anzukündigen, hätte die Chance bestanden,
tatsächlich 10 Tage später eine ordentliche Schippe draufzulegen. Diese
Chance wurde leider verspielt. Was bleibt ist der Ansatz eines
Bündnisses von Studierenden und Beschäftigten, das künftig weiter
entwickelt werden kann.
von Ursel Beck und Wolfram Klein, Stuttgart
Zitate des Tages
„Nach einer Umfrage des Personalrats am Klinikum haben 70% der
Beschäftigten angegeben, dass sie unter Zeitdruck stehen oder sogar sehr
unter Zeitdruck stehen. Und 75% sagen, dass der Zeitdruck in den letzten
Jahren enorm zugenommen hat. Und die Antwort darauf kann nicht sein, die
Arbeitszeit zu verlängern, sondern die Antwort muss sein, die
Arbeitszeit zu verkürzen. Und ich frag mal, wenn die Arbeitgeber so
frech sind, den Tarifvertrag zur Arbeitszeitszeit zu kündigen, warum
stellen wir dann nicht die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung,
mindestens um die gleiche Länge, nämlich mindestens um 1 ½ Stunden ohne
Lohnverlust und bei vollem Personalausgleich“
Dieter Janssen, SAV-Mitglied und betrieblicher Streikleiter am
Bürgerhospital, am 5.12. bei einer Streikkundgebung vor dem
Bürgerhospital
„Wir müssen uns auf einen unbefristeten Streik vorbereiten. Und da
müssen wir alle zusammenstehen. Und da ist es wichtig, und ich fordere
alle auf, die nicht in der Gewerkschaft sind, organisiert Euch in der
Gewerkschaft, zu Eurem eigenen Schutz und damit wir die Möglichkeit
haben uns zu wehren. Doch das allein reicht lange nicht. Deswegen
fordere ich alle auf, die eintreten und die schon in ver.di sind, mischt
Euch ein. Lasst nicht zu, dass es jetzt bei der Arbeitszeit wieder so
ein erbärmliches Ergebnis gibt wie beim neuen Tarifvertrag öffentlicher
Dienst.“
Michael Döcker, Streikleiter am Bürgerhospital, am 5.12. bei einer
Streikkundgebung vor dem Bürgerhospital.
„Sie sagen uns immer, die öffentlichen Kassen sind leer. Nein, sie sind
nicht leer. Sie wurden geleert. Wenn Millionären 100.000 Euro
Steuervergünstigungen jedes Jahr hinterher geworfen werden, wenn die
Reichen und Konzerne in diesem Land keine Steuern mehr bezahlen, dann
sehen wir nicht ein, dass den kleinen Leuten im öffentlichen Dienst die
Arbeitszeit verlängert wird und ihnen auch noch Geld weggenommen wird.
Und das Wichtigste an allem, liebe Kolleginnen und Kollegen, wir lassen
uns unsere Würde als Menschen nicht nehmen. Wir sagen: wir lassen uns
nicht auf Kostenfaktoren oder Börsenwerte reduzieren.... Wir sagen nicht
nur 38,5 sind genug. Wir sagen auch 38,5 Stunden sind zu viel. Und wenn
Herr Schuster sagt, „18 Minuten am Tag was ist das schon“, dann sagen
wir: jawohl Herr Schuster, was ist das schon. Wir machen es 18 Minuten
kürzer. Wir sagen mit 18 Minuten kürzer kann man nicht nur 600
Arbeitsplätze weniger in der Stadt vernichten, nein man kann damit 600
Arbeitsplätze schaffen. Und das ist angesagt.“
Bernd Riexinger, ver.di-Geschäftsführer aus Stuttgart, in seiner Rede
bei der Kundgebung am 5.12. auf dem Wilhelmsplatz in Stuttgart
„Ich finde, dass meine Arbeit keinen Spaß mehr macht. Ich wollte als
Krankenschwester viel mit Menschen zu tun haben. Aber ich muss mich in
einer Schicht um etwa 12 Patienten kümmern. Da bleibt keine Zeit mehr
für einen Schwatz. Das ist reine Abfertigung! Jetzt sollen wir noch mehr
arbeiten und das für so wenig Geld, dass wir nicht einmal eine Familie
richtig ernähren können. Das geht doch nicht.“
Rachel Krieglstein, Krankenschwester am Klinikum, gegenüber den
Stuttgarter Nachrichten, 6.12.05
"Wir werden uns dem Arbeitszeitdiktat der Stadt nicht beugen...Im
Rathaus weiß doch keiner was für ein Knochenjob die Müllabfuhr ist. Wir
müssen bei jedem Wetter und auch an Samstagen raus. Du schleppst bis zu
zehn Tonnen am Tag. Das ist körperliche Ausbeutung.“
Bernd Griesch, Streikposten bei der Abfallwirtschaft Stuttgart,
gegenüber der Stuttgarter Zeitung, 6.12.05
„Wir sind heute hier, weil wir in Zukunft betroffen sein werden, wenn es
Euch nicht gelingt, die Angriffe auf Arbeitszeit und Lohn
zurückzuschlagen. Wir sind aber auch deshalb hier, weil es die gleiche
Landesregierung ist, die mit dem Argument der leeren Kassen Eure
Arbeitsbedingungen verschlechtert und bei uns Studiengebühren
einführt...Letzte Woche waren zehntausend Studierende aus ganz Baden
Württemberg auf der Straße. Heute seid ihr mit zehntausend Leuten hier.
Das sind zwei Zeichen dafür, dass es sich lohn künftig gemeinsam zu
kämpfen. Ich denke, es wäre gut, am 15.12. nochmal gemeinsam auf die
Straße zu gehen.“
Tinette Schnatterer, SAV-Mitglied, als Vertreterin des Studentenblocks
bei der Kundgebung am 5.12.05.
„Wir dürfen uns nicht länger spalten lassen in Länderbeschäftigte,
Beamt/innen und kommunale Beschäftigte. Der gesamte öffentliche Dienst
muss gemeinsam dafür streiken, die erkämpften tariflichen
Errungenschaften zu verteidigen. Und wir müssen im Schulterschluss mit
den Kolleg/innen im Einzelhandel, bei den Versicherungen und allen
anderen Bereichen und Branchen unsere gewerkschaftliche Macht zum
Einsatz bringen. Noch immer gilt: Millionen sind stärker als Millionäre
und ihre Politiker“.
Solidaritätsadresse der ver.di-Betriebsgruppe am Klinikum Kassel für die
Streikenden in Baden Württemberg
„Das war die beste Warnstreikaktion, die ich jemals erlebt hab“.
Ari Häcker, SAV-Mitglied und Streikleiter im Krankenhaus Feuerbach und
seit 1994 im öffentlichen Dienst
|